
- Das Gedächtnis - oft ein störrischer Esel - Waltraud Kirschke
Das Problem kennen sowohl Schulkinder als auch Erwachsene: Eben noch hat man versucht, sich etwas zu merken, aber jetzt ist es weg. Wie ausgewischt. Auch wenn es einem manchmal noch "auf der Zunge liegt" – es gibt keinen Zugang mehr zu dieser Information. Doch mit ein wenig Kreativität finden sich verblüffende Wege, die eigene Erinnerungsfähigkeit zu optimieren. So wird der störrische Esel "Gedächtnis" mit einigen Tricks gut über die Brücke über dem Abgrund des Vergessens gelockt.
Alles, was wir lernen, kann gehirngerecht aufgearbeitet werden
Vera F. Birkenbihl, Leiterin des Instituts für gehirngerechtes Arbeiten, ist überzeugt: Selbst die trockenste Theorie lässt sich für die eigene Erinnerung griffig und verfügbar aufbereiten. Der Schlüssel dazu ist die Fähigkeit eines jeden Menschen, zu einer beliebigen Information mit Hilfe der Phantasie Assoziationen, Bilder, Geschichten, Reime oder klangliche Ähnlichkeiten zu generieren. So etwas kennt fast jeder noch aus der Schule, etwa: "Drei,drei,drei, bei Issos Keilerei" oder "Wer nämlich mit h schreibt, ist dämlich" oder auch "Erst die Lauge, dann die Säure, sonst geschieht das Ungeheure". Das Geheimnis solcher Verbindungen besteht darin, dass Klangbild und Rhythmus von Sprache sich sehr schnell in unserem Langzeitgedächtnis verankern, während abstrakte Worte und Begriffe erst etliche Runden im Kurzzeitgedächtnis kreisen müssen, bevor sie sich setzen. Durch die Kopplung von beidem bekommt die ansonsten flüchtige Information einen festen Anker.
Je persönlicher und je verrückter, desto besser
Am wirksamsten sind solche Eselsbrücken, die man sich selbst zusammenbastelt. Um sich in dieser Fertigkeit zu üben, sollte man das Ganze wie eine Denksportaufgabe oder ein Kreuzworträtsel angehen, also spielerisch und einfach so zum Spaß. Wenn die Kreativität trainiert ist, kann man die neue Fertigkeit auf alltägliche Situationen übertragen, in denen man wirklich eine Hilfestellung benötigt, um sich Begriffe, Namen oder Zahlenkombinationen zu merken. Wichtig ist es, dabei auf die erste spontane Assoziation zu hören, auch wenn sie dem wertenden Denken eigenartig oder komisch erscheint. In dieser Eigenartigkeit liegt oft gerade die Wirkung vieler Eselsbrücken. Grundsätzlich gilt also immer: Je merk-würdiger, desto würdiger ge-merkt zu werden. Als Beispiel sei hier der Anfang eines eigenen Gedichts angeführt, mit dessen Hilfe in der Schule das Periodensystem der Elemente auswendig gelernt wurde:
Ha, sprach Li zum Natrium, kam doch das Rubidium.
Cäsium nahm's schwer, schickte Francium her.
In diesen Zeilen sind die Alkalimetalle untergebracht: Wasserstoff (im "Ha"), Lithium ("Li"), Natrium, Kalium (im "kam"), Rubidium, Cäsium, Francium. Eselsbrücken dieser Art prägen sich so gut ein, dass man sie nie mehr vergisst – manchmal auch dann nicht, wenn man sie gar nicht mehr braucht.
Zahlen aus der persönlichen Biographie
Es gibt eine Fülle von Zahlen, die sich längst im Langzeitgedächtnis verankert haben. Der eigene Geburtstag, der Geburtstag von Freunden und Verwandten, das eigene Alter, die Hausnummer der Wohnung, die Anzahl der Kinder und vieles mehr. Wenn sich eine neue Information, etwa eine Zahlenkombination, mit diesen bereits verankerten Zahlen koppeln lässt, ist das eine enorm wirksame Erinnerungshilfe. Wieder ein Beispiel aus dem eigenen Erleben: Die Zahlenkombination 1768 war eigentlich nur für kurze Zeit wichtig. Durch die Assoziation: "In den 68er Jahren war ich 17 Jahre alt" hat sie sich im Langzeitgedächtnis abgelegt.
Bilder und Symbole als Merkhilfen
Visuell veranlagte Menschen haben einen guten Zugang zum Symbolcharakter von Farben und Formen. Auch das lässt sich zur Konstruktion von Eselsbrücken nutzen. Punkte, Kreise oder Striche können auf einer intuitiven symbolischen Ebene mit bestimmten Inhalten assoziiert werden. Ein Beispiel dafür ist eine Merkhilfe für den Gebrauch des englischen "for" und "since", was auf deutsch beides "seit" bedeutet. "Since" benutzt man, wenn es in der Vergangenheit um einen Zeitpunkt geht (der Punkt als Symbol), "for" benutzt man, wenn es um einen Zeitraum geht (der Kreis als Raum). Es heißt also "I haven't eaten anything since breakfast" (denn das vergangene Frühstück ist ein Zeitpunkt), aber "I have been waiting for two hours" (denn zwei Stunden sind ein Zeitraum). Punkt und Kreis kann man sich bei diesem Beispiel auch noch als i-Punkt bei "since" und als das o von "for" merken.
All das können nur Beispiele sein, die Lust darauf machen sollen, selbst mit Eselsbrücken zu experimentieren. Wer einmal damit anfängt, wird feststellen, dass der Speicherplatz in unserem Gehirn sehr viel größer ist und besser genutzt werden kann, als man gemeinhin denkt.
Literatur
Vera F. Birkenbihl: Stroh im Kopf? Vom Gehirn-Besitzer zum Gehirn-Benutzer. mvg Paperback, 37. Auflage, 2000.
