Clemens Berger - Das Streichelinstitut in Wien

Clemens Berger: Das Streichelinstitut - Wallstein Verlag
Clemens Berger: Das Streichelinstitut - Wallstein Verlag
Clemens Bergers intellektueller Roman "Das Streichelinstitut" bietet comedyhafte Unterhaltung auf hohem sprachlichem Niveau mit politsatirischen Zügen.

Beruf: Streichler. Das muss ein Irrtum sein, denken Sie? Es gibt Masseure, seriöse und weniger seriöse, solche „mit asiatischen Mitarbeiterinnen“, das meint auch die Dame in dem Wiener Amt, das für die Ausstellung von Gewerbescheinen zuständig ist. Jedoch: „Streicheln ist nicht Massieren.“ Da ist sich Sebastian, ein gut aussehender, lebenslustiger Philosophieabsolvent Anfang dreißig mit einem Hang zum Bonvivant, sicher. Er möchte sich endlich – statt seine Dissertation zu schreiben – in einen „rechtschaffenen“, Geld verdienenden Menschen, ein „nützliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft“, also der aktiven Arbeitsgesellschaft verwandeln.

Lebensberatung Caress_caress in der Mondscheingasse

Schließlich trägt die Beamtin seine Tätigkeit in die Rubrik Lebensberatung ein. Sebastian eröffnet unter dem Künstlernamen Severin Horvath in der Mondscheingasse – nomen est omen - sein „Streichelinstitut“ namens „Caress_caress“, gibt eine Kleinanzeige auf, legt sich auf die neue Behandlungscouch und harrt seiner Klientinnen und Klienten. Und diese bleiben erstaunlicherweise nicht aus.

No Sex im Streichelinstitut

Regel eins: No Sex, keine Berührungen unter der Gürtellinie. Das hat Freundin, Mitinitiatorin, Korrektorin und geistige Sparringspartnerin Anna zur Bedingung gemacht. Sebastian, ein Bruder Lustig und Leichtfuß, hat damit seine Schwierigkeiten, gleich am ersten Tag begegnet ihm als erste Herausforderung Frau Dr. Irene Fischer, die ihn schon nach kurzer Zeit mit ihrem Wunsch nach gegenseitiger intimer „Yoni- und Lingam-Massage“ konfrontiert. Zum Ausgleich wird den Lesern dieses so amüsanten wie intelligenten und bissigen Romans des jungen und erfolgreichen Vielschreibers Clemens Berger der korrekte, geradezu pedantische, durchaus sympathische Ministerialbeamte Herr Nemeth vorgestellt, der alle zwei Wochen dienstags zum Streicheln kommt. Er denkt dabei an seinen längst verstorbenen Vater.

Geschäftsidee mit einsamen Herzen

Der Romanheld Sebastian wäre zu schlicht gezeichnet, hätte er bloß eine gute Geschäftsidee gehabt, um die Zielgruppe der einsamen Herzen in moderner Großstadt gekonnt einzufangen. Clemens Berger gelang es im Gegenteil, eine schillernde Figur zu entwickeln, die sich den Herausforderungen des grauen Alltags, eines komplizierten Beziehungslebens, seinen hohen gesellschaftlichen Idealen, der zwischen Selbstüberschätzung und Selbstzweifeln schwanenden permanenten Ich-Suche, seinen politischen Überzeugungen und Ansprüche auf einer hohen Bewusstseinsebene stellt.

Literaturstipendien für Wiener Autor Clemens Berger

Der Österreicher Clemens Berger, Jahrgang 1979, lebt in Wien. Er veröffentlichte die Romane „Paul Beers Beweis“ (2005) und „Die Wettesser“ (2007), die erzählerischen Anthologien „Der gehängte Mönch“ (2003) und „Und hieb ihm das rechte Ohr ab“ (2009), die Theaterstücke „Gatsch“ und „Und jetzt“ (2009) sowie eine Studie über das Spätwerk Hans Mayers. Für die Arbeit am „Streichelinstitut“ bekam er das Jahresstipendium des Deutschen Literaturfonds, außerdem das Burgenländische Literaturstipendium 2009. Auf die Longlist des Deutschen Buchpreises 2010 schaffte es der Roman allerdings nicht, somit auch nicht auf die Shortlist der aussichtsreichsten Nominierungen.

Clemens Berger - Prototyp der österreichischen Nachwuchsliteratur?

Dem Namen Clemens Berger wird man vermutlich in der Literaturszene noch öfter begegnen. Mit dem „Streichelinstitut“ – keineswegs seine erste Buchpublikation – gelang ihm ein literarisch anspruchsvoller, durchaus unterhaltsamer, passagenweise geradezu comedyhafter Roman voller Aberwitz und intelligenten Denkspielen. Die politisch-philosophischen Dialoge und Lebenseinstellungen der Protagonisten treffen ganz und gar nicht den Ton der Generation von Dreißigjährigen im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts – oder etwa gerade und erneut, im Sinne des leicht verstaubten 68er Gemeinplatzes, dass das Private auch immer politisch bedeutsam sei? Die feine, gelegentlich plumpe Ironie des Autors, wie er seinen von Regelverstoß zu Regelverstoß stolpernden Helden Philosophen aller Art und Richtungen wild durcheinander und vor allem eigennützig zitieren und interpretieren lässt, zeugt von hoher Fabulierkunst.

Clemens Berger: Das Streichelinstitut. Roman.Wallstein 2010. Gebunden. 356 Seiten. 19,90 Euro

Andrea Reidt, Freie Journalistin, Foto Monika Werneke

Andrea Reidt - Die Freie Journalistin Andrea Reidt sammelte vielfältige Erfahrungen in ihrem Beruf. Am allerliebsten schreibt sie ...

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