
- Wie lässt sich Wein beschreiben? - (c) Günter Havlena/pixelio.de
Otto Normalverbraucher trinkt Weißwein, Rotwein oder Rosé, je nach persönlicher Vorliebe lieblich, trocken oder halbtrocken. Sommeliers und Connaisseurs dagegen – nun, genau genommen trinken die auch nichts anderes. Aber anstatt lediglich zwischen gut, geht so und be…scheiden zu differenzieren, haben sie eine eigene Fachsprache entwickelt, um den vielfältigen Eigenschaften eines Weines gerecht zu werden. Wie jede Fachsprache legt diese Wert darauf, dass Otto sie nicht auf Anhieb versteht – für den Laien ist das Attribut "adstringierend" genauso vielsagend wie eine "Pachyonchie" für Nichtmediziner.
Die vielleicht gar nicht so schlechte Nachricht: Um sich dem sensiblen Gaumen eines Weinkritikers anzunähern, bedarf es einer jahrelangen Beschäftigung mit dem Rebensaft. Die gute Nachricht: Man muss nicht Önologie studieren, um mit einigen Begriffen der Weinsprache umgehen zu lernen.
Knackig oder pappig – der Wein und die Säure
Wein enthält eine Vielzahl von Säuren. Dazu gehören flüchtige wie Essig- und Ameisensäure und nichtflüchtige Säuren wie Wein-, Apfel- und Citronensäure. Sie spielen bereits während der Gärung eine wichtige Rolle und beeinflussen später Farbe, Haltbarkeit und Geschmack eines Weines – in einem ausgewogenen Verhältnis mit Alkohol und Tanningehalt (Gerbstoffe) verleiht die Gesamtsäure einem guten Tropfen "Struktur" und Frische. Nur ein hochwertiger Wein mit perfektem Gleichgewicht besitzt jedoch "Finesse". Einen Wein mit übermäßig viel Säure oder bitterem Tannin bezeichnet man dagegen als "aggressiv", besitzt er zuviel von einem oder beidem ist er "hart". Zu alkoholhaltiger Rebensaft wird sinnigerweise mit "brandig" umschrieben. Fehlt wiederum Säure, ist der Wein "flach".
Ein "weicher" Wein ist weder zu tannin- noch zu säurehaltig, rund, jedoch ohne besonderen Ausdruck. "Knackig" bedeutet einen gehobenen, aber angenehmen Säuregehalt, der einen frischen Geschmack mit sich bringt. Damit Weine das Prädikat "rassig" verdienen, müssen sie zugleich Eleganz und ausgeprägte Duftstoffe aufweisen. Das Gegenteil von einem knackigen ist ein "pappiger" oder "plumper" Tropfen – er hat zu wenig Säure und ist deshalb zu süß.
Körperreich und konzentriert – das Aroma von Wein
Die verschiedenen Aromen eines Weines sind ein Thema für sich: Kenner schmecken aus einem guten Tropfen einen Hauch von Himbeere, eine rauchige Note oder Aromen von Honig, Limette und schwarzem Pfeffer heraus. Dies erfordert einige Kunst. Relativ einfach ist es dagegen, die Intensität und Qualität der Aromen einzugrenzen. "Aromatisch" bezeichnet einen angenehmen und ausgeprägten Geruch und Geschmack. Ein "körperreicher" Wein ist vollmundig und besitzt intensive Aromen, sind diese vielfältig vorhanden, ist er "konzentriert" oder auch "tief". Ein eher wässriger Wein mit wenig Aroma ist dagegen "dünn".
Kurz und hohl – Weine mit Makel
Bezeichnet ein Sommelier einen Wein als "kurz", hat er keinen guten Abgang – der Geschmack verfliegt nach dem Trinken schnell. Bei einem "langen" Tropfen hält der aromatische Nachgeschmack dagegen an. Das prinzipiell positive Attribut "blumig" wird für eine Fülle an Duftstoffen verwendet. Ein "hohler" Wein hat nun zwar eine viel versprechende Blume, enttäuscht jedoch den Gaumen. Besonders aufdringliche Aromen wiederum beschreiben die abwertenden Begriffe "krautig" oder "hölzern".
Ein "schwerer" Wein steigt oft schnell zu Kopf – er besitzt einen hohen Alkoholgehalt, ist zwar voluminös aber ohne Finesse. Ist ein Tropfen noch "grün" hinter den Ohren, fehlt es ihm an Reife: Er ist säuerlich und zu jung. "Magerem" Wein fehlt es an Nuancen und Geschmack. Und das anfangs genannte "adstringierend"? Das bedeutet, dass der Wein viel Tannin enthält. Typisches Zeichen dafür ist ein pelziges Gefühl auf der Zunge. Zu hohen Tanningehalt umschreibt man auch mit "rau", ein solcher Tropfen kratzt oft im Hals. Und Rotwein muss zwar atmen, tut er das jedoch zu lange, oxidiert er und wird "schal" – er hat Säure abgebaut und dadurch an Bouquet verloren.
Samtig und rund – ein feiner Wein
Als "rund" wird ein harmonischer Wein mit einem vollen Geschmack bezeichnet. Ist er zudem weich und mild, ist er "geschmeidig". Einen geschmeidigen Wein mit geringem Tanningehalt und reichem Körper nennt man auch "samtig". Besitzt ein geschmeidiger Wein gehaltvolle Aromen und einen guten Abgang, so verdient er das Prädikat "vollmundig". Ein feines, zartes Bouquet, das jedoch noch keine blumige Vehemenz erreicht, das heißt "duftig".
Mit Weinsprache zum Weinkenner
Soweit ein kleiner Überblick. Vielleicht regt er dazu an, sich etwas intensiver mit der Sprache des Weins zu beschäftigen – immerhin kann ein solcher auch dumpf, reich, seidig, firnig und noch so manches mehr sein. Für das Anfangsinteresse genügen etwas Fachliteratur und das ein oder andere Gläschen. Indem man die Begriffe nach und nach verinnerlicht und Wein bewusst trinkt, schult man seine Wahrnehmung automatisch, und schon bald rufen bestimmte Eigenschaften eines Tropfens ganz von alleine die entsprechenden Fachbegriffe hervor. Und warum sich nicht einmal in geselliger Runde über die Eigenschaften eines Rot- oder Weißweines austauschen? Wer wirklich tief einsteigen will, für den empfiehlt sich als nächster Schritt die Teilnahme an Weinseminaren.
Doch was macht nun zu guter Letzt den perfekten Wein aus? Einen solchen gibt es nicht – schließlich sind die Geschmäcker ebenso verschieden wie die Anlässe. Im Prinzip findet auch ein pappiger Wein Freunde, kann ein grüner Wein zu mancher Speise gut passen, ein blumiger Wein dem einen gerade recht und dem anderen eben zu blumig sein. Vor allem aber liegt der Reiz von Wein in seiner Vielfalt, die bei der Rebsorte beginnt und im Glas endet. Jeder Jahrgang ist unterschiedlich, hängt neben vielen anderen Faktoren von Sonne, Boden, Winzerkunst und Weinkeller ab - am Ende liegt die Wahrheit eben allein im Wein.
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