In Europa fallen immer mehr Grenzen. Zunächst waren es die Länder im Westen des Kontinentes, die politisch und wirtschaftlich enger zusammenarbeiten wollten. Doch mittlerweile richtet sich der Blick nach Osten. Staaten wie Polen, Litauen und Slowenien sind mittlerweile Mitglied der Europäischen Union geworden. Wer im europäischen Rahmen arbeiten will, muss sich darauf einstellen. Deswegen bieten zahlreiche Hochschulen mittlerweile Aufbaustudiengänge an, die sich mit dem Thema Europa befassen, und dies aus unterschiedlichen Blickwinkeln.
Uni Saarbrücken
Bereits seit 50 Jahren gibt es das Europa-Institut der Saarland-Universität in Saarbrücken. Zunächst haben sich die Professoren dort eher mit deutsch-französischen Gesichtspunkten befasst, als sich beide Länder nach dem Zweiten Weltkrieg einander auch politisch näherten. Mittlerweile kommt beispielsweise bei dem seit zwölf Jahren angebotenen Aufbaustudiengang Master of Business Administration die Hälfte der Teilnehmer aus Spanien, den Niederlanden, Italien und beispielsweise auch aus Japan. "Französisch-Kenntnisse sind zwar erwünscht, Unterrichtssprache ist aber Englisch", sagt Christian Gerard, zuständig für den europäisch ausgerichteten MBA-Studiengang, der sowohl für Vollzeit- wie auch für Teilzeitstudenten angeboten wird. Weil der Inhalt in einwöchigen Blockkursen vermittelt wird, kann das Studium in einem Jahr, aber auch in vier Jahren durchlaufen werden. "Wir haben drei Arten von Studenten: klassische Betriebswirte, Ingenieure und Juristen", sagt Christian Gerard.
Ohne Zusatzstudium den Job nicht bekommen
Mark Vollweiler hat zunächst Jura studiert und dann den Aufbaustudiengang in Saarbrücken belegt. "Ohne den zusätzlichen Abschluss hätte ich meinen jetzigen Job nicht bekommen", ist er überzeugt. Bei t-online arbeitet er mittlerweile im Bereich "Mergers and Acquisitions" und berät Unternehmen, die sein Arbeitgeber erworben oder an denen sich t-online beteiligt hat. "Dabei geht es nicht nur um Personaleinsparungen, sondern auch um die Firmenkultur, die es anzupassen gilt - und dies aus beiden Richtungen", sagt er. Der Jurist wusste früh, dass er auch mit abgeschlossenem Referendariat keinen klassischen juristischen Beruf ergreifen, sondern in die Wirtschaft gehen wollte, nachdem er in Mannheim sein Jura-Studium beendet hatte. Um sich die notwendigen Zusatzkenntnisse anzueignen, ging er nach Saarbrücken. "Dort gibt es Studienfächer, die an anderen deutschen Universitäten nicht in dieser Form angeboten werden", begründet er seine Wahl. Seminare mit dem Titel "Intercultural Management" und praxisbezogene Marketingmaßnahmen haben den Juristen besonders interessiert. Und die für MBA-Studiengänge typische Arbeitsweise, Problemstellungen an Hand von Fallstudien zu bearbeiten. Unterschiedliche Verhandlungskulturen konnte Vollweiler so bereits an der Uni kennen lernen, schließlich kommt die Hälfte der Studierenden nicht aus Deutschland. "Wir haben in wechselnden Teams realistische Beispiele verhandelt", erzählt Vollweiler. Innerhalb einer Woche mussten sie dabei Ergebnisse vorweisen, sonst gab es keine Note. "Es war also jeder an Fortschritten interessiert." Auch wenn die Umgangsweise des japanischen oder des französischen Kommilitonen zunächst fremd war und es oft zu Missverständnissen kam. "Wir haben gelacht und heftig gestritten", erinnert er sich. Am Ende waren sie eine "verschworene Gemeinschaft", von denen jeder innerhalb von zwei Monaten nach dem Abschluss in ganz unterschiedlichen Branchen Arbeit gefunden hatte, in der Telekommunikationsindustrie, bei Consultingfirmen und bei Unternehmen, die mit Konsumgütern handeln.
Viadrina Frankfurt/Oder
„Masters of Business Administration" bildet auch die Viadrina, die Universität Frankfurt/Oder, aus. Direkt an der polnischen Grenze gelegen und in einer engen Zusammenarbeit mit dem Collegium Polonicum auf der anderen Seite der Oder liegen die Schwerpunkte auf Mittel- und Osteuropa. Maximal 25 Teilnehmer hat ein Kurs. "West- und Osteuropa sind ungefähr je zur Hälfte vertreten", sagt Programmkoordinator Karsten Peter. "Die meisten sind keine Betriebswirte, sondern Ingenieure, Sprach- oder Literaturwissenschaftler." Überwiegend, und das ist typisch für die MBA-Aufbaustudiengänge, haben die Teilnehmer bereits etliche Jahre Berufserfahrung. "Bis zu einer bestimmten Ebene sind sie im Unternehmen aufgestiegen und haben dann gemerkt, dass ihnen die Qualifikationen für die Spitzenpositionen fehlen", beschreibt Peter die Zielgruppe. 14.000 Euro kostet die Weiterbildung, gerade für Teilnehmer aus Osteuropa kein Pappenstiel. "Oft arbeiten sie für amerikanische und westeuropäische Unternehmen, die höhere Gehälter oder auch einen Teil der Studienkosten übernehmen." Karsten Peter geht davon aus, dass die Teilnehmer des Aufbaustudienganges während ihrer Weiterbildung in ihrem Beruf bleiben. "Wir haben verteilt über zwei Jahre neun einwöchige Präsenzphasen", sagt er. "Dazwischen nutzen die Studierenden unsere E-Learning-Plattform." Per Internet werden Probleme erörtert und Wissen vermittelt.
Immobilienmakler in Moskau
Von der Viadrina an der polnischen Grenze hat es Stefan Wennesz mittlerweile nach Moskau gezogen. Dort arbeitet der 35-Jährige bei einem Immobilienunternehmen. "Es ist spannend, die Marktwirtschaft in einer neuen Phase zu sehen", sagt der Absolvent des Viadrina-MBA-Programms. Er war bereits vor zehn Jahren einige Monate in Moskau, während seines Jura-Studiums. Nach dem Abschluss ging er zu Lufthansa, belegte dann den MBA-Aufbaustudiengang. "Zusammen mit meiner juristischen Grundausbildung hat mir der MBA genau das richtige für meine jetzige Tätigkeit gebracht", sagt er. Wichtig findet er, dabei einen Einblick bekommen zu haben in einen Bereich, der im Studiengang "Managing People" genannt wird. "Wie gehe ich mit Leuten um, mit Kunden, Lieferanten und Mitarbeitern - das lernt man in üblichen BWL-Studiengängen nicht", sagt Stefan Wennesz. In seinem Moskauer Unternehmen kann er seine Kenntnisse gut einsetzen. "In der Zehn-Millionen-Stadt gibt es mittlerweile privatisierte Unternehmen mit einem riesigen Immobilien-Bestand, der aber nicht nach westlichen Kriterien gemanagt wird", beschreibt er die Ausgangslage. Sein Arbeitgeber berät und unterstützt diese Unternehmen, hilft ihnen beim Aufbau eigener Immobilienabteilungen. "Durch meinen ersten Aufenthalt und durch meinen Aufbaustudiengang fällte es mir leichter, mit der russischen Kultur zurecht zu kommen", sagt Stefan Wennesz.
Collegium Polonicum
Auch Sebastian Preiß hat an der Viadrina in Frankfurt/Oder und dem Collegium Polonicum im benachbarten Slubice studiert, wollte allerdings keinen MBA-Titel, sondern schrieb sich in einem Aufbaustudiengang „Schutz europäischer Kulturgüter" ein. Preiß hatte bereits vorher einen besonderen Bezug zu Polen. In Oldenburg, Münster und Breslau studierte er Slawistik, Geographie und Volkskunde studiert, fand danach allerdings keine Arbeit. "Zur Überbrückung und als Alternative zur Arbeitslosigkeit habe ich den Aufbaustudiengang belegt", sagt er. Juristische Fragen beim Erhalt von Kulturgütern wie alten Häusern oder auch Unterlagen sind beispielsweise die Themen des Studienganges. Oder auch Projektmanagement - Themen, die der 33-jährige Preiß spannend findet. Vorstellen konnte er sich zunächst, in der Denkmalpflege zu arbeiten oder bei einer privaten Gesellschaft, die Eigentümer von Denkmälern berät. Mittlerweile steht Preiß kurz vor seinem Examen und überlegt "eine Uni-Karriere durchzuziehen", also zunächst einmal eine Promotion anzuschließen.
