Kurt Hiller (1885-1972) bezeichnet sich und einen Kreis junger Berliner Schriftsteller im Jahre 1911 erstmalig als „Expressionisten“. Der Begriff war zuvor zwar schon verwendet worden, bezog sich aber noch auf eine bestimmte Form der Malerei. Zur ersten Generation expressionistischer Literaten zählt Kurt Hiller unter anderem Georg Heym (1887-1912), Ernst Blass und sich selbst.
Die jungen Expressionisten
Möchte man zur näheren Bestimmung ein Profil der expressionistischen Literaten erstellen, so ist eine erste Gemeinsamkeit, dass sie überwiegend einer jungen Generation angehören, in deren bürgerlichem Elternhaus ein traditionelles Bild von Kultur gepflegt und gelehrt wurde. Die soziale Realität erkannten die jungen Schriftsteller jedoch als im Widerspruch stehend zu dem, was ihnen in Elternhaus und später in Schule und Universität beigebracht wurde. Ihre persönlichen Perspektiven und bürgerliche Wertvorstellungen gerieten dadurch ins Wanken. Ihre Kunst wurde deshalb eine Form der Auseinandersetzung mit einer erkannten gesellschaftlichen Schieflage.
Abgrenzung zum Naturalismus
1917 hielt Kasimir Edschmid einen Vortrag „Über den dichterischen Expressionismus“, in dem er auf die Abgrenzung zum Naturalismus einging. Der Naturalismus zeichne nur eine oberflächliche Wirklichkeit nach, so Edschmid. Psychologie, Kausalität und Logik der naturalistischen Darstellung könne nur die „Tatsachen“ wiedergeben. Demgegenüber lobte Edschmid das Gefühl und die Intuition expressionistischer Literatur. Er stellt dem vergesellschafteten Wesen des Naturalismus den bloßen Menschen gegenüber. Nicht „Pflicht, Moral, Gesellschaft und Familie“ mache den Menschen aus, sondern das, was er jenseits seiner sozialen Rollen ist. Mit ihrer Arbeit wollen die Expressionisten dem Menschen seinen ihm gebührenden Platz einräumen. Sie wollen mit ihrem Schreiben Freiheit, Humanität, Natürlichkeit und Glück befördern – manche wollen sich auch durch das Schreiben „nur“ ein autonomes Feld schaffen, in dem Kunst Selbstzweck ist (l’art pour l’art).
Die jungen Künstler des Expressionismus verstanden sich also einerseits als Verkünder und Repräsentanten einer neuen Zeit, andererseits als jemand, der sich im Medium Kunst selbst befreit. In beiden Fällen lief dies auf eine radikale Antibürgerlichkeit hinaus.
Expressionistisches Leben
Der Austausch der jungen Expressionistengeneration wurde wie andere literarische Strömungen dieser Zeit in großem Umfang in Zeitschriften gepflegt. Bestimmte Verlage wie der Kurt-Wolff-Verlag in Leipzig förderten gezielt expressionistische Literatur, und neu gegründete Clubs, zum Beispiel das „Neopathetische Cabaret“ 1910 (es wurde vom Berliner „Neuen Club“ veranstaltet) wurden Aufführungs- und Diskussionsorte. Mitglieder waren hier unter anderem Jakob van Hoddis, Georg Heym und Erst Blass. Besonders Heym und van Hoddis trugen mit ihren Gedichten regelmäßig zum Abendprogramm bei. Ein Jahr später spaltete sich um den Autor und Herausgeber Kurt Hiller eine Gruppe von Personen aus dem „Neuen Club“ ab und gründet den „Club Gnu“. Johannes R. Becher, Carl Einstein, Franz Werfel, Herwarth Walden und andere nahmen regelmäßig an seinen Veranstaltungen teil. Der Letztgenannte, Walden, war die zentrale Figur des „Sturm-Kreises“ und Herausgeber der Zeitschrift „Der Sturm“ (1919-1932). In dieser wichtigen Schrift erschienen Texte von namenhaften Literaten wie Alfred Döblin und Gottfried Benn.
Alfred Döblin (1878-1957): „Die Ermordung einer Butterblume“
1913 veröffentlichte Döblin den Erzählband „Die Ermordung einer Butterblume“, der als ein gewichtiger Beitrag zur Bewegung aufgenommen wurde. Die Titelgeschichte gleicht einem medizinischen Psychogramm des Protagonisten. Dieser erliegt mehr und mehr einem wachsenden Realitätsverlust, indem er sein Abschlagen von Butterblumenblüten mit seinem Spazierstock im Nachhinein als eine schwere moralische Verfehlung begreift. Letztenendes gipfeln die Zwangsgedanken darüber im Irrsinn. Merkmal der Erzählweise ist die bloße Widergabe der Gedankengänge des Protagonisten über weite Strecken.
Gottfried Benn (1886-1956): „Morgue“
1912 erschien der bis heute bekannte Gedichtband „Morgue“ des Lyriker und Arztes Benn. Hier finden seine Erfahrungen als Leichensezierer Niederschlag. Sein vielleicht berühmtestes Gedicht daraus, „Kleine Aster“, beschreibt das Aufschneiden eines menschlichen Leichnams auf eine empfindungslos und daher als entwürdigend wahrgenommene Weise. Benn entwickelt hier eine neue Art von Ästhetik, die sogenannte „Ästhetik des Hässlichen“.
Expressionistische Weltsicht – gemeinsame Merkmale und Themen
- die Expressionisten nahmen die Gesellschaft als dem Untergang und dem Krieg geweiht wahr, von Verfall und Depression zerfressen. Sie sahen aber auch die Möglichkeit des Aufbruchs, Neubeginns und der Revolution.
- In erster Linie finden Empfindungen Ausdruck. Nicht die äußeren Umstände, sondern deren Auswirkung im Menschen werden dargestellt.
- Die Sprache wird zunehmend regellos, freie lyrische Formen setzten sich durch. Das Ausdrücken ekstatische Zustände, pathetische Phrasen, die betonte Individualität und Subjektivität kommen in Mode.
- Auch Vater-Sohn-Konflikte werden thematisiert. Hier findet die Auflehnung der jungen Generation einen Ausdruck, häufig in der Form des Dramas, zum Beispiel in „Der Sohn“ von Walter Hasenclever (1890-1944). Das Drama wurde 1914 in den „Weißen Blättern“ veröffentlicht.
- Psychisch Kranke als extremes Gegenbeispiel zur Normalität werden Darstellungssubjekte.
- Die historisch-soziale Verortung innerhalb der entstehenden Literatur spielt meist keine relevante Rolle. Die expressionistischen Künstler tendieren zu einer apolitischen Darstellung, die sich auf das menschliche Wesen als solches konzentrieren möchte.
- Als 1914 der erste Weltkrieg einsetzt, entwickelt sich auch ein politischer Ansatz in der expressionistischen Literaturschreibung. Die Leiden der Menschheit, als deren Ursache der Kapitalismus und Militarismus ausgemacht werden, werden angeprangert. Dies geht einher mit der Abkehr von nationalistischem Patriotismus. Georg Heyms Gedichtband „Der Krieg“ und August Stramms Gedichtband „Patrouille“ entstehen. Trotz allem spielt sich der Widerstand mehr auf einer Gefühlsebene der Autoren ab.
Weiterentwicklungen mit politisch-revolutionären Tendenzen
Dramatiker, die politisch-revolutionäre Tendenzen stärker zum Ausdruck brachten, waren zum Beispiel Ernst Toller oder Ernst Barlach. Die Naivität, mit der die jungen Künstler zunächst dichtend die Welt verändern wollten, weicht gegen Ende revolutionär-marxistischen Programmen, so etwa in Kurt Hillers Jahrbüchern mit dem Titel „Ziel“. 1925 gründete sich die sogenannte „Gruppe 1925“, in der sich 29 deutsche Schriftsteller zusammenschlossen, um sich im Kampf gegen das immer repressiver werdende Kulturgesetz der Weimarer Republik zu unterstützen. Auch Alfred Döblin schloss sich dieser Gruppe an, neben ihm Ernst Blass, Johannes R. Becher und Bertolt Brecht und viele andere.
Ende des Expressionismus
Nach 1925 entstanden kaum noch neue expressionistische Werke. Die junge Generation der Literaten entwuchs ihren idealistischen Avantgarde-Träumen. Einige von ihnen waren durch die Erlebnisse im 1. Weltkrieg regelrecht traumatisiert. Spätestens mit dem Beginn des NS-Regims 1933 war das Ende der expressionistischen Produktion besiegelt: Den Nazis galt die Kunst der Künstler als „entartet“ und wurde verboten.
