Viele Lernprozesse finden im Rahmen der Erziehung durch Elternhaus, Schule, und andere Bezugspersonen statt. Über diese Personen können Werte, Normen und Rollen einer bestimmten Kultur vermittelt werden. Solche Lernprozesse laufen auch in sozialen Gruppen (beispielsweise Basketballmannschaften oder Familienbetrieben) in unserer Kultur ab. Kulturelle Güter und Werte – also vom Menschen geschaffene Gegebenheiten – wandeln sich im Verlauf der Zeit beispielsweise durch die künstlerische, wissenschaftliche, technische und religiöse Entwicklung.

Was versteht man unter Lernen?

Unter Lernen versteht man den Erwerb von geistigen, körperlichen und sozialen Kenntnissen, Fertigkeiten oder Fähigkeiten. Die Fähigkeit zu Lernen ist für den Mensch eine Grundvoraussetzung, um sich den Gegebenheiten des Lebens und der (kulturellen) Umwelt anpassen und diese verändern zu können. Ein Mensch aus einer fremden Kultur müsste (um in der deutschen Kultur zu leben) beispielsweise die Sprache, den Sinn von Symbolen, Sitten, Verhaltensregeln, die Funktion von Werkzeugen und Kulturgütern, eigene Rechte und Pflichten sowie Werte- und Glaubenssysteme lernen.

Erziehung und Sozialisation

Vieles von dem, was der Mensch lernt, erfährt er im Rahmen der Erziehung. Durch die Erziehung werden der Geist und der Charakter einer Person gebildet und ihre Entwicklung gefördert. Somit wird durch die Erziehung als absichtliche Einwirkung die Sozialisation des heranwachsenden Menschen unterstützt. Der Mensch wird durch das Lernen und die Erziehung in seiner jeweiligen Kultur handlungsfähig. Erziehungsziele sind nach heutigem Verständnis unter anderem individueller Kompetenzzuwachs, differenziertere Handlungsfähigkeit in der jeweiligen Kultur und letztlich Selbstbestimmtheit und Emanzipation. Ziele sind auch mit Erwartungen verbunden.

Während der Erziehung beziehungsweise Sozialisation werden Erwartungen erlernt, die mit der jeweiligen Geschlechterrolle als Mädchen oder Junge verknüpft sind. Der Ablösungsprozess von der Mutter ist bei Mädchen und Jungen verschieden – man spricht von geschlechtsspezifischer Sozialisation. Mädchen bleiben den Müttern oftmals näher als Jungen. Dadurch sozialisieren Frauen eher Eigenschaften wie Nähe, Sensibilität und emotionales Mitfühlen. Jungen dagegen finden ihre Identität eher durch die radikale Ablösung von der Mutter und ihrer ursprünglichen Nähe. Männer können sich in ihrer Identität später eher bedroht fühlen, sobald sie mit einer Person emotional sehr eng verbunden sind.

Der Erziehungsstil von Vater und Mutter hat langfristige Wirkungen auf die (kulturellen) Wertorientierungen und das Verhalten des heranwachsenden Menschen. Man kann zwischen einschränkendem, unterstützendem, forderndem oder abweisendem Erziehungsstil der Eltern unterscheiden. Studien haben ergeben, dass bei unterstützendem Verhalten der Mutter in der frühen Kindheit und angemessen forderndem Verhalten in den nachfolgenden Jahren mit einer hohen Leistungsorientierung im Jugendalter zu rechnen ist. Dagegen hat sich forderndes Verhalten der Mutter in der frühen Kindheit und unterstützendes Verhalten in den Folgejahren nicht als positiv für die Entwicklung hoher Leistungsorientierung erwiesen.

Gewalt im Zusammenhang mit Erziehung

Ein wichtiges Thema für Jugendliche heute – auch im Zusammenhang mit Erziehung - ist Aggression und Gewalt. Laut Shell Jugendstudie 2006 berichten 22 Prozent der befragten Jugendlichen, dass sie in den letzten zwölf Monaten in Schlägereien verwickelt gewesen waren. Am häufigsten werden Schlägereien unter Jugendlichen genannt – danach in Kneipen, Discos und in der Schule.

Es gibt sehr viele Ursachen für Aggression. Ein autoritärer Erziehungsstil löst eher Aggressionen aus. Weitere Faktoren können Arbeitslosigkeit der Eltern, relative Armut, innerfamiliäre Gewalt und ungeregelter Medienkonsum sein. Hingegen hilft ein kooperativer Erziehungsstil der Eltern Aggressionen sinnvoll zu bewältigen, da man gemeinsam über Probleme redet und nach Lösungen sucht. Der Umgang mit eigenen Aggressionen kann und muss in einer Kultur gelernt werden.

Vorurteile in einer Kultur

Im Rahmen der Erziehung werden Werte und Normen vermittelt. Es können dabei auch Vorurteile weitergegeben werden – beispielsweise gegenüber Ausländern/Migranten oder anderen Randgruppen. Laut Shell Jugendstudie 2006 geben 30 Prozent der befragten Jugendlichen an, dass sie es nicht gut fänden, wenn in die Wohnung nebenan eine Aussiedlerfamilie aus Russland einzieht. Wie tolerant die Jugendlichen sind, wird von der eigenen politischen Einstellung und persönlichen (auch über die Erziehung erworbenen) Wertorientierungen bestimmt. Von einer generellen Intoleranz der deutschen Jugendlichen gegenüber anderen gesellschaftlichen Gruppen kann jedoch laut Studie keine Rede sein. Vorurteile gibt es in jeder Kultur.

Kulturelle Merkmale

Unter Kultur (lateinisch cultura = Landwirtschaft, Feldbestellung, bebautes Land) versteht man die von Menschen geschaffenen Gegebenheiten. Dazu gehören die Gesamtheit von Kenntnissen, Glaubensvorstellungen, Kunst, Moral, Recht, Bräuchen und Sitten, die der Mensch als Mitglied einer Gesellschaft erworben hat. Der Begriff Kultur steht in engem Zusammenhang mit dem Wort Zivilisation. Kultur meint eher ideelle Gegenstände einer Gesellschaft und Zivilisation eher ihre materielle Ausstattung. Folgende Kulturmerkmale werden häufig genannt:

  • Kultur wird sozial vermittelt und erst durch die Beziehungen zu anderen Menschen belebt (beispielsweise durch Sprache werden kulturelle Werte vermittelt).
  • Kulturträger sind die Mitglieder sozialer Gruppen, Gemeinschaften oder Gesellschaften.
  • Kultur zeigt sich in materiellen und geistigen Schöpfungen (beispielsweise wissenschaftliche Entdeckungen).
  • Sie beinhaltet Symbole, die durch die Mitglieder der Kultur geschaffen werden (beispielsweise Gedenkstätten).
  • Kultur bietet als Orientierungssystem Verhaltenssicherheit (beispielsweise Orientierung an Werten der jeweiligen Kultur wie Gerechtigkeit).
  • Kulturen haben eine Geschichte (beispielsweise die Kultur der europäischen Länder in verschiedenen geschichtlichen Epochen).
  • Kultur wandelt sich dynamisch und verändert sich durch stetigen oder plötzlichen Kulturwandel (beispielsweise durch wissenschaftliche, religiöse, künstlerische und technische Entwicklung).
Ein wichtiger kultureller Bereich ist die politische Kultur. Dabei geht es um Orientierungen gegenüber politischen Sachverhalten in unserer Gesellschaft.

Politische Sozialisation

Politische Sozialisation bezeichnet den Erwerb dieser Orientierungsmuster durch den einzelnen Menschen (beispielsweise durch Lernen und Erziehung). Unterschiedliche Kommunikations- und Erziehungsstile in der Familie spielen bei der politischen Sozialisation eine wichtige Rolle. Junge Erwachsene sollten sich spätestens mit Erreichen des Wahlalters für Politik interessieren, politische Sachverhalte differenziert beurteilen und kompetent politische Ziele verfolgen können.

Studien zur politischen Sozialisation beschäftigen sich unter anderem mit der nachlassenden politischen Beteiligungsbereitschaft, Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und dem Vergleich zwischen den alten und den neuen Bundesländern. Folgende neuere Forschungsergebnisse können festgehalten werden:

  • Das politische Interesse sinkt in allen Altersgruppen der Gesellschaft – besonders aber bei Jugendlichen.
  • Demokratische Werte werden zwar breit, aber zum Teil eher diffus unterstützt.
  • Individuelle Ziele werden stärker betont als kollektive und politische Ziele.
  • Die Prägekraft gesellschaftlicher Großorganisationen wie beispielsweise Kirchen und Parteien nimmt weiter ab.
  • Die Einstellungen in den alten und den neuen Bundesländern nähern sich eindeutig an.

Literaturhinweise:

  • Mollenhauer, K.: Vergessene Zusammenhänge: Über Kultur und Erziehung. Juventa 2008. Fachbuch. 184 Seiten. Euro 13,00.
  • Spranger, E.: Kultur und Erziehung. Gesammelte pädagogische Aufsätze. Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2002. Fachbuch. 158 Seiten. Euro 16,90.
  • Dassler, S.: Sozialkunde FOS/BOS. Band 3: Gesellschaftliche Strukturen und Prozesse als Grundlage der Politik. Bildungsverlag EINS 2009. 110 Seiten. Euro 10,90.