RUHR2010 - Kulturhauptstadt Europas und CentrO: Fantasiestädte

Instituto Tomie Ohtake, Sao Paulo, Brazil - Alejandro Juan
Instituto Tomie Ohtake, Sao Paulo, Brazil - Alejandro Juan
Fantasiestädte gehören heute zu den Metropolen unserer Welt. Das CentrO in Oberhausen ist ein Beispiel dafür. Ein Programmwechsel zum Projekt Ruhr 2010.

Das Ruhrgebiet ist 2010 als Kulturmetropole, zusammen mit den Städten Pécs in Ungarn und Istanbul, Kulturhauptstadt Europas. Neben den hervorgehobenen Highlights im offiziellen Programm von RUHR2010, finden sich hier aber auch Projekte, die das mehr als fünf Millionen Einwohner zählende Ballungszentrum von einer anderen Seite zeigen. Das CentrO in Oberhausen gehört dazu. Es wurde 1996 auf dem ehemaligen Thyssengelände eröffnet und zieht mittlerweile Unmengen von Touristen und Einwohnern der umliegenden Gegenden an. Dies freut zwar die Ladenbesitzer, doch hat die künstliche Konsumhölle auch negative Auswirkungen. Unter Stadtsoziologen würde man das mit einer Coca-Cola-Oase ausgestattete CentrO vielleicht als Fantasy City bezeichnen. Als Revitalisierungsprojekt steht es auch den Stätten der RUHR2010 nahe.

Fantasy City – Pleasure and profit in the postmodern metropolis

Dieser Artikel bezieht sich zu einem großen Teil auf das Buch „Fantasy City – Pleasure and profit in the postmodern metropolis“ von John Hannigan, einem Professor für Soziologie an der Universität Torontos. Das Buch behandelt hauptsächlich die Entwicklung der amerikanischen Metropolen nach den Folgen der Deindustrialisierung und nachlassenden staatlichen Förderungen. Im Zuge dieser Entwicklung und durch den Versuch der Wiederbelebung verwahrloster Stadtzentren sowie durch das Vordringen privater Investoren in den öffentlichen Raum, bildeten sich Stätten innerhalb der Städte, die besondere, vorher unbekannte Charakteristika aufwiesen. Diese Stätten bezeichnet John Hannigan als Fantasiestädte. Sie sind in sich thematisch geprägt, haben allerdings keine Verbindung zu ihrem Umfeld. Dabei herrschen Themen aus dem Sport, der Geschichte oder aus der Unterhaltungswelt vor. Diese thematischen Welten sind oftmals mit bestimmten Markennamen verbunden. Im Bezug auf Markennamen ist außerdem der Trend des „Namensponsoring“ zu erkennen. So heißt New Yorks Theaterdistrikt heute „Continental World“ und wird von Continental Airlines gesponsert.

Trend Namenssponsoring: HSH-Nordbankarena, Vattenfall-Cyclassics oder O2 World Hamburg

Auch in Deutschland finden wir heute zum Beispiel eine HSH-Nordbankarena oder Allianzarena. Davon versprechen sich die sponsernden Unternehmen Synergieeffekte und eine Steigerung ihres Bekanntheitsgrades. Auch in Verbindung mit bestimmten Veranstaltungen lässt sich ein Trend zum Namenssponsoring erkennen. Durch die Prägung von Veranstaltungsbezeichnungen wie beispielsweise „Nokia Night of the Proms“ oder "Vattenfall-Cyclassics" wird eine unumgehbare Präsenz der Geldgeber in den Medien gewährleistet. Dazu muss es aber nicht unbedingt kommen, da manche Namen, wenn sie ständig wechseln, ohne dass sich der bezeichnete Gegenstand ändert, nicht übernommen werden. Auch bei übermäßig langen Namen, welche im Sprachgebrauch abgekürzt werden, kann der gewünschte Effekt ausbleiben. So wurde beispielsweise die Color-Line-Arena, die heute O2 World Hamburg heißt, sowie teilweise in den Medien und auch in der Umgangssprache als Colina bezeichnet, wobei der Name des Sponsors nicht mehr ersichtlich war.

In New York, Rio de Janeiro oder Berlin: Illusionen und virtuelle Welten

Ein weiteres Merkmal der Fantasiestadt ist ihre ganztägige Funktion. Sie schließt nicht, wie normale Einkaufszentren oder ähnliche Einrichtungen, bei Nacht ihre Türen, sondern bietet manchmal sogar vierundzwanzig Stunden lang Unterhaltung. Ferner besitzen diese Stätten eine moderne technische Ausstattung und mit Hilfe von Simulationen können Illusionen und virtuelle Welten erzeugt werden.

Außerdem vereinen Fantasiestädte einen Standard unterschiedlicher aber bestimmter Module, die in ihrer Zusammensetzung auch in den meisten anderen Fantasiestädten zu finden sind. Dazu gehören beispielsweise thematische Restaurants, Kinos, Theater, große Musik- und Buchketten und bei großen Komplexen auch ein Aquarium, eine Arena und ein Museum. Dies führt zwar zu einem großen Angebot an Möglichkeiten in den jeweiligen Fantasiestädten selbst, schränkt allerdings auf der Makroebene ebenfalls eine sich durch regionale und nationale Besonderheit und Unterschiede auszeichnende Vielfalt ein, da in den verschiedensten Städten und Ländern ähnliche Standartkomplexe entstehen.

Beim Betreten einer solchen Fantasiestadt wird es dann irrelevant, in welchem Kulturkreis und Land sich der Besucher befindet. Ob nun New York, Rio de Janeiro oder Essen, die Strukturen und Produkte in den Fantasiestätten gleichen sich. Dies wird dann zur Bedrohung der kulturellen Vielfalt, wenn solche Fantasiestädte die gewachsenen Stadtzentren ersetzen. Wenn gewachsene Stadtzentren, Produkte einer langen geschichtlichen, sozialen und kulturellen Entwicklung, veröden und nicht mehr benutzt werden, weil all ihre Benutzer in solche Fantasiestätten abgewandert sind, kann vieles verloren gehen. Auch Fantasiestätten in Deutschland, wie beispielweise das CentrO in Oberhausen werden eine ähnliche Wirkung haben.

RUHR2010 versus sauber, sicher und wenig sozial?

Die Fantasiestadt ist von ihrem ökonomischen, physischen und kulturellen Umfeld isoliert und als privater Raum gelten in ihr andere Gesetze und Regeln als man sie im öffentlichen Raum finden kann. So sind zum Beispiel demokratische Äußerungen wie Demonstrationen verboten, und auch soziale Probleme werden ausgegrenzt und nicht geduldet. Solche Komplexe sind sauber und sicher. Weder Armut, noch andere soziale Missstände sind sichtbar. Mit Überwachungskameras, Sicherheitspersonal und gut organisierten Reinigungstrupps wird aktiv dafür gesorgt, dass Unerwünschtes fern bleibt. Aber auch eine indirekte Wirkung besteht. Durch protziges Design und andere spezifische Symbole einer bestimmten Klasse, wird in einem dieser Klasse fremden Besucher ein Unwohlsein hervorgerufen. Auch ökonomische oder geographische Hindernisse tragen das Ihrige dazu bei, dass ungewollte Konfrontationen ausbleiben und die Zielgruppe sich ungestört der Illusion einer heilen Welt hingeben kann. Durch solche Stätten werden die verschiedenen Klassen der Gesellschaft getrennt.

Dies sollte kein Vorbild für eine demokratische, zusammenwachsende Region wie das Ruhrgebiet sein. So freut es, dass RUHR2010 die kulturelle Vielfalt feiert und seine Vergangenheit als realen Bezug und authentisches Charakteristikum dieser Region wieder aufleben lässt.