
- Etran Finatawa - www.etranfinatawa.com
Der Sahel-Blues steht in Europa hoch im Kurs. Die Tuareg-Rocker von Tinariwen führen die World Music Charts an und Led Zeppelins Robert Plant outet sich als Fan, Ali Farka Touré wird posthum gefeiert, das "Festival Au Désert" bei Timbuktu avanciert seit Jahren zum Mekka für ausländische Musikfans. Auch Etran Finatawa profitieren von diesem Hype – und trotzdem ist bei ihnen Einiges anders: Sie kommen aus dem Niger (für das Weltmusikpublikum eher ein weißer Fleck) und ihr Sound speist sich aus zwei ganz unterschiedlichen Wurzeln.
Ein gewagtes Projekt
"Als wir die Gruppe gegründet haben, hatte das einen hohen Symbolcharakter. Die Zeiten im Niger sind hart und da sind zwei Völker, die sich das gleiche Gebiet und die gleichen Probleme wie Hungersnot und Entwurzelung teilen. Wir wollten zeigen, dass man gerade in dieser Situation im wahrsten Sinne des Wortes Mehrstimmigkeit erzeugen muss", sagt Sandra van Edig. Als Entwicklungshelferin kam sie in den Niger, hat dort als freie Journalistin über das auch heute noch eher unbeachtete Sahel-Land berichtet. Schließlich landete sie bei der Musik, betreute sowohl eine Tuaregband als auch ein Ensemble der Wodaabe-Nomaden. Mit beiden wurde sie 2004 zum Festival Au Désert eingeladen. "Und dann dachte ich mir, wenn wir jetzt schon zusammen reisen und dort auftreten, warum sollte man nicht etwas Gemeinsames auf der Bühne versuchen?" Das improvisierte Teamwork wurde vom Publikum in den Dünen Malis so enthusiastisch begrüßt, dass ein nachhaltiges Miteinander aus dem ersten Treffen erwuchs. Ziemlich erstaunlich, schaut man sich die Historie der beiden in der Band vertretenen Parteien an.
Tuareg und Wodaabe
Zwar lebten Tuareg und Wodaabe seit Menschengedenken nachbarschaftlich zusammen, doch es ging nie ohne Reibereien ab: Banditentum und Viehraub waren gang und gäbe, verschlimmerten sich im Zuge der Ressourcenverknappung. Die Tuareg stammen von den Berbern ab, können sich mit ihren Kamelen an wüstenartige Bedingungen adaptieren, die Woodabe hingegen – als traditionellste Gruppe aus der großen Peul-Familie – pflegen als Kuhhirten eine seit Jahrtausenden unveränderte Lebensweise und sind auf den Sahelstreifen angewiesen. Die Sprachen Tamashek und Fulfulbe sind komplett verschieden, genauso auch die Musik: Während sich die Tuareg mit E-Gitarren schon lange an westlichen Bluesrock angelehnt haben, waren die Wodaabe Chorsänger ohne Instrumente.
Ein Aufbäumen besiegte die Differenzen. "Wenn ein Nomade in die Stadt geht, dann ist das für ihn die allerletzte Option", so van Edig. "Heutzutage sitzen Tuareg und Wodaabe ein halbes Jahr lang in Niamey, versuchen sich mit Verkauf von Schmuck über Wasser zu halten, warten auf ein wenig mehr Regen. Durch die Band haben sie nun die Möglichkeit beim Schopf gepackt, ihr Schicksal in die Hand zu nehmen, zu ihrem kulturellen Stolz zurückzufinden."
Sterne der Tradition
Etran Finatawa bedeutet "Sterne der Tradition", und es scheint, als würden ihre verschiedenen Sterne sich zu neuen Konstellationen fügen: Die polyphonen, sehr nasalen Gesänge der Peul und die bluesigen Skalen, trabenden Rhythmen der Tuareg. In den Texten über die Erhabenheit der Landschaft, den Preis von Frauen, treffen sie sich. Gebündelt hat all das der kreative Kopf der Gruppe, Galithane Khamidoune. Er achtete darauf, dass das Ergebnis kein Mischmasch wurde, sondern jede Partei mit ihrer Farbe deutlich zur Geltung kommt. So sind denn auch auf dem zweiten, im April erscheinenden Werk der Band, "Desert Crossroads", die Unterschiede deutlich hörbar. Gerade durch die scharfen, schneidenen Stimmen der Peul bekommt der vielbeschworene Afro-Blues des Sahel eine ganz charakteristische Färbung. Zunächst bearbeitete man nur traditionelles Liedgut, aktuell kommen auch völlig neu komponierte Lieder hinzu, vor allem für die Wodaabe eine frische Erfahrung. Und man hat sogar eine Tee-Zeremonie in Töne gefasst. "Uns ist es wichtig, dass diese Kulturen nicht zur musealen, folkloristischen Show verkommen. Man kann kreativ damit arbeiten und sich nicht nur in Touristenrestaurants präsentieren."
Die Eigeninitiative ist umso wichtiger, da der Niger – im Gegensatz zum Nachbarland Mali – nicht gerade mit Unterstützung für seine kulturellen Schätze glänzt. Jahrzehntelang, so van Edigs Erfahrung, haben sich die Funktionäre der Kulturbehörden persönlich bereichert anstatt die Musik als Exportgut zu nutzen. Das haben Etran Finatawa nun im Alleingang bis nach Australien geschafft, und ihr Erfolg wirkt auf die Heimat zurück. "Die Jugendlichen nehmen wahr, wie beliebt die Gruppe im Ausland ist und die Stimmung verändert sich. Sogar viele alte Nomaden finden es toll, dass Wodaabe und Tuareg zusammen auf die Bühne gehen."
aktuelle CDs:
"Introducing" (World Music Network/edel Contraire)
"Desert Crossroads " (Riverboat/edel Contraire, VÖ: 28.4.2008)
