"es" - Traumtrilogie von Christof Wackernagel

Christof Wackernagel - Thomas Dapper
Christof Wackernagel - Thomas Dapper
Christof Wackernagels neues Buch ist anmaßend: Es wiegt mehr als je ein Buch von Goethe, Schiller, Kant oder Brecht gewogen hätte. Doch der Reihe nach:

Christof Wackernagel hat nach "Gadhafi lässt bitten" und "Nadja" wieder ein Buch geschrieben. Das Buch wiegt 4,2 kg und verteilt sich auf 603 Seiten. Jede dieser 603 Seiten ist 42 mal 32 Zentimeter groß. Das entspricht der Deutschen Industrienorm A3. Soweit die technische Seite der umfangreichen und literarisch hochwertigen Traumjonglage.

Bei der Lektüre wird es allerdings wirklich wild: Vertraute Namen in ungewohnten Rollen – ein Helmut Kohl als Streifenpolizist und ein Andreas Baader der fünfmal hintereinander zum schönsten Mann Deutschlands gewählt wird. Das sind nur zwei markante Details der Traumtrilogie. Christof Wackernagel hat an diesem Buch beinahe dreißig Jahre gearbeitet. Zunächst im Gefängnis, weil er als Mitglied der RAF 1977 in Amsterdam verhaftet worden und im Prozess darauf zu 15 Jahren Haft verurteilt worden war.

Reflexionen und verteilte Rollen

Mit den Träumen, Halluzinationen und seinen Tagträumen bastelt er „sich seine Welt widewiede wie sie ihm gefällt.“ Einer männlichen Pippi Langstrumpf gleich besetzt er reale Personen nach Belieben um und wird so selbst zu Breschnews Leibarzt. Was zunächst völlig abgedreht daherkommt, ergibt als Roman durchaus einen Sinn. Wackernagels Buch flankiert die filmische Reflexion eines Pepe Danquart „Joschka und Herr Fischer“ zwar zufällig und ungewollt. Doch es ergibt sich durchaus ein Mehrwert für nachfolgende Generationen. Wer wie Christof Wackernagel und Joschka Fischer heute etwa 60 Jahre alt ist, gehört dank der „Gnade der späten Geburt“ – einer späteren als der von Helmut Kohl gemeinten – an, und durfte in der Bundesrepublik Deutschland einen reichen und nicht immer legalen Erfahrungsschatz ansammeln. Die Lebenswege beider sind sich näher als es auf den ersten Blick ersichtlich ist. Beide sind Schulabbrecher, beide bewegten sich zu Beginn der 1970er Jahre in alternativen Projekten. Wackernagel im Druckereikollektiv und Fischer in Buchläden. Beide wurden militant. Und genau hier stoppt die Kassette mit der die Gemeinsamkeiten erzählt werden können. Wackernagel schließt sich 1977 der RAF an – im Jahr zuvor verlas Fischer seine Deeskalationserklärung in Frankfurt und hatte damit seinen Abschied aus der Militanz deutlich formuliert und wurde fortan vom RAF-Umfeld gehasst.

Wer aber glaubt, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Lebenswege haben nun nicht viel mit Wackernagels neuem Buch zu tun, der irrt, denn sein hinter dem Buch steckender Gedanke ‚jeder könnte auch der Andere sein’ markiert exakt worum es dem Schriftsteller geht: Was entscheidet über den Lebensweg und die Karriere, die einer macht? Im Grunde hat jeder Mensch seine eigenen Wahrheiten und Widersprüche. Warum also sollte Fidel Castro nicht wie von Wackernagel beschrieben eine Karriere als Penner gemacht haben? Wieso soll also nicht ein Hanns-Martin Schleyer als Steuerberater reussieren? Und der Clou nebenbei: Joschka Fischer kommt in „es – Traumtrilogie“ nicht vor. Dafür aber Otto Schily als Leader einer Bigband. Interessant also, wer sich für eine Rolle in Wackernagels realen Träumen qualifizieren konnte und wer nicht...

Fidel Castros Bart ist ab

Auch wenn alle realen Personen in Wackernagels Träumen in völlig andere Rollen und Funktionen schlüpfen, so sind sie lebendig und doch irgendwie mit ihrer realen Existenz verbunden. Zu Beginn des Buches macht Wackernagel klar, dass die Revolution gescheitert sei, für die er letztlich zu 15 Jahren Haft verurteilt wurde, weil er meinte sich ihr angeschlossen zu haben. Sein Traumbild: „Fidel Castro im Hubschrauber, doch sein Bart ist ab.“

Das Buch erscheint beim Verlag zu Klampen und kostet € 200.- Es ist jeden Cent Wert für jeden, der einen inspirierenden Zugang zur jüngeren deutschen Geschichte sucht und sich dabei nicht auf Guido Knopp beschränken möchte. Wackernagel zum hohen Preis: „Das sind 3 bis 4 Tankfüllungen. Nach 3 Wochen sind die verbraucht. Das Buch braucht drei Jahre bis man es durch hat.“ So ist es! Und im Grunde ist das Buch auch eine Selbstauskunft des Christof Wackernagel über seinen langen Weg und seinen Ausstieg aus den Denkschemate, die hinter seiner Mitgliedschaft in der RAF standen.

Quellen:

  • "es - Traumtrilogie", Christof Wackernagel, 2011 zu Klampen Verlag, Springe, ISBN 978-3-86674-140-9
  • Recherchegespräch vom 18.8.2011
  • Die Website zum Buch
Thomas Dapper, Thomas Dapper & Michael von Aichberger

Thomas Dapper - Seit 1993 bin ich in verschiedenen Positionen für Film und Fernsehen tätig. In der Zeit davor habe ich mich politisch engagiert ...

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