Fall 39: Horrorfilm mit Renée Zellweger und diskutablem Plot

Kindesmissbrauch im Zentrum eines Horrorfilms? "Fall 39", inszeniert vom Deutschen Christian Alvart, widmet sich dem heißen Thema auf ungewöhnliche Weise.

Eine der Stärken des Horrorfilms liegt traditionell im Aufbrechen von Tabus, die in anderen Genres kaum oder überhaupt nicht denkbar wären. Der durch „Antikörper“ bekannt gewordene deutsche Regisseur Christian Alvart stellt das Thema Kindesmissbrauch ins Zentrum seines ersten Hollywoodfilms „Fall 39“.

Unschuldsengel oder Satansbraten?

Singlefrau Emily (Renée Zellweger) ist mit Herz und Seele Sozialarbeiterin. Ihre einzige Lebensaufgabe erkennt sie darin, anderen Menschen, bevorzugt Kindern, aus misslichen Situationen zu helfen. Eines Tages erhält sie einen Fall mit der Aktennummer 39 zugewiesen. Das offensichtlich mit der Erziehung der zehnjährigen Lilith (Jodelle Ferland) völlig überforderte Elternpaar Margaret (Kerry O’Malley), und Edward Sullivan (Callum Keith Rennie) weist jegliche Hilfe seitens des Sozialamts zurück. Doch Emily bleibt an dem Fall dran und erhält prompt wenig später den Anruf der zu Todes verängstigten Lilith.

Sie verständigt den befreundeten Polizisten Mike (Ian McShane) und fährt zum Haus der Sullivans. Wie sich erweisen soll in buchstäblich letzter Sekunde. Denn das Ehepaar hat seine Tochter im Backrohr eingesperrt und die Gaszufuhr aufgedreht. Mit viel Mühe überwältigen Mike und Emily die vermeintlich wahnsinnigen Sullivans und bewahren Lilith vor einem grausamen Tod.

Die Sullivans landen in einer psychiatrischen Klinik, während die mit dem Schrecken davongekommene Tochter in ein Heim kommen soll. Doch Emily lässt sich von dem schüchternen Mädchen erweichen, adoptiert Lilith und nimmt sie in ihr Zuhause auf. Anfangs ist das Familienglück ungetrübt. Aber mit der Zeit zweifelt die Sozialarbeiterin daran, ob Lilith tatsächlich der vermeintliche Unschuldsengel oder nicht vielmehr ein wahrer Satansbraten ist …

Von Regan über Damon zu Lilith in „Fall 39“

Die Rolle von Kindern in Horrorfilmen wandelte sich im Laufe der Zeit deutlich. Erst allmählich lockte das Genre jenes Potenzial heraus, das dem Klischeebild des harmlosen Kindes gründlich entsagte. Im Science-Fiction-Klassiker „Das Dorf der Verdammten“ (1960) ist es eine Gruppe paranormal begabter Kinder, die ein ganzes Dorf ins Verderben stürzt. Einen Meilenstein stellte George A. Romeros „Die Nacht der lebenden Toten“ (1968) nicht nur auf Grund der bis dato unbekannten Splattereffekte dar. In der wohl schockierendsten Szene des Filmes tötet ein kleines Mädchen seine Mutter auf grausamste Weise, entreißt ihr das Herz und isst es.

Nicht weniger verschlagen waren die von Dämonen besessene Regan in „Der Exorzist“ oder Damien aus „Das Omen“. Stets war der Kampf gegen das sich in Kinderkörpern versteckende Böse mit moralischen Bedenken überfrachtet: Darf man einem Film körperliche Gewalt antun oder es gar zu ermorden versuchen? Das potenziell spannende Szenario in „Fall 39“ wird aber durch die emotionale Aufgeladenheit des Themas Kindesmissbrauch zweckentfremdet. Durch die Entwicklungen des Plots – die hier natürlich nicht verraten seien – wird Emilys fürsorgliche Hingabe auf bedenkliche Weise ad absurdum geführt. Leider nicht das einzige Problem des Films.

Subtil wie ein Vorschlaghammer

Dabei beginnt der Film durchaus spannend und mit viel Empathie für die von Renée Zellweger verkörperte Sozialarbeiterin. Aber sobald sie Lilith adoptiert hat, gibt der bis dahin gefällige Streifen jegliche Subtilität auf und serviert den bereits vorhersehbaren Plottwist auf dem Silbertablett. Jegliche Zweifel an der Realität der Geschehnisse wird aufgegeben, ohne freilich diesen Umstand in der Dramaturgie angemessen zu berücksichtigen. Als wüsste der Zuschauer nicht ohnehin längst, was Sache ist, bemüht Christian Alvart immer wieder völlig überflüssige Erklärungen. Überdies hinaus sollten bereits bei der Namensgebung von Lilith sämtliche Alarmglocken läuten. Subtil ist auch dies jedenfalls nicht.

Überraschungsfreies Horrorstück

Dadurch, dass die zentrale Frage des Films – ist Lilith bloß ein gequältes Mädchen oder tatsächlich die Inkarnation des Bösen? – bereits im ersten Filmdrittel geklärt wird, dreht sich der Horrorstreifen über eine Stunde lang im Kreis und endet in einem genretypischen Showdown, der noch dazu unspektakulär und klischeehaft inszeniert wurde.

Selbst die tadellosen Schauspielleistungen der beiden Protagonistinnen vermögen „Fall 39“ nicht aus der schieren Mittelmäßigkeit herauszureißen. Der deutlich gealterten Renée Zellweger muss man wieder einmal zugute halten, in jeder ihrer Rollen das Beste zu geben.

Ein Fall für einen verregneten Fernsehabend

Fazit nach knapp zwei Stunden: „Fall 39“ empfiehlt sich als idealer Film für einen verregneten Abend, an dem nichts Besseres im Fernsehen läuft. Immerhin bietet er ausreichende Gelegenheiten zum Aufsuchen der Toilette. Denn selbst nach mehreren Minuten Absenz versäumt man bei diesem Film keine spannende Szene oder eine unerwartete Plotwendung.

Fall 39 ist hiermit geschlossen …

Originaltitel: „Case 39“

Regie: Christian Alvart

Produktionsland und -jahr: USA 2010

Filmlänge: ca. 109 Minuten

FSK: Ab 16 Jahren

Verleih: Paramount Home Entertainment

Veröffentlichung auf DVD und blu-ray: 29.7.2010

Offizielle Website: www.case39movie.com/

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