Evolution: Wird die Menschheit aussterben?

Telepathie, SMS-Daumen, Artentod: Wie geht die Evolution weiter?

Darwin-Jahr: Die Autoren und Zukunftsforscher Angela und Karlheinz Steinmüller darüber, was uns in Bezug auf die Evolution noch bevorsteht.

Angela und Karlheinz Steinmüller sind Verfasser des Buches Darwins Welt. Aus dem Leben eines unfreiwilligen Revolutionärs und Suite101-Gastautoren.

Suite101: Betrachtet man die Erkenntnisse der Evolutionstheorie von Charles Darwin: Welche Aussagen kann man für die Entwicklung des Homo sapiens in den nächsten 500 Jahren machen?

500 Jahre sind ein zu kleiner Zeitraum für die natürliche Evolution; unter 50 Generationen lohnt es sich nicht hinzuschauen ... Aber wir erwarten, dass der Mensch in diesem Jahrhundert selbst in die Evolution eingreift, sei es durch Gentechnik, sei es durch die extreme Verlängerung des menschlichen Lebens. Die natürliche Evolution wird durch – im weitesten Sinne – kulturelle Faktoren überlagert. Wir brechen die Gesetze der Evolution. Und müssen uns vielleicht als Gesetzesbrecher auf Strafen gefasst machen ...

Suite101: Werden rezessive Merkmale wie blonde Haare oder blaue Augen tatsächlich aussterben? Wie konnten rezessive Merkmale, wie Kurzsichtigkeit, überhaupt so lange überleben?

Dass ein Allel (Zustandsform eines Gens) rezessiv ist, bedeutet noch lange nicht, dass es sich in einer Population auf dem Rückzug befinden muss. Selbst manche sehr schweren Krankheiten, die rezessiv vererbt werden, haben überlebt, weil sie wie die Sichelzellenanämie mit Vorteilen – hier ein leichterer Verlauf von Malariainfektionen – verbunden sind. Aus enger biologischer Sicht entscheidet über die Ausbreitung eines Merkmals letztlich der Fortpflanzungserfolg, also die Anzahl der Nachkommen. Und die wird beim Menschen wesentlich durch kulturelle und soziale Faktoren bestimmt.

Suite101: Stichwort "SMS-Daumen": Welche modernen Umweltfaktoren - Dinge, die es vor 100 oder 200 Jahren nicht gab - beeinflussen die menschliche Evolution heute?

Ja, wenn sich der SMS-Daumen auf den Fortpflanzungserfolg auswirken, also die Chancen beim anderen Geschlecht erhöhen würde! Wäre ja denkbar: Wer mehr daddelt, hat mehr Kontakt ... Dann könnten wir in einigen Tausend Jahren mehr Menschen mit hoher Daumengelenkigkeit haben. Scherz beiseite: Viele Veränderungen in unserer Umwelt sind aus evolutionärer Perspektive so kurzfristige Phänomene, dass sie sich nicht auswirken können. Beispiel Kohlenbrand-Smog in den Städten. Andere Faktoren werden die Menschheit wohl länger begleiten: eine naturferne Ernährungsweise oder die Erhöhung der Lebenserwartung und – wichtiger noch – des Fortpflanzungsalters. Wie diese sich über Jahrhunderte und Jahrtausende evolutionär bemerkbar machen – wer weiß?

Suite101: In der Science-Fiction-Literatur gibt es verschiedene menschliche Weiterentwicklungen, wie Telepathie oder Telekinese. Haben solche Ideen einen wahren Kern? Welche wissenschaftliche, evolutionäre Grundlage haben solche Zukunftsvisionen?

Der Gedanke liegt ja nahe: Wenn es einen Fortschritt von der toten Materie erst zum Leben, dann zur Intelligenz gibt, sollte sich nicht irgendwann eine weitere, noch höhere Evolutionsstufe anschließen? Vielleicht eine durchgängige Spiritualität, vielleicht ein World Brain? Doch damit hat man längst den Bereich der Naturwissenschaft verlassen und bewegt sich im Gefilde der metaphysischen Spekulationen. Jedenfalls haben Parapsychologen wie Joseph Banks Rhine über Jahrzehnte hinweg versucht, Telepathie nachzuweisen. Letztlich erfolglos. Stanislaw Lem hat das evolutionäre Argument einmal umgedreht. Telepathische Lebewesen hätten einen gewaltigen Vorteil gegenüber telepathisch blinden. Wenn die Telepathie also überhaupt biologisch möglich wäre, dann wäre sie im Verlaufe der Evolution längst „erfunden“ worden.

Suite101: In der Erdgeschichte haben Spezies immer ein Existenzfenster. Gilt das auch für den Menschen? Wie viel Zeit haben wir noch?

Weshalb sollte der Homo sapiens ewig währen? Entweder er entwickelt sich zu etwas anderem (ebenfalls mit begrenzter Laufzeit) oder er stirbt aus. Die vielfältigen Möglichkeiten für ein Ende des Homo sapiens hat der englische Philosoph John Leslie einmal systematisiert. Er kam auf insgesamt 31 Gefahren für das Überleben unserer Spezies: vom noch immer nicht gebannten Risiko eines Atomkriegs und möglichen extremen Folgen der globalen Erwärmung über diverse Mega-Naturkatastrophen (Ausbruch eines Supervulkans) bis hin zu einem Überhandnehmen von Fanatismus oder Egoismus.

Suite101: Gibt es Anzeichen dafür, dass es momentan Lebewesen auf der Erde gibt, die in der Lage sein werden, neben dem Menschen, komplexe Lebenswelten zu schaffen? Eine Sprache zu entwickeln?

Nein. Aber vielleicht erkennen wir sie aus artspezifischem Chauvinismus heraus nur nicht.

Suite101: Was können wir für die Biosphäre in den nächsten 150 Jahren erwarten? Welche Entwicklungen zeichnen sich ab?

Der Mensch greift auf vielfältige Weise in die Biosphäre ein. Manche Forscher schätzen, dass die von uns ausgehenden Belastungen der natürlichen Umwelt deren Regenerationsfähigkeit bereits deutlich – vielleicht schon anderthalbfach – übersteigen, mit klarer Tendenz zur Verschlimmerung. Der Klimawandel ist dabei nur der auffälligste Effekt. Aussterben von Arten gehört zum normalen Verlauf der Evolution. Aber die Intensität des Artensterbens hat sich – durch die Vernichtung von Lebensräumen und durch Umweltverschmutzung – aktuell auf etwa das Tausendfache des normalen Wertes erhöht. Dergleichen Massenaussterben ist in der Erdgeschichte schon mehrfach geschehen. Der Tod der Saurier und mit ihnen von etwa drei Vierteln aller Arten am Ende der Kreidezeit ist ein Beispiel. Damals hat vermutlich ein Asteroid die Erde getroffen. Die Menschheit trifft die Erde wie ein Asteroid! Das Leben verschwindet dadurch nicht von diesem Planeten. Aber wir persönlich wollen nicht einige Millionen Jahre warten müssen, bis die Evolution wieder eine bunte, vielfältige Biosphäre geschaffen hat!

Angela und Karlheinz Steinmüller: Darwins Welt. Aus dem Leben eines unfreiwilligen Revolutionärs. oekom Verlag 2008. 320 Seiten. 24,90 €

Suite101, www.suite101.de

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