Da hat man nun eine großartige Idee und an der soll der Leser doch bitteschön geradezu kleben, in die Geschichte eintauchen und sich völlig mit der fiktiven Welt identifizieren. Da Leser von Natur aus störrisch sind, auch noch andere Bücher, wenn nicht sogar einen Fernseher besitzen, muss man zu Tricks greifen, mit deren Hilfe man sie in die Geschichte hineinziehen kann. Geht man geschickt vor, erntet man vielleicht das höchste Lob: „Ich konnte das Buch nicht mehr aus der Hand legen."
Zeigen, nicht behaupten
Wichtigstes Mittel ist die Regel „Zeigen, nicht behaupten". „Die Küche sah furchtbar aus und an der Wand stand ein alter Schrank." Dieser Satz wird auf Leser nicht gerade wie ein Magnet wirken, denn indem er das schreibt, verlangt der Autor vom Leser, ihm blind zu vertrauen. Der Leser hingegen glaubt nur, was er auch sieht. „Eine Packung Cornflakes, verschimmelte Brotscheiben und ein undefinierbarer roter Glibber verteilten sich gleichmäßig in der ganzen Küche. Rechts an der Wand stand ein Schrank, auf dem tiefe Kratzer mindestens drei verschiedene Farbschichten freilegten." Auf diese Weise kann man sich Urteile und Behauptungen wie „furchtbar" und „alt" sparen. Man präsentiert dem Leser ein Bild und urteilen darf er dann selber. So wird Lesen zu einem Dialog zwischen Text und Leser und indem er „beschäftigt" wird, lässt sich der Leser auf die Geschichte ein.
Klischees vermeiden
Dieses Zeigen, das Entrollen eines Films vor den Leseraugen, benötigt lebendige Details. Arbeitet man zu schnell und greift auf Klischees zurück, auf Dinge, die jedem als erstes eingefallen wären, erreicht man nur, dass der Leser mit den Schultern zuckt und sich gelangweilt abwendet. Lebendige Details findet man zum Beispiel, indem man beobachtet. Wer einen alten Schrank zeigen will, kann sein Gedächtnis durchforsten, um festzustellen, auf was für Möbelungetümer er schon getroffen ist. Das ist eine wirkungsvollere Methode als sich krampfhaft etwas Originelles auszudenken.
Symptomatische Details
Die Figuren sollten den Leser natürlich auch fesseln. Dafür muss er sie klar vor sich sehen können. Um das zu erreichen, braucht man keine lange Beschreibung vom Scheitel bis zur Sohle, sondern es geht wiederum um Details. Was ist typisch für die Figur? Vielleicht hat sie ein nervöses Zucken um den rechten Mundwinkel oder sie geht sehr langsam und streckt die Nase nach vorn, so als ob sie den Weg erst erschnüffeln müsste. Das Benutzen öffentlicher Verkehrsmittel sollte nicht unterschätzt werden, wenn es um Material geht, aus dem man wiedererkennbare Figuren herstellen kann. Bei der genauen Observierung der Mitreisenden findet man reichlich Besonderheiten, bei denen man sich fragen kann, wofür sie stehen und was sie über diese Person aussagen.
Vorausdeutungen
Ein weiteres Mittel, um den Leser in die Geschichte hineinzuziehen, sind Vorausdeutungen, seien es nun direkte oder indirekte. Mit direkten Vorausdeutungen kann Spannung aufgebaut werden. „Eine Woche bevor sie Walter eine Axt in den Schädel rammte, buchte sie für ihn und sich die Nordmeerkreuzfahrt, die sie sich so lange gewünscht hatten." Vermutlich wird der Leser wissen wollen, wie diese beiden konträren Dinge zusammenhängen.
So ähnlich funktionieren auch indirekte Vorausdeutungen, bei ihnen muss der Leser jedoch stärker Entschlüsselungsarbeit leisten. Wenn in einem Roman wie in Lernet-Holenias „Der Graf von Saint Germain" der Satz auftaucht „Wer je die Schönheit angeschaut mit Augen", dann kann der Leser, der das Gedicht „Tristan" von August von Platen kennt, diesen Satz ergänzen: „Ist dem Tode schon anheimgegeben." Somit ahnt er, dass der Protagonist nicht mehr lange zu leben hat. Wer „Tristan" nicht kennt, wird jedoch ohne groß zu stolpern über diesen Satz hinweggehen können. Dieser Hinweis gibt also Insidern einen Spannungsvorsprung und ermuntert zum Mitdenken.
Realität und Fiktion verknüpfen
Wenn man sehr fremde Welten kreiert, etwa im Fantasy- oder Science Fiction-Bereich, kann es besonders schwierig werden, das Interesse des Lesers an diesem fernen Geschehen zu wecken. Man kann den Leser „abholen", indem man der fremden fiktionalen Welt eine reale Basis unterlegt. Wenn sich Strukturen unserer Realität in der fiktionalen Welt zeigen, erleichtert das dem Leser sich darauf einzulassen und Stück für Stück kann man sich dann weiter von unserer Realität entfernen. Ein Beispiel dafür ist Harry Potter. Wie zwei Folien auf einem Overhead Projektor werden die Fantasywelt und das gewöhnliche Leben in einer britischen Boarding School übereinandergelegt.
Doch nicht nur Fantasy und Science Fiction erschaffen fremde Welten, auch Autoren anderer Genre müssen ihre Leser von der fiktionalen Wirklichkeit überzeugen. Dan Brown muss die Sakrileg-Leser dazu bringen, ominöse Theorien zu glauben. Dabei hilft es dem Autor, seine Handlung an berühmten „echten" Orten spielen zu lassen. Die Recherchehinweise zu Beginn sind keineswegs nur eine Danksagung sondern signalisieren eine Verknüpfung mit der Wissenschaft, die noch einmal durch den Hinweis einer Figur auf real existierende Bücher verstärkt wird. Auch hier wird eine reale Folie auf die fiktionale Folie gelegt.
Das alles können nur erste Hinweise sein, wie es gelingen kann, die Leser in die Geschichte hineinzuziehen. Freies experimentieren ist erwünscht.
