
- Esperanto-Stammtisch Dresden - Beate Diederichs
Verstohlen blicken zwei Frauen vom Nachbartisch herüber, Fragezeichen in den Augen. "Weißt du, welche Sprache die sprechen?" murmelt die eine. Die andere rätselt: Die Wörter klingen wie Spanisch. Oder gar Latein? Jetzt nickt einer der illustren Runde heftig mit dem Kopf und ruft "Yes, yes,yes". Also Englisch? Die beiden Neugierigen erhaschen schließlich das Wort "Esperanto-Stammtisch." Verwirrt schauen sie sich an: "Was zum Teufel ist Esperanto?"
Esperanto bedeutet "Der Hoffende"
"Esperanto ist keine ethnisch gewachsene, sondern eine künstlich geschaffene Sprache: Eine Plansprache", erklärt Stammtisch-Teilnehmer Steffen Eitner. Die einzige Plansprache, die weltweit gesprochen wird. Der Arzt Ludwig Zamenhof entwickelte Esperanto am Ende des 19. Jahrhunderts. Er wollte eine leicht zu lernende und neutrale Sprache kreieren. 1887 veröffentlichte er sein erstes Esperanto-Lehrbuch. Dabei nannte er sich "Dr. Esperanto". Bald kannte man auch die Sprache nur noch unter "Esperanto". Das bedeutet in der Plansprache "Der Hoffende". Viele, die Esperanto lernen, verbinden auch heute Hoffnungen damit: Es soll die Völkerverständigung fördern, weil es kulturell niemanden bevorzugt. Denn es gibt kaum Esperanto-Muttersprachler.
Esperanto-Muttersprachler sind selten
Petra Richter, Hausfrau aus Görlitz, ist eine solche Rarität. Sie stammt aus Berlin, ihr Vater, der Maler und Grafiker Rudolf Hahlbohm, war Vizepräsident des Esperantobundes der DDR. "Vater sprach perfekt Esperanto, auch mit uns Kindern. So bin ich zweisprachig aufgewachsen: Esperanto-Deutsch", erinnert sich Petra Richter. Mit etwa vier Jahren besuchte sie das erste Mal einen Kinder-Esperantokongress. "Die waren immer im Ausland, in derselben Stadt wie die Kongresse der Erwachsenen. Da musste man auch als Kind gut Esperanto können, um sich mit den anderen Jungen und Mädchen zu verständigen." Petra Richter beherrscht Esperanto immer noch fließend. Wie die meisten der sieben Leute hier. Der Stammtisch ist eine tolle Gelegenheit zum Üben, findet sie.
Beim Stammtisch spricht man über Gott und die Welt - auf Esperanto
Gegenüber sitzen Norbert Karbe, Chef des Esperantistenvereins Sächsische Schweiz, und der Lehrer Benoit Philippe. Philippe betreut die sächsische Esperanto-Bibliothek in Dresden-Loschwitz, eine halbe Stunde entfernt von der Neustadt, wo sich der Stammtisch einmal monatlich trifft. "Ich habe den Treff vor drei Jahren ins Leben gerufen", erzählt er. Lehrer, Arzt, Kaufmann, Diplomingenieur sind die Berufe der Esperantisten, die über Mundpropaganda oder Informationen im Internet hierher gekommen sind. Der gelernte Mediengestalter Steffen Eitner kümmert sich um die Öffentlichkeitsarbeit. Und träumt davon, ein Esperanto-Café in Dresden zu eröffnen. "Kafejo" soll es heißen, Esperanto für "Café". Wie jedes Substantiv der Sprache endet "kafejo" auf -o, Adjektive haben ein a am Ende. "Esperanto basiert auf dem lateinischen Vokabular und ist grammatisch regelmäßig. Man spricht es so, wie man es schreibt. Das macht es einfach", sagt Steffen Eitner. "Den Stammtisch besuche ich, um flüssiger sprechen zu üben. Hören kann man Esperanto auch bei Radiosendungen", meint er. Bei den Stammtischgesprächen geht es um die Sprache selbst, um ihre Literatur, um die Arbeit oder ums Private. "Yes", heißt tatsächlich "ja", wird aber "jes" geschrieben.
Esperantisten sind wie weltweite Gemeinde
Kurz bevor die ersten gegen 20 Uhr aufbrechen, schwirren mehrmals die Worte "passporta servo" durch die Luft. Passkontrolle heißt das sicher nicht, oder? "Das ist ein nach Ländern geordnetes Büchlein mit den Adressen von Esperantisten, die andere kostenlos aufnehmen, wenn die ihre Stadt besuchen. Sie können dann natürlich dasselbe erwarten, wenn sie auf Reisen sind", erläutert Steffen Eitner. So sieht gelebte Völkerverständigung aus.
