Schreiende Bilder, verzückte Skulpturen: Blaue Pferde, bedrohliche Häuser, wuchernde Farb-Landschaften, grobe Figuren, fratzenhafte Gesichter, geduckte Figuren - die Kunstwerke des Expressionismus kehren das Innerste nach Außen. Die Kunst beginnt das 20. Jahrhundert mit Leidenschaft.

Vom Impressionismus & Jugendstil zur klassischen Moderne

Nach den heimeligen Szenerien des Impressionismus, nach Monets verträumten Gartenlandschaften und Momentaufnahmen städtischen Treibens im Impressionismus, nach den süßlichen Ornament-Werken im Jugendstil ist die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg reif für radikale Neuerungen in der Kunst: van Gogh hatte schon seine Landschaften in bunten Farben und breiten Pinselstrichen aufgelöst, Gauguin paradiesische Urzustände in "primitiven" Formen und Farben gefeiert.

Doch die Expressionisten gingen einen Schritt weiter: Leben die Bilder der Impressionisten von ihren Impressionen, Eindrücken, so drücken in den Kunstwerken der Expressionisten (Expression = Ausdruck) schreiendbunte Landschaften, lodernd-rote Bäume, blaue Pferde, verzerrte, kantige Figuren Befremdliches, Gewaltiges aus.

Der Expressionismus geht damit den Schritt in die Moderne, ist die erste Strömung der klassischen Moderne.

Aufgewühlt: Die expressionistische Künstlergruppe "Die Brücke"

1905 fand in Dresden eine van Gogh-Ausstellung statt - sie gilt als Auslöser für den deutschen Kunstaufbruch in den Expressionismus: Ernst Ludwig Kirchner, Fritz Bleyl, Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff gründeten in Dresden die Künstlergruppe "Die Brücke", die bis 1913 wegweisend für den deutsche Expressionismus wurde.

Während im französischen Pendant des Expressionismus, dem Fauvismus mit Henri Matisse, die ungezügelte, ursprüngliche Lebensfreude im Vordergrund steht, ist der Tenor der deutschen Expressionisten von Existenzangst geprägt. Berge, Bäume, Häuser, Menschen werden zu Trägern des Schreis der Künstler, spiegeln exaltiert ihre Ängste, Schrecken, Begeisterung, Träume wider - werden im wahrsten Sinne zu aufrüttelnden Seelenlandschaften.

Wegweisend: Der Blaue Reiter

Anders als die Dresdner Brücke war Der Blaue Reiter nie eine enge Künstlervereinigung. Heute würde man den Blauen Reiter eher als "Label" bezeichnen: Die beiden Künstler Wassily Kandinsky und Franz Marc organisierten unter dem Namen Blauer Reiter von 1911 bis 1914 Ausstellungen und betrieben die Kunstzeitschrift "Der Blaue Reiter". Andere bekannte Teilnehmer an den Aktivitäten des Blauen Reiter waren August Macke und Paul Klee.

Während Kandinsky schon früh den Weg weiter in Richtung künstlerischer Abstraktion ging, kann Franz Marc als Example par excellence für expressionistische Verfremdung und Farbgewalt gelten: Immer wichtiger wird dabei die Farbgebung, die oft nicht mehr mit den Sehgewohnheiten übereinstimmt - da gibt es gelbe Stiere, rote Pferde, blaue Berge - ein wahrer Farbenrausch. Die Darstellung ist noch figürlich, aber: Die Werke wollen gar nicht mehr die äußere Realität abbilden, sondern die innere Stimmung. Figuren und Formen sind vereinfacht, beispielsweise mit einfachen Umrissen und dicken Konturen wie das berühmte Blaue Pferd von Franz Marc. Eine verschwommene, dicke Pinselführung lässt manchmal bereits das Dargestellte nur noch assoziativ erkennen, zum Beispiel bei August Macke. Die moderne abstrakte Kunst kündigt sich hier bereits an.

  • Anmerkung zur Verbreitung expressionistischer Bilder - und warum hier kaum Fotos von ihnen zu sehen sind: Viele expressionistische Künstler sind - wohl auch, weil sie derzeit in Mode sind - Opfer des unverhältnismäßigen Urheberrechtsschutzes in der bildenden Kunst. Daher gibt es keine oder nur sehr wenige legale Bilder ihrer Kunstwerke im Netz, und so ist es bei Ausstellungen, zum Beispiel bei der "El Greco und die Moderne" in Düsseldorf 2012, sogar den Medien verboten, für ihre Berichterstattung Fotos oder Filme der dort ausgestellten expressionistischen Werke aufzunehmen. Das wird sich erst ändern, wenn die Bilder 70 Jahre nach dem Tod der Künstler endlich für die Öffentlichkeit frei verfügbar sind (deswegen waren die Bilder El Grecos im Kunstpalast 2012 auch frei).