
- Mandala- Zentrum in der Mitte - Dieter Schütz / pixelio.de
Die Suche nach Halt in einer höheren Macht ist ein menschliches Grundbedürfnis und wird in dieser Zeit wieder deutlicher spürbar. Nicht zuletzt tragen zu dieser neoreligiösen Suche sicher die Prognosen zum Jahr 2012 bei, die von Weltuntergangs-Prophezeihungen bis zu grundlegender Veränderung aller Systeme dieser Welt zum Positiven oder Negativen hin reichen.
Religiöser Glaube versus Esoterik
Nach wie vor halten viele Menschen an traditionellen Formen von Religionen fest. Das gibt Sicherheit und Orientierung. Auch christliche Gemeinden, von denen sich immer mehr davon befreien, ihren Gott als Strafenden zu sehen, und dem Gott der bedingungslosen Liebe Loblieder singen, können regen Zuwachs verzeichnen, ebenso wie esoterische Gruppierungen aller Art. Man wendet sich heimisch-spirituellen oder importierten Praktiken zu, die dazu dienen, die eigene Mitte im Einklang mit Gott/ dem Universum zu finden, wie beispielsweise Formen von Yoga, neo-schamanische Praktiken oder Reiki. Es fällt auf, dass die Aussagen und Wünsche verschiedener Richtungen gar nicht so unterschiedlich sind, auch wenn es weitläufige Abstufungen und Differenzierungen gibt - kein Wunder, bei so vielen verschiedenen Menschen! Der große Unterschied zwischen dem Glauben an einen Gott und dem an die eigene Entscheidungsfreiheit und das Lenken des eigenen Lebens durch Wünsche oder die richtige Handhabung von Energien besteht darin, dass jemand, der an Gott glaubt, das Gefühl hat, weniger in Bezug auf seine Wünsche selbst in der Hand zu haben, aber auch weniger Lasten und Verantwortung zu tragen hat, da er diese an Gott abgeben kann.
Allmacht in Gott und Universum
Nichts hat in der Menschheitsgeschichte mehr Leid angerichtet und Opfer gefordert als die Frage, wer nun an den "richtigen" Gott glaubt. Kann dies im Sinne eines Gottes sein? Ist ein allmächtiger Gott wirklich böse, wenn ein Mensch ihn nicht in allen Facetten, sondern in der zu ihm persönlich passenden sehen kann? Und hat ein Gott der Liebe wirklich solch "klein-karrierte" menschliche Ambitionen? Ob jemand nun Jesus als den Sohn Gottes (an)erkennt, Mohammed als den größten Propheten Gottes, alttestamentarische Propheten als solche, und/ oder eine göttliche Energie in allem Leben sieht, hängt doch von seiner persönlichen Prägung, seiner Einzigartigkeit und nicht zuletzt von seinen menschlichen Fesseln ab. Wenn ein Gott nicht erwartet, dass wir perfekt sind, wieso sollte er es dann in dieser Hinsicht tun?
Wenn man also von der Existenz einer großen Macht, Gottes, des Universums, das alle Energie vereint, ausgeht, wäre eine logische Schlussfolgerung, dass er/ sie/ es alle auffängt, die sich ehrlich bemühen, gut zu sein und einen respektvollen Umgang mit ihrer Umwelt zu pflegen. Solange man auf diesem Weg ist - und man kann nur ein Leben lang sich immer wieder neu erinnernd nach Vollkommenheit streben, dauerhafte Perfektion ist irdischem Dasein gar nicht möglich - darf man sich demnach geborgen und aufgefangen fühlen, denn hier stimmen Esoteriker und Christen überein: "Es kann einem nichts Schlechtes geschehen, wenn man vertraut, man kann sich geborgen fühlen im Universum unendlicher Möglichkeiten/ man kann nicht verloren oder „kaputt“ gehen, als Energie existiert man immer weiter/ der Urgrund und das Ziel allen Seins ist das Gute/ man kommt ins Paradies/ Gott ist gut und der Anfang und das Ende."
„Richtiger“ und „falscher“ Glaube
Zur Frage, was nun Heil bringend, „richtig“ oder „falsch“ ist, kann ein falscher Glaube demnach höchstens der sein, der jemandem nicht gut tut. Aber wenn jemand an einem Glauben festhalten möchte, der ihn belastet, so ist das dennoch seine Entscheidung und somit nicht mehr falsch; höchstens nicht sinnvoll für sein persönliches Seelenheil. Bezüglich der Suche nach dem Sinn des Lebens und dessen Erfüllung - was bis in die kleinsten Alltagsangelegenheiten reicht - sollte der Grundsatz gelten: Wenn ich niemand objektiv und willentlich schade, dann darf ich glauben und praktizieren, was ich will. Wer nun „Recht“ hat, kann wohl kein Mensch sagen, aber da es so viele Unterschiedliche von uns gibt, sollte es nicht zumindest möglich sein, dass es auch verschiedene Wahrheiten gibt, die alle die gleiche Daseinsberechtigung haben? Und eventuell ist Gott in den verschiedenen Ausprägungen, in denen an ihn geglaubt wird, vorhanden und gleichzeitig das Universum?
Der Knackpunkt für viele Christen, an dem sie für sich entscheiden, ob jemand "richtig" an Gott glaubt, besteht darin, ob er Jesus als den einzigen Weg zu Gott anerkennt oder nicht ( - "Niemand kommt zum Vater denn durch mich"). Doch kann auch dieser Ausspruch verschiedentlich gedeutet werden: Genauso gut kann es sein, dass Jesus eine Abgrenzung zu anderen Heilversprechern seiner Zeit und einen Bezug auf die Art und Weise meinte, wie er seinen Glauben lebte. Es geht im Grunde nicht darum, zu beweisen, wie und was Gott ist oder wie vor vielen Jahrhunderten getätigte und von Menschen niedergeschriebene Aussprüche zu verstehen sind, denn das kann kein Mensch. Was aber durchaus logisch erscheint ist, dass eine Allmacht wohl keine flache Scheibe ist und dass es folglich mehrere "richtige" Zugänge zu ihr geben muss. (Und würde ein Gott wirklich einen guten Menschen ausschließen, der sich nicht sicher ist, inwieweit er sich auf uralte Schriften oder darauf, dass heutige Kirchen der Intention des Gründers entsprechen, verlassen kann?)
Die Wahrheit ist ein Kreis
Die Frage bezüglich eines persönlichen Glaubens sollte also nicht sein: Wer hat Recht? Sondern: Wem tut was gut? Ob sich jemand geborgen und erlöst fühlt, hängt wohl von ihm selbst ab und davon, ob er den Zugang gefunden hat, dem er vertrauen kann. Im Esoterischen wird dies mit Formulierungen beschrieben, die darauf hinauslaufen, dass man sich dies selbst zugesteht und ein positives Bild von sich hat, das sich daraufhin manifestieren kann. Im religiösen Kontext widerfährt einem dieses Gefühl, wenn man Gott anerkennt und auf ihn vertraut. Schlüsselworte sind also Bewusstheit, sich selbst und der (eigenen) Umwelt gegenüber, um zu spüren, was gut tut und was nicht, und danach zu handeln, sowie Toleranz. Und so hilft es vielleicht beim Praktizieren des eigenen Glaubens und der gegenseitigen Toleranz, sein Leben bewusst zu leben und die Wahrheit als einen Kreis zu betrachten, in dem viele kleine Teilwahrheiten Platz haben, die sich oftmals überschneiden und den Kreis erst ganz machen.
