Experimenteller Ausdruckstanz

„Corpus Hominis“ der italienischen Performerin Paola Bianchi

Paola Bianchi ist eine der interessantesten europäischen Choreographinnen. Mit Ihrem Stück „Corpus Hominis" (Männliche Körper) arbeitete sie erstmals mit Männern.

Alle Stücke von Paola Bianchi sind aufrüttelnd, mutig und experimentell. Bei Corpus Hominis sitzen auf der Bühnenrampe drei italienische Männer. Sie schauen auf das Publikum, als hätten sie noch nie Menschen gesehen. Die Scheinwerfer strahlen grell in den Zuschauerraum. Erst läuft einer von ihnen weg, dann der zweite, dann der dritte. Und es wird dunkel. Stockdunkel. Dazu die Stille. Irgendwie unheimlich.

Das Stück beginnt im Dunkel

Geräusche von Kleidern, die über Körper streifen, sind zu hören, danach jene von Bewegungen. Vielleicht Tanz? denkt man hoffnungsfroh in der Erwartung, dass nun die Leichtigkeit Einzug hielte, aber man bleibt noch eine Weile im Dunkel, hörte den Geräuschen der Füße auf dem Bühnenfußboden zu und ist unversehens mit sich selbst konfrontiert.

Olympioniken und Gunter-Hagens-Leichenschau

Das Stück „corpus hominis“ (Männliche Körper) in der Choreographie von Paola Bianchi beginnt mit einer Verstörung – und es behält dieses Moment selbst beim manchmal grellen Licht weiter bei. In der fast einstündigen Performance arbeiten sich die drei Tänzer, die Paolo Bianchi auch als Schauspieler bezeichnet, durch unterschiedliche Stadien des Körpers: Sie keuchen, schwitzen, zappeln, sie tanzen aufeinander zu in den leichteren Teilen, sie tanzen jeder für sich allein. Sie erstarren in Posen, die die Männlichkeitsideale der Antike heraufbeschwören, Bilder von Olympioniken wechseln sich ab mit Werbeklischees und blitzartigen Sequenzen, in denen die Seele vom Körper losgelöst scheint und die Her-ren da stehen, als seien sie Teil einer Gunter von Hagens-Leichenschau. Sie trennen ihre Körperteile quasi voneinander ab, indem sie Bauch-rein-, Brust-raus-Übungen vorstelllen, sie robben auf dem Boden wie durch Schützengräben.

Körpermacht und -ohnmacht

Sie sind auch stolze Männer, die die Kraft und Macht ihrer eigenen Herrlichkeit verstrahlen, als gälte es, die Welt durch Körperkraft zu besiegen – und sie sind einsame, kranke, zerfallende, verkaufte, gequälte Körper. Sie geben mit sich selbst spielende, onanierende Männer, und verfluchte, tyrannisierte Körper, die aus ihrer beigefarbenen, gewollt unattraktiven Unterhose eine Binde holen, sie in ihr Maul nahmen und sie aufrollen. Die blöde Pose allerdings ist nur der Übergang zur vollkommenen Willfährigkeit durch die anderen – Bilder von Abu Graib schießen dem Zuschauer durch den Kopf, wenn gegen Ende die Binde auch um die Augen, um das gesamte Gesicht gelegt wird. Irgendwie nebelig wird die Bühne, irgendwie entrückt diese um sich selbst trauernden Körper, die auch mal so stolz auf sich waren – noch Minuten vorher.

Feine Licht- und Musikregie

Licht- und Musikregie tun ihr Übriges, um einen Verstörungstext in diese verwirrende Präsentation zu bringen: Fein ausgeleuchtet, konzentriert sich die gesamte Aufmerksamkeit auf dieses Spiel der Leiber, auch bei flirrendem Licht ist kein Entrinnen möglich. Die Musik zitiert schon mal fröhliche Diskomusik, aber auch das uns ständig umgebende kakophonische Konzert von Radio- und sonstigen Meldun-gen; Herztöne dringen fast in den eigenen Zuschauerkörper ein, der am Ende froh ist, dass es ein Ende hat. Dieses Schauspiel hinterlässt eine beklemmende Atmosphäre, eröffnet einen weiten Assoziationsreigen, der von Überlegungen zur männlichen Machtstruktur über die Enteignung des Körpers durch die Werbeindustrie bis hin zu Militär- und Kriegsgedanken ein volles Programm bietet.

Erste Arbeit mit Männern

Paola Bianchi hat ein Jahr an der Choreographie geschrieben, erstmals nur mit dem männlichen Körper gearbeitet. Danach erst hat sie die Tänzer für das Stück gesucht, ihnen aber Möglichkeit zur Mitentwicklung der Choreographie gegeben. Ihre Performance wird unterschiedlich angenommen: Während im christlichen Italien nicht über den heiligen leidenden Leib gelacht wird, amüsieren sich deutsche Zuschauer über die Ironie.

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Hanne Landbeck, Hanne Landbeck

Hanne Landbeck - seit 1998 schreibe ich als freie Journalistin hauptsächlich für den Bereich Feuilleton. Mich interessieren kulturelle ...

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