Während zu Zeiten des Wirtschaftswunders Leute, die sich selbständig machten, eher Exoten waren, zwingt die Lage auf dem Arbeitsmarkt heutzutage viele Menschen, diesen Schritt zu unternehmen, wenn sie nicht für den Rest ihres (Arbeits-)Lebens ALG II beziehen wollen. Aber auch gut ausgebildete, jüngere Menschen, denen man durchaus Chancen auf dem Arbeitsmarkt einräumen würde, entscheiden sich für das eigene Geschäft, zum Beispiel, weil sie sich davon bessere Verdienstmöglichkeiten, freieres Arbeiten oder auch ein höheres Sozialprestige erwarten.
In der Tat stieg die Zahl der Existenzgründungen in den 90er Jahren, wobei sie derzeit eher rückläufig ist, zumindest bei den hauptberuflichen Geschäftseröffnungen. Was jedoch zunimmt sind die nebenberuflichen Gründungen. Wer sich näher mit dem Thema befasst, wird auch feststellen, dass der Schritt in die Selbständigkeit ein recht risikoreicher zu sein scheint, denn ein erheblicher Teil der neuen Unternehmen verschwindet innerhalb der ersten sechs Jahr wieder.
Schuldenfalle Existenzgründung
In den Medien ist immer wieder der Ruf nach mehr Existenzgründungen zu hören, es gibt Förderprogramme und sogar Aktionen von Banken, Sparkassen und Kammern , die mit Start-Up-Programmen Existenzgründungen fördern wollen. Was hier gefördert wird, sind jedoch Gründungen von – nennen wir es einmal so – klassischen Geschäften, die mit viel Aufwand, vor allem in finanzieller Hinsicht verbunden sind. Und genau dieser Aufwand erzeugt das hohe finanzielle Risiko, das zu der hohen Misserfolgsquote führt.
In der Regel verfügen Existenzgründer über zu wenig Eigenkapital und finanzieren ihren Start-Up auf Pump. Dieser Fehler wird durch die Art der Förderung auch noch begünstigt, da diese sich besonders auf verbilligte Kredite erstreckt oder auf Zuschüsse zu Investitionen, bei denen der Rest dann auf Pump finanziert werden muss.
Dadurch starten junge Unternehmen typischerweise bereits in einer Schieflage, die selbst für etablierte Firmen gefährlich wäre. Anders als diese können sie aber nicht auf bestehende Kunden, Reputation, Verbindungen und Erfahrung zurückgreifen, Aktiva also, mit deren Hilfe sich die Etablierten oft genug durch schwere Zeiten retten können.
Die bösen Fixkosten
Die typische Existenzgründung, wie man sie mit Bildern von smarten Yuppies im Anzug in den Faltblättern von Banken und Kammern bewirbt, kostet sehr viel Geld. Nicht nur für „unumgängliche“ Investitionen wie einen Anfangsbestand an Waren, eine schicke Büroeinrichtung, einen repräsentativen Geschäftswagen und dergleichen, sondern auch für Beratung durch oft genug selbst ernannte Experten, die sich Unternehmensberater nennen.
Das alles wird auf Pump finanziert und die Zinsen dafür fallen, genauso wie etwa die Miete für das Geschäftslokal und eventuell gar das Gehalt eines oder mehrerer Mitarbeiter als so genannte Fixkosten auch dann an, wenn gar keine Arbeit da ist, die Geld hereinbringt. Solange, bis die eingehenden Aufträge diese Kosten decken können, zehren sie am flüssigen Reservekapital und ziehen, wenn dieses aufgebraucht ist, den jungen Unternehmer immer tiefer in die Schulden.
Durch diesen Mechanismus ist der Atem des neuen Unternehmens begrenzt und der Start-Up wird zum Glücksspiel: Das Geschäft muss anspringen, bevor die von vorne herein begrenzten Mittel aufgezehrt sind. Dass der Unternehmer dadurch unter Erfolgszwang steht, macht die Sache natürlich auch nicht leichter.
Die viel geschmähte Ich-AG, ein Erfolgsmodell
Als die „Ich-AG“ als angeblich neue – in Wirklichkeit gab es Existenzgründungsprogramme für Arbeitslose schon lange vorher – Errungenschaft im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit vorgestellt wurde, schien sie zunächst ein absoluter Flop zu sein. Das lag aber nicht etwa daran, dass die Philosophie der „Mini-Existenzgründung“ nicht funktionieren würde, sondern war die Folge davon, dass hier praktisch nach dem Gießkannenprinzip zunächst buchstäblich jede, selbst die dümmste Geschäftsidee gefördert wurde. Dadurch gab es nicht zuletzt auch Fälle, in denen lediglich die Förderung mitgenommen wurde, ohne dass der Leistungsempfänger sich überhaupt ernsthaft selbständig machen wollte.
Nicht nur, dass, nachdem die Hürden ein wenig höher gemacht wurden, auch die Ich-AG zu funktionieren scheint, es ist es auch grundsätzlich so, dass kleine Low-Budget-Gründungen per se recht gute Erfolgschancen haben und kaum Risiken bergen: Investitionen, die man aus der Hosentasche bezahlen kann oder die man erst gar nicht machen muss, können einen eben nicht ruinieren.
Auch im Nebenruf sinnvoll
Ein wichtiger Aspekt der Existenzgründung aus der Arbeitslosigkeit heraus ist, dass für den Lebensunterhalt das ALG zur Verfügung steht, man also auch dadurch nicht in Schulden geraten muss. Das gleiche gilt, wenn man sich neben einem Job her, als Rentner, Student oder Schüler im Hotel Mama selbständig macht: Ohne Schulden für Investitionen, mit Fixkosten im Taschengeldrahmen hat der Mini-Unternehmer im Gegensatz zum herkömmlichen Gründer quasi einen unendlich langen Atem.
Die Existenzgründung aus der Arbeitslosigkeit heraus ist übrigens auch ohne den Segen des Amtes möglich. Man muss dann eben dem Arbeitsmarkt weiter zur Verfügung stehen und darf daher – zumindest offiziell – nicht mehr als eine gewisse Stundenzahl pro Woche oder Monat im eigenen Unternehmen tätig sein.
Investitionen gering halten
Wer sich selbständig macht, sollte sich zunächst überlegen, was er alles kann und für welche dieser Dinge, eventuell genug Leute bereit wären, ihn zu bezahlen. Das Schöne dabei: Für die Dinge, die man kann, besitzt man oft bereits die richtige Ausrüstung. Wer gerne gärtnert und heimwerkert und deswegen an einen Hausmeister-Service denkt, hat wahrscheinlich bereits die wichtigsten Gartengeräte und allerhand Werkzeug. Wer gerne schnell Fahrrad fährt und daher Fahrradkurier werden will, wird sicherlich auch Besitzer eines geeigneten Rennrades sein. Der Hauptaufwand besteht daher nicht in barem Geld, sondern in der Arbeit, die man in Planung und Kundengewinnung steckt.
Sollte eine solche Geschäftsidee je ein Flop werden, hat man nichts kaputt gemacht. In aller Regel wird noch nicht einmal die Arbeit völlig vergebens gewesen sein: Selbst wenn man keine müde Mark verdient hat, hat man Erfahrungen gewonnen, die man bei einem neuen Versuch mit einer anderen Low-Budget-Geschäftsidee umsetzen kann. Einem solchen steht ja nichts im Wege, denn man hat ja weder seine Ersparnisse verbraten, noch hat man gar Schulden gemacht und steht im schlimmsten Falle genau da, wo man begonnen hat.
Die Messlatte für den Erfolg eines solchen Kleinunternehmens hängt jedoch nicht allzu hoch: Bei praktisch nicht vorhandenen Kosten verdient man bereits mit dem ersten Auftrag. Selbst bei einem Stundensatz von nur 15 Euro verdient man zwar nicht üppig, aber man verdient. Und wenn das Auftragsvolumen nicht für einen Hauptwerb ausreicht, hat man sich zumindest eine nette Nebeneinnahmequelle geschaffen.
