
- Esel sind kräftige Packtiere: Bücher tragen sie ohne Probleme - Silke Hamann
In den Neunziger Jahren merkte der junge Grundschullehrer Luis Soriano, dass seine Schüler Schwierigkeiten hatten, ihre Hausaufgaben ohne die entsprechenden Bücher zu erledigen. Daraufhin sattelte er zwei Esel und begann, die Bücher zu den Kindern nach Hause zu bringen. Mit 70 Büchern startete er sein Projekt "Biblioburro" – zu Deutsch: Bücheresel. Heute sind er und seine beiden Esel Alfa und Beto (eine Anspielung auf alfabeto – das spanische Wort für Alphabet) international bekannt. Viele Kinder, besonders diejenigen, die in entlegeneren Dörfern wohnen, halten dank der Grautier-Bibliothek erstmals ein Buch in den Händen.
Entstehung des Biblioburro-Projekts
Seine Liebe zu Büchern entdeckte Luis Soriano schon als Kind. Entschlossen, diese Begeisterung weiter zu geben, wurde er Grundschullehrer. Bald erkannte er, dass den Familien in den ärmeren, entlegeneren Provinzen Kolumbiens der nötige Zugang zu Literatur und damit zur Bildung fehlt. Um auch diesen Kindern angemessene Lernbedingungen zu ermöglichen, begannen er und seine Bücheresel ihre Hausbesuche. Die erste Radio-Berichterstattung über den reitenden Bibliothekar erbrachte eine Flut an Bücherspenden aus dem gesamten Land. Die kostbaren Schätze fingen an, sich in Sorianos Haus zu stapeln, wo der Platz bald nicht mehr ausreichte. Oft durchwühlte er die Berge von Kisten und Büchern stundenlang auf der Suche nach einem bestimmten Titel, den er einem Kind versprochen hatte.
Eine örtliche Bank erklärte sich bereit, eine kleine Bibliothek in Sorianos Heimatdorf La Gloria zu finanzieren. Er und seine Frau errichteten den Anbau an ihr Haus in der nordkolumbianischen Provinz Magdalena in Eigenarbeit. Das Geld reichte jedoch zunächst nicht aus, um das Projekt zu beenden.
Schwierige Bedingungen durch Bürgerkrieg
Kolumbien liegt im nördlichen Teil von Südamerika. Seit den Vierziger Jahren tobt dort ein Bürgerkrieg, in dem sich Paramilitärs und Guerillas durch den Anbau und Verkauf von Drogen finanzieren. Die Kinder wachsen im Schatten von Morden, Entführungen und Gewalt auf. Die Situation ist daher nicht ungefährlich für Soriano. Gerade anfangs musste er stark darauf achten, keine Bücher mitzuführen, die von den Guerillas als Propaganda-Material der Regierung interpretiert werden könnten – so wie etwa die kolumbianische Verfassung. Mehrfach wurde der reitende Bücherbote bereits von Banden bedroht. Im Jahr 2006 wurde er von zwei Räubern überfallen. Als sie feststellten, dass er kein Geld bei sich hatte, fesselten sie ihn an einen Baum und stahlen ein Buch: "Brida" von Paulo Coelho.
Auch aus der Bevölkerung kam anfangs viel Spott und Häme. Die Leute bezeichneten ihn als verrückt und lachten über ihn. Kurz nachdem er das Projekt begonnen hatte, war Soriano nahe daran, wieder aufzuhören. Aber dann besuchten ihn einige Eltern und erzählten ihm, dass ihre Kinder ständig nach neuen Geschichten fragten. Er entschloss sich, weiter zu machen und blieb seitdem dabei. Die Touren unternimmt er in seiner Freizeit. Neben dem geringen Lohn, den Soriano als Lehrer bezieht, finanziert sich seine fünfköpfige Familie außerdem durch ein Restaurant, in dem die Gäste ebenfalls in den Genuss des Lesens kommen. Farmer, LKW-Fahrer und andere Gäste mit geringer formaler Bildung können hier einen Zugang zu Zeitungen und Büchern finden. Außerdem erhält Soriano finanzielle Unterstützung von der Gemeindebibliothek in der fast 180 Meilen entfernten Provinzhauptstadt Santa Marta – sozusagen als Außendienstmitarbeiter.
So funktioniert das Projekt "Bücheresel"
Einmal wöchentlich sattelt Soriano seine beiden Tragetiere, bepackt sie mit Büchern und Sitzdecken und reitet in die Dörfer. Bis zu vier Stunden sind diese entfernt, insgesamt 15 Orte sind es, die Soriano mit seinen Eseln regelmäßig besucht. Überall warten die Kinder schon sehnsüchtig auf seine Ankunft und scharen sich begeistert um ihn. Die Bücher werden in eigens angefertigten Transporttaschen vor Staub, Wasser und Knicken geschützt. Das Repertoire deckt nicht nur Schulbücher ab, sondern auch Abenteuergeschichten, Enzyklopädien, Romane und ärztliche Texte. 4.800 Bücher umfasst die Sammlung mittlerweile. Die tragbare Bibliothek basiert auf dem Gemeinschaftsprinzip. Soriano schreibt zwar auf, wer welches Buch ausleiht. Letztlich vertraut er aber vor allem auf die Ehrlichkeit der Bücherfreunde. Die einzigen Regeln lauten, die Hände zu waschen und nicht in die Bücher zu schreiben. Doch der selbsternannte Bibliothekar verleiht nicht nur Bücher. Er liest auch Geschichten vor, hilft bei den Hausaufgaben und bringt den Kindern und Erwachsenen Lesen und Schreiben bei. Der Wert der Eselsbücherei liegt nicht nur in der Verbreitung von Büchern und der Vermittlung von Bildung. Im Bewusstsein der Menschen will er etwas bewirken, sagt Soriano im Interview mit dem Weltspiegel. "Wir müssen das Denken unserer Bevölkerung grundlegend ändern." Die Kinder sollen lernen, welche Rechte und Pflichten sie haben. Dieses Wissen soll sie befähigen, Gewalt und Krieg abzulehnen und so letztlich Frieden nach Kolumbien bringen.
Weiterentwicklung der Idee
Die Idee hat mittlerweile Wurzeln geschlagen und wird von vielen Freiwilligen unterstützt. Im März 2010 wurde die Stiftung Biblioburro gegründet. Ehrenamtliche Helfer, größtenteils Studenten, bringen nun ebenfalls auf Eseln Bücher zu den Menschen. Auch die Gemeindebibliothek von Santa Marta finanziert noch weitere Bücheresel. Längst hat sich ein kleines Netzwerk der reitenden Lehrer gebildet. Mithilfe von Spenden, auch in Folge der internationalen Berichterstattung, konnte die Bibliothek in La Gloria im Jahr 2009 schließlich fertig gestellt werden. Regale wurden aufgestellt und viele zusätzliche Werke angeschafft. Heute kommen etwa 200 Kinder um in der Bücherei zu stöbern, zu lesen und Hausaufgaben zu machen. Die Idee gibt es übrigens nicht nur in Kolumbien. In Äthiopien bringen Eselskutschen die Bücher zu den Menschen in den entlegenen Gebieten, in Venezuela sind es Mulis. Auch in Kenia wird eine tierische Fahrbibliothek betrieben. Hier werden die Bücher mithilfe von Kamelen zu den Nomadendörfern transportiert.
Luis Soriano und seine beiden Esel haben es mittlerweile sogar in einen Comic geschafft. Dieser gehört natürlich ebenfalls zum Sortiment des Trios.
Weitere Quellen:
