
- Erziehung bei Migranten aus der Türkei - Susanne Berghoff / pixelio.de
Schrader/Nikles/Griese sehen hinsichtlich der „Verhaltensorientierungen, die für die deutsche Wirtschafts- und Arbeitswelt charakteristisch sind“, kaum ethnische Differenzen in der Erziehung von Migranten, wohl aber „bei den stärker persönlichkeitsstrukturierenden und eher kulturspezifischen Wertorientierungen wie Erziehung zur persönlichen Selbständigkeit und Bindung an die Religion.“[1]
Die familiale Rollenstruktur erscheint in diesem Zusammenhang als entscheidend, da die „relativ patriarchalische“ Struktur der Ausländerfamilien zu geschlechtsspezifischen Rollenübernahmen führen, die zu den Werten und Normen der deutschen Gesellschaft unterschiedlich sind[2].
Aus der Fülle der Daten erscheinen zwei Bereiche als besonders hervorzuhebende Erkenntnisse:
- "Die Erziehungsvorstellungen von Menschen aus der Türkei sind weniger auf eine Erziehung zur Selbständigkeit des Kindes als auf eine Erziehung zu Gehorsam und Ordnung und zur Bindung an den Islam ausgerichtet.“[3]
- Die „befragten Türken unterscheiden sich insgesamt in familialen Verhaltensweisen und Erziehungsvorstellungen von den befragten deutschen Eltern.“[4]
Ängste und Befürchtungen von Migranten hinsichtlich der Erziehung ihrer Kinder
Im Zusammenhang dieser beiden Erkenntnisse sind jedoch kritische Bemerkungen anzufügen. Die Erziehungsziele türkischer Eltern sind anhand der Daten nicht in dieser Eindeutigkeit festzustellen, vielmehr erscheinen ihre Vorstellungen eher diffus[5]. Dies kann in den durch die Migration notwendigen Veränderungen der Orientierung begründet sein. Letztlich lässt sich kein einheitliches Bild der Erziehungsorientierungen in türkischen Migrantenfamilien konstruieren[6]. Dennoch lässt sich ein Konfliktpotential in der Frage der Erziehung der Kinder, vor allem bei Eltern aus traditionellem Herkunftsmilieu, nicht leugnen[7]. Es bestehen Ängste, die sich auf eine mögliche Entfremdung der Kinder von den Eltern beziehen als auch Befürchtungen, die von einer möglichen Gefährdung der Kinder durch die freiere Lebensführung in der hiesigen Gesellschaft, ausgehen.
Erziehung und Religion
Bei der Beantwortung der Frage: „Halten Sie Ihre Kinder dazu an, die religiösen Pflichten zu erfüllen?“ haben sowohl Türken als auch Griechen mit hohem Prozentsatz zugestimmt. Dies bestätigt die These einer Strukturkonformität zwischen Gesellschaftsniveau und Wertung der Religion, so dass nicht von einem ausschließlichen Zusammenhang von Islam und Religionsbindung ausgegangen werden kann. Dennoch ist es wichtig zu betonen, dass die religiöse Bindung für einen großen Teil der muslimischem Migranten von besonderer Bedeutung ist, weshalb sie auch eine religiöse Bindung ihrer Kinder an den Islam fördern.
Erziehung zur starken familiären Bindung
Im Zusammenhang der Sozialisation von muslimischen Migrantenkindern muss deshalb auf den Islam hingewiesen werden, zumal sich für Türken bei der Erziehung ihrer Kinder, eine Konzentration auf familiale Bindungen nachweisen lässt. Dabei gilt es zu bedenken, dass sich aus der Veränderung der Familienstruktur hin zur Kleinfamilie, ein Netz verwandtschaftlicher Stützungssysteme innerhalb der Türkei entwickelt hat. Hierauf konzentriert sich auch die Erziehung innerhalb der Migrantensituation in Deutschland: „Die gesamte Erziehung, ob rigide an den traditionellen religiös-moralischen Werten und Normen orientiert oder in weniger zentralen Bereichen ‘gelockert’, beinhaltet die Ausbildung einer starken familialen Orientierung der Kinder.“[8] Diese Orientierung an der Familie soll für besonderen Schutz in der Migrantensituation sorgen. Untersuchungen zum Studienwahlprozess als auch Befragungen zur Zukunftsplanung[9] bestätigen die enge Bindung von Jugendlichen Migranten an ihre Familien. In der spezifischen Situation der Migration scheint sich diese familiale Orientierung noch zu festigen, da sie kein einseitiges Abhängigkeitsverhältnis darstellt. Nicht nur die Kinder sind auf Schutz, Stabilität und Sicherheit durch die Familie angewiesen, auch die Eltern profitieren von ihren Kindern, die als Mittler zwischen dem türkischen und dem deutschen Normensystem dienen[10].
Bildnachweis: Susanne Berghoff / pixelio.de
[1] vgl. Schrader A.; Nikles, B.; Griese, H.M.: Die zweite Generation. Sozialisation und Akkulturation ausländischer Kinder in der Bundesrepublik, Kronberg/Ts. 1976, S. 105
[2] vgl. dies. S. 107f
[3] Holtbrügge , H.: Türkische Familien in der Bundesrepublik. Erziehungsvorstellungen und familiale Rollen- und Autoritätsstruktur, Duisburg 1975, S. 120
[4] ders. S. 122
[5] ders. S. 107
[6] Zentrum für Türkeistudien , H.: Türkische Familien in der Bundesrepublik. Erziehungsvorstellungen und familiale Rollen- und Autoritätsstruktur, Duisburg 1991, S. 147
[7] ders. S. 147f
[8] ders. S. 149
[9] vgl. Befragung von Mühlfeld 1987, erwähnt in Auernheimer, G.: Jugendliche türkischer Herkunft in der Bundesrepublik Deutschland. Ethnizität, Marginalität und interethnische Beziehungen, in: Buchner, P.; Kruger, H.H. (Hrsg.): Kindheit und Jugend im interkulturellen Vergleich, Opladen 1990, S. 238
[10] vgl. Zentrum für Türkeistudien (Hrsg.): Erziehungsprozesse: Entwicklung - Sozialisation in: Konzepte der Pädagogik, Düsseldorf 1996, S. 76
