
- wissenschaftliches Schreiben - Pia Helfferich
Wer eine wissenschaftliche Arbeit schreiben muss, ganz gleich, ob es sich um eine überschaubare Hausarbeit oder gewaltige Dissertation handelt, steht zunächst immer vor dem gleichen Problem: Wie soll man den riesigen Berg an Textquellen lesen, behalten, verarbeiten, bewerten und wieder in die eigene Arbeit fließen lassen? Wie geht man mit all den Texten um? Lesen und unterstreichen? Lesen und Stichwörter rausschreiben? Nach der Lektüre eine Zusammenfassung in eigenen Worten notieren?
Vorteile des Exzerpierens
Der effektivste Weg mit wissenschaftlicher Literatur umzugehen ist das Exzerpieren. Zunächst wirkt diese Methode umständlich und zeitaufwendig, wer sie jedoch gekonnt einsetzt, der wird ihre Vorteile erfahren: Die Inhalte werden sofort kognitiv verarbeitet, man konzentriert sich auf die wesentlichen Informationen, was Zeit spart, das Material wird gut archiviert und das Exzerpieren bereitet optimal das Schreiben der Erstfassung vor, so dass die schwierige Stufe vom Lesen der Quellen zum Schreiben des eigenen Textes flacher wird.
Die Fragestellung
Der wichtigste Punkt, der das Exzerpieren statt zu einer umständlichen zu einer effektiven Arbeitsmethode macht, ist folgender: Man liest und bearbeitet den Text nicht komplett mit der gleichen Intensität, sondern man formuliert zunächst eine Fragestellung und konzentriert sich dann auf jene Passagen, die diese Frage beantworten. Zielgerichtet arbeitet man schneller und nimmt den Inhalt auch besser auf.
Doch welche Frage(n) stellt man sich? Wenn das nicht auf der Hand liegt, kann man sich zunächst überlegen, was man bereits weiß, hierbei kann ein MindMap helfen. Die nächste Frage lautet: Was will ich zusätzlich wissen?
Relevante Textstellen finden
Zunächst einmal sei darauf hingewiesen, dass es klug ist, sich von vornherein nur auf die wesentlichsten Quellen zu beschränken. Was nützt die schönste kleine Zusatzinformation, wenn die Jagd auf sie jeden vernünftigen Zeitplan sprengt und die Arbeit nie fertig wird? Aber auch die wichtigsten Quellen brauchén nicht komplett gelesen zu werden, sondern man sucht sich lediglich die relevanten Stellen heraus. Dazu begutachtet man das Inhaltsverzeichnis, liest oberflächlich die Einleitung, die zentralen Stellen und das Schlusskapitel – die formulierte Fragestellung immer vor Augen. Dadurch erhält man einen Überblick, um jene Textpassagen zu finden, die es zu exzerpieren lohnt.
Exzerpt gestalten
Der Kopf des Exzerpts sollte nach einem immer gleichen Muster aufgebaut sein, das übersichtlich die wichtigsten Informationen der exzerpierten Publikation darstellt. Dazu gehören der Titel des Aufsatzes oder Buches, sein Standort in der Bibliothek oder der Ablageordner der Kopie, das Exzerpierdatum, die Fragestellung, unter der der Text exzerpiert wurde und eine knappe Zusammenfassung, worum es in dem Text geht. So stellt man sicher, dass man jederzeit das Exzerpt zuordnen und mit ihm arbeiten kann.
Hier ein Beispiel:
„Hayes, J. R. (1996). A New Framework for Understanding Cognition and
Affect in Writing. In C. M. Levy & S. Ransdell, The Science of Writing. The -
ories, Methods, Individual Differences, and Applications. New Jersey: LEA,
S. 1–27.“
Standort: ERZ 84 ftnhi 751
Gelesen: 2010-10-28
Welchen Nutzen hat das Schreibmodell von Hayes für meine tägliche Arbeit?
Hayes stellt 15 Jahre nach seinem ersten Modell (Hayes-Flower) ein überarbeitetes Modell des Schreibprozesses vor, dieses soll ein System sein, mit dessen Hilfe man den Schreibprozess besser untersuchen kann.
Text paraphrasieren
Nun schreibt man in eigenen Worten eine Zusammenfassung der gelesenen Textstelle, aber nicht nur das: Man erweitert sie mit eigenen Kommentaren und Ideen, mit Erkenntnissen und Querverweisen. Optimalerweise schreibt man das Exzerpt nicht in Stichwörtern, sondern bereits in ganzen Sätzen. Auf diese Weise leitet man schon über zum späteren Erstellen der ersten Fassung der eigenen Arbeit. Wichtig ist dabei, dass man klar zwischen der Textzusammenfassung und der Darstellung der eigenen Position unterscheidet.
Zusätzlich können Zitate notiert werden, um sie später in die wissenschaftliche Arbeit aufzunehmen. Zitate herauszuschreiben ersetzt jedoch niemals die in eigenen Worten formulierte Zusammenfassung.
Indem man die Seitenzahlen notiert, sowohl bei den Zitaten als auch regelmäßig bei allen Textstellen, auf die man sich bezieht, erleichtert man sich die spätere Weiterverarbeitung des Exzerpts.
Verwaltung der Exzerpte in einer Literaturdatenbank
Es lohnt sich, für das Archivieren der Exzerpte auf eine Literaturdatenbank zurückzugreifen. In der Regel kann man dann Schlagworte anlegen, die das Wiederfinden und Querverbinden erleichtern, Literaturlisten werden mindestens halbautomatisch angelegt und selbst beim Recherchieren helfen manche dieser Programme. Eine empfehlenswerte Literaturdatenbank ist beispielsweise Citavi, die auch in der kostenlosen Version für relativ umfangreiche Arbeiten ausreicht.
