EU-Forschung – die Welt im Jahr 2025

Zukunftsforschung als Basis für eine europäische Strategie

Das asiatische Jahrhundert  - Miriam Luckhardt
Das asiatische Jahrhundert - Miriam Luckhardt
Die Welt wird sich gravierend ändern: Wasser, Rohstoffe und Lebensmittel werden knapp. Die Forscher erwarten Spannungen und radikale Veränderungen.

Wie könnte die Welt im Jahr 2025 aussehen? Der Blick in die Zukunft ist für die Europäische Union eine wichtige Basis für ihre Handlungs-Strategie. Eine Expertengruppe der Europäischen Kommission hat nach einem Jahr der Forschung im September 2009 ihre Ergebnisse präsentiert.

Trends der Zukunft

1. Das asiatische Jahrhundert.

  • Überbevölkerung: Acht Milliarden Menschen werden sich in 2025 den Planeten teilen. 61 Prozent werden in Asien leben und vier Milliarden Menschen werden in den Entwicklungsländern in Großstädten leben. Die Anzahl der Slumbewohner wird sich auf über 1,5 Millarde verdoppeln. Die Europäische Union wird nur noch 6,5 Prozent der Weltbevölkerung ausmachen und überaltern: 30 Prozent der Menschen werden über 65 Jahre alt sein – ein enormer Kostenfaktor.
  • Produktion: Asien wird der dominierende Produzent und Exporteur der Welt und die Triade USA-EU-Japan ablösen. Die weltweite Produktion wird sich im Jahr 2015 verdoppelt haben, Asien wird über 30 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsproduktion verantworten. Die EU verliert ihren Status als Exporteur Nummer 1.
  • Entwicklung: Sollte der bisherige Trend anhalten, werden Europa und die USA ihre wissenschaftliche und technologische Vormachtstellung an Asien verlieren. Und die asiatischen Studenten werden die Welt erobern: Es wird geschätzt, dass 645.000 chinesische Studenten und 300.000 indische Studenten in 2025 im Auslaund studieren werden.

2. Armut, Mobilität und Migrantenströme

  • Migration: Die Forscher erwarten, dass es weltweit 250 Millionen Migranten geben wird (davon 65 Prozent in den Entwicklungsländern). Die Menschen werden vor der Armut, sozialer Destabilisierung der Mega-Cities sowie politischer Instabilität flüchten. Es werden viele Klimaflüchtlinge erwartet. In Europa werden 64 Millionen Immigranten leben (9 Prozent der Bevölkerung).
  • Über- und Unterernährung: Ein Drittel der Weltbevölkerung wird an Mangelernährung leiden. Und Ernährung wird sehr teuer werden: Verantwortlich ist die hohe Nachfrage, Wetter, Spekulanten, Treibstoffverbrauch, sinkende Vorräte, steigende Preise für Öl und Düngegmittel. Auf der anderen Seite könnte ein Drittel der US-Amerikaner an Fettleibigkeit leiden. In den Entwicklungsländern werden beide Probleme koexistieren und hohen Druck auf das Gesundheitssystem ausüben.
  • Neue Gesundheitsrisiken: In den Entwickungsländern werden infektiöse Erkrankungen entstehen und Krankheiten, für die die westliche Lebensweise verantwortlich ist. Die extreme Mobilität wird zu einer raschen Ausbreitung der Krankheiten führen. Erwartet werden auch radio-nukleare und toxikologische Gefahren sowie Pandemien und neue Krankheiten. Heute gibt es 40 Krankheiten, die vor einer Generation unbekannt waren. In den letzten 5 Jahren hat die Weltgesundheitsorganisation 1.100 Fälle mit epidemischen Charakter bestätigt.

3. Ressourcen-Knappheit

  • Geopolitik: Die natürlichen Ressourcen werden knapp, daher werden Regionen wie der Mittlere Osten (Iran als nächste Gas-Supermacht), China (Kohle), Russland (Gas) und der Kaukasus strategisch wichtiger. Die Internationale Energieagentur schätzt, dass der weltweite Energiebedarf sich bis 2025 verdoppeln wird. Kohle wird zur dominierenden Energiequelle bei einer stagnierenden Ölförderung. 90 Prozent der Energie werden von fossilen Engergiequellen gespeist werden und nur 10 Prozent durch nukleare und erneuerbare Energien.
  • Knappe Ressourcen: Weil Energiequellen knapp und teuer werden, werden vermehrt andere, risikoreichere Energiequellen angezapft (Ölschiefer, Flüssigkohle, Biokraftstoffe der ersten Generation und Brennholz). Für die EU wird die Sicherheit der Energieversorgung eine kritische Frage werden: In 2030 wird rund 70 Prozent des Energiebedarfs importiert werden müssen.
  • 50 Prozent der Erz-Reserven liegen in den ärmsten Ländern: Die EU hat für bestimmte Metalle einen hohen Bedarf, der durch Importe gedeckt werden muss. Der Zugang zu diesen Metallen wird zunehmend schwierig werden. Zum einen durch Reglementierung der Exporte als Machtmittel, zum anderen weil der Großabnehmer China seit Jahren bereits in den afrikanischen Minen investiert ist. Das Recycling von Rohstoffen wird zu einer wichtigen industriellen Aktivität werden.
  • 3 Milliarden Menschen leiden in 2025 an Wassermangel: Heute haben bereits 1,1 Milliarden Menschen keinen Zugang zu sauberem Wasser. Die Sicherung von Zugängen zu Wasser wird eine wichtige politische Aufgabe werden.

4. Spannungen zwischen Gruppen und Staaten

Obige Trends werden zu Spannungen führen: Wie können die Bedürfnisse von acht Milliarden Menschen gestillt werden? Wenn die Menschen im Hinblick auf Ernährung, Wasser- und Energieverbauch den amerikanischen Weg wählen, steht eine weltweite Krise von ungeahntem Ausmaß bevor.

  • Nahrungsmittel: Heute leiden bereits 2 Milliarden Menschen an Unternährung. Für 2025 wird eine ungleich höhere Anzahl erwarten – insbesondere in Afrika und Südasien. Weniger Lebensmittel werden verfügbar sein und für die Ärmsten zu teuer werden. Die Ursachen: Die Reduzierung von verfügbarem Ackerland, Bewässerungsprobleme sowie Klimaveränderungen. Ackerland wird zu einem wesentlichen Investmentfaktor (besonders in Afrika) und weltweit aufgekauft werden (besonders von China, Indien, Südkorea). Die Nutzung von Landwirtschaftsprodukten als Nahrungsmittel konkurriert zunehmend mit der Nutzung als Energielieferant. Heute werden weltweit 4,5 Prozent des Getreides und 7,6 Prozent der Ölpflanzen für Biokraftstoffe benötigt. Besonders hoch ist dies für spezifische Märkte: 30 Prozent des amerikanischen Getreides wird in Ethanol gewandelt und 40 Prozent der europäischen Ölpflanzen werden für die Biodiesel-Produktion verarbeitet.
  • Wasser: Die Nachfrage nach Wasser wird enorm ansteigen. Die Weiterentwicklung von Entsalzungsanlagen könnte hier Entspannung bringen. Auch die Ozeane werden als Territorien neu entdeckt: Die Arktis und die Tiefsee bieten neue Herausforderungen als Offshore-Energiequellen.
  • Rohstoffe: Die Nachfrage nach Rohstoffen wird weiter zunehmen, insbesondere durch den Rohstoffhunger der Entwicklungsländer, China und Indien. Die Angebotsseite wird dieser Nachfrage nicht nachkommen können.
  • Energie: Die Energiefrage wird in 2025 eine Quelle bedeutender ökonomischer und geopolitischer Auseinandersetzungen sein. Insbesondere vor dem Hintergrund von Peak Oil und der Überbevölkerung.

Neben diesen Spannungen muss die Welt im Jahr 2025 mit verschiedenen koexistierenden Formen des Kapitalismus umgehen, einer weiter auseinandergehenden Schere zwischen reichen und armen Ländern und unterschiedlichen politischen Ansätze, wie die globalen Herausforderungen zu managen sind. Dazu kommen noch die "Wild Cards", die bei einem Eintreffen alles verändern, zum Beispiel:

  • Ein Weltkrieg oder großer Krieg (2010-2020)
  • Ein Fortdauern der Finanzkrise nach 2010
  • Eine technologische Katastrophe, zum Beispiel ein Nuklearunfall
  • Pandemien mit verheerenden Effekten
  • Der Kollaps eines Ballungsgebietes in einem Entwicklungsland
  • Die Blockade der EU
  • Ein Durchbruch in den Feldern der erneuerbaren Energien
  • Eine Welle von Innovationen

5. Zeit der Übergänge

Die Forscher erwarten sechs Übergänge auf dem Weg zu einer neuen Welt:

  • Übergang zu einer multipolaren Welt und einer Weltregierung: Nach der amerikanischen Vorherrschaft wird die Welt vermutlich multipolar dominiert (G 8, G20); neue Akteure treten auf die Bühne. Es ist wahrscheinlich, dass ein weltweit greifendes Regierungssystem entstehen wird.
  • Der politisch-kulturelle Übergang zu einem neuen Universalismus: Kollektive Emotionen werden zu einer wichtigen Variable der internationalen Beziehungen (zum Beispiel 9/11 oder die Dämonisierung des Westens im Mittleren Osten). Die EU könnte aufgrund ihrer Vielfalt eine wichtige Rolle bei den Internationalen Beziehungen spielen.
  • Der Übergang zu einem integierten Europa und einem globalen Europa: Ein neues Europa wird seine Grenzen überdenken (Osteuropa) sowie seine Beziehungen zu Ländern, die als Lieferanten von Energie und Rohstoffen wichtig sind (unter anderem der westliche Balkan, Russland und afrikanische Länder).
  • Ein neues sozio-ökologisches Produktionsmodell: Die neuen Rahmenbedingungen werden die EU auf neue Wege führen, dies wird die Produktion betreffen, das Konsumieren und die gesamte Lebensart. Die EU muss ihre Bemühungen verstärken, um eine Führungsrolle bei den sozio-ökologischen Veränderung einzunehmen. Dazu gehören grüne Produkte and Services, zum Beispiel kleinere Autos, die Reorganisation der Logistik, die Ersetzung von Plastik durch Holz oder auch einfach zu reparierende Produkte. Zu dieser Veränderung gehört auch die Entwicklung des Finanzsystems mit geänderten Prioritäten.
  • Die Urbane Veränderung: Die Megacities werden besonders in Asien weiter zunehmen. Hier werden gigantische Investionen bei der Infrastuktur und den Unterkünften vorgenommen – rund 200 Billionen Dollar bis 2030. Dies sind für die Europäer große Herausforderungen, um im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung zu kooperieren.
  • Der demographische Übergang und aktives Altern: Eine längere Lebenserwartung eröffnet neue Märkte. Europa könnte hier in der Pharmazie, bei den medizinischen Geräten und neuen sozialen Services eine internationale Rolle spielen.

Um diese Herausforderungen meistern zu können, muss die EU sich zu einer funktionsfähigen Gemeinschaft weiter entwickeln. Hier bestehen gute Chancen: Europa ist mit zwei Weltkriegen und einem kalten Krieg krisenerprobt und entwicklungsfähig. Das "Projekt Europa" ist mit seinem Vielvölker-Gebilde bereits heute eine Art Globalisierungslabor und kann nach Meinung der Forscher andere Regionen inspirieren.

M. Luckhardt, Heiko Marquardt

Miriam Luckhardt - Miriam Luckhardt ist Wirtschaftspsychologin und war 14 Jahre in der Industrie zu Hause; jetzt ist sie im öffentlichen Dienst ...

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