
- Fitzgerald: Die Schönen und Verdammten - Diogenes
Francis Scott Fitzgerald war, neben seinem Freund Ernest Hemingway, einer der bekanntesten Autoren der "Lost Generation". So wird eine Gruppe von jungen amerikanischen Schriftstellern bezeichnet, die im ersten Weltkrieg in Europa gedient haben, nach ihrer Rückkehr in die Vereinigten Staaten bei der Gesellschaft einen fundamentalen Werteverfall diagnostizierten und sich fortan in ihren Werken diesem Problem widmeten. Der Grundgedanke dabei war, dass sich die amerikanische Gesellschaft der 1920er Jahre oberflächlich und genusssüchtig gab, um nicht mit den harten Realitäten des Lebens umgehen zu müssen und somit viele in der wilden Zeit der "Roaring Twenties" nur allzu oft gedankenlos ins Verderben schlitterten. In "Die Schönen und Verdammten"beschreibt Fitzgerald ein solches Schicksal.
Das Bild der gesellschaftlichen Elite im Nordamerika der 1920er Jahre
Anthony hat seine beiden Elternteile schon früh durch Krankheit verloren. Sein Großvater, der Multimillionär Adam Patch, sorgt dafür, dass er die Elite-Universität Harvard besuchen kann. Anthony wohnt in New York, hat sein eigenes Apartment und einige Freunde, die einem literarischen Zirkel angehören. Mit ihnen geht er feiern und lernt schöne Frauen kennen. Einer geregelten Arbeit geht Anthony – sehr zum Missfallen seines Großvaters – nicht nach. Er rechnet fest damit, das Vermögen nach dessen Tod zu erben, weshalb er sich um eigene Einkünfte keine Gedanken macht. Dieses Lebensgefühl steht repräsentativ für die "bessere" Gesellschaft im damaligen Amerika. Anthony sieht keinen Sinn darin zu arbeiten. Er ist stets auf der Jagd nach den Genüssen, die das Leben für einen jungen Mann bereithält.
Glitzerndes Liebesleben in der High Society New Yorks
Gloria, die Cousine eines seiner Freunde, verzaubert Anthony sofort. Er verliebt sich in sie, doch ihr Wesen ist kompliziert. Sie ist wunderschön und weiß ihr Aussehen einzusetzen. Sie trifft, auch nachdem sie Anthony kennengelernt hat, andere Männer, heiratet schließlich aber ihn. Anthonys Großvater ist nicht begeistert von der Heirat und stellt seinen Enkel zur Rede, wie er gedenke, ohne Einkünfte für seine Frau zu sorgen. Doch Anthony und Gloria machen sich darüber keine Gedanken, sie lieben das Leben und seine teuren Freuden. Mit der Aussicht auf das Millionenerbe starten sie optimistisch Richtung Zukunft.
Anthony und Gloria Patch – ein Ebenbild von Scott und Zelda Fitzgerald
In "Die Schönen und Verdammten" fallen Parallelen zum Leben der Fitzgeralds auf. Wie Scott und seine Frau Zelda Fitzgerald, haben auch Anthony und Gloria Patch eine sehr ambivalente Beziehung zueinander. Nachdem der aufregende Glanz der frischen Liebe bald nach der Hochzeit verflogen ist, geraten sie immer öfter in unschöne Streitereien – zumeist aufgrund von Nichtigkeiten. Auch führt ihre Feierlaune und Genusssucht dazu, dass an den meisten Tagen der Alkohol in Strömen fließt. Ihr Leben wird immer unregelmäßiger und Anthonys Pläne für die Zukunft immer verwaschener. Er möchte schreiben, doch worüber weiß er nicht. Anthony und Gloria fliehen vor der Zukunft. Die Fitzgeralds pflegten ein ähnliches Leben. Nachdem Scott mit seinem ersten Buch "Diesseits vom Paradies" die ersten finanziellen Erfolge erlebte, begannen er und seine Frau ein immer unsteteres Leben zu führen, in dem der Alkohol ein steter Begleiter war.
In der Zeit der "Roaring Twenties" herrschte ein exzessiver Lebensstil vor
Eines Tages kommt Anthonys Großvater überraschend zu Besuch. Just in diesem Moment halten Anthony und Gloria mit ihren Freunden ein Trinkgelage ab. Adam Patch, ein Streiter für die Prohibition, ist entsetzt über das Verhalten seines Enkels und dessen Frau. In seiner Wut enterbt er seinen Enkel. Bald darauf stirbt er. Anthony und Gloria wollen das Erbe einklagen, doch der Prozess zieht sich hin. Immer mehr verfällt Anthony dem Alkohol, startet ein paar widerwillige Versuche, Arbeit zu finden, scheitert dabei jedoch kläglich. Nach ein paar Jahren stehen die beidem vor dem Nichts. Anthony und Gloria gewinnen am Ende der Geschichte zwar den Erbschaftsprozess. Jedoch ist Anthony zu diesem Zeitpunkt bereits schwer alkoholabhängig, sein jugendliches Aussehen ist längst der Trinkerei zum Opfer gefallen. Gloria hat viel von ihrem einst wunderschönen Aussehen eingebüßt. Ihr Selbstbewusstsein und ihre Eigenwilligkeit sind in den harten Jahren der Exzesse und schließlich der Entbehrungen dahingeschmolzen.
Gesellschaftskritik und dunkle Vorahnung Fitzgeralds?
Der Roman "Die Schönen und Verdammten" von Fitzgerald, porträtiert eine Gesellschaft, die verzweifelt auf der Suche nach einem Sinn in ihrem Leben ist, in rasender Geschwindigkeit lebt und dabei in allem was sie tut zu exzessivem Verhalten neigt, um nur nicht mit den unschönen Seiten des Lebens konfrontiert zu werden. Anthony und Gloria stehen stellvertretend für diese Gesellschaft. Sie verschließen zu jeder Zeit die Augen vor den bitteren Tatsachen des Lebens. Ihr ausschweifender Lebensstil hilft ihnen, indem er ihnen keine Zeit lässt, sich wirklich umzusehen. Irgendwann sind sie an einem Punkt angelangt, an dem alles egal ist und sie nur noch auf den nächsten Tag hinleben. So kommt es dann auch, dass die beiden erst erkennen, was aus ihnen geworden ist, als es bereits zu spät ist. Dabei geht der Autor besonders hart mit der damaligen Gesellschaft ins Gericht. Als Anthony und Gloria am Ende das Millionenerbe erstritten haben, ist es zu spät. Vor allem Anthony hat sich schon um seine Sinne getrunken. Dies steht für die Haltung der Schriftsteller der "Lost Generation". Sie zeigt, dass das Geld, das dem Paar stets so erstrebenswert erschien, sie im im Endeffekt nicht zu retten vermag. Tragischerweise verlief das Leben von Francis Scott Fitzgerald und seiner Frau Zelda ähnlich dramatisch.
F. Scott Fitzgerald: Die Schönen und Verdammten. Diogenes 2006. Taschenbuch, 599 Seiten. Euro 24,90.
