
- Festliche Stimmung - Stephenson
Am 17. Mai ist ganz Norwegen auf den Beinen. Es gibt kaum einen Tag im Jahr, der mit mehr Freude erwartet und frenetischer gefeiert wird. An diesem Tag im Jahr 1814 bekam Norwegen nach jahrhundertelanger Abhängigkeit endlich seine eigene Verfassung.
Ein Däne wird norwegischer König - Verfassung für Norwegen mit Prinz Christian Frederik
Nach der Schlacht von Leipzig hatte Dänemark nach 434 Jahren der Union mit Norwegen das Land an seinen Rivalen Schweden abgetreten. Mit Hilfe von Prinz Christian Frederik, Neffe des dänischen Königs und Gouverneur von Norwegen, gelang es endlich, Norwegen eine eigene Verfassung zu geben, die am 17. Mai 1814 formell verabschiedet wurde. Christian Frederik wurde zum norwegischen König gewählt. Seit diesem Tag wird der 17. Mai als Nationalfeiertag begangen. Im Oktober desselben Jahres verzichtete der neue König auf seine Machtbefugnis und verließ das Land.
Ein Tag für die ganze Familie - Festtagsschleifen und bunt bestickte Festtagstrachten
Es ist ein Tag für die ganze Familie, selbst die Hunde sind mit Festtagsschleifen geschmückt.. Aber für die Kinder ist der 17. Mai einfach das Größte. An diesem Tag bekommen sie so viel Eis und Süßigkeiten, wie sie nur wollen. Ebenso wie die Erwachsenen laufen die meisten von ihnen in Festtagstracht herum. An den farbenfroh bestickten Trachten lässt sich erkennen, aus welcher Region Norwegens die Familien stammen.
Eine Anschaffung fürs Leben - norwegische Festtagstrachten mit Kappen und Gürtel
Sowie die jungen Frauen den Kinderschuhen entwachsen sind, bekommen sie ihre Tracht, die sie oft ein Leben lang begleitet. Da auch Norweger mit der Zeit in die Breite gehen können, sind Stoffreserven vorhanden, die man bei Bedarf auslassen kann. Bestickte Kappen findet man nur noch auf wenigen Köpfen, sie sind ein wenig aus der Mode gekommen.
Die Frauen sind geschminkt und wohl frisiert. Überall sieht man Silberschmuck, bestickte Taschen, die am Gürtel befestigt werden, Schürzen, handgestrickte Strümpfe und Pullover. Letztere als sichtbares Zeichen sinnvoller Beschäftigung für lange Winterabende. Nur wer wenig Geld hat, greift auf eine der Trachten aus dem Supermarkt zurück. Sie sind aus dünnem Stoff und eher eine Notlösung als eine Anschaffung fürs Leben.
Norwegen ist vom guten Wetter nicht unbedingt verwöhnt. Im Sommer 2006, von vielen als wahrer Jahrhundertsommer gefeiert, schien die Sonne auch am 17. Mai prächtig von einem blauen Himmel herab. Rot-weiß-blaue Fähnchen flatterten, wohin das Auge blickte. In Trondheim zum Beispiel.
Mit Fahnen durch Trondheim - norwegische Schulklassen, Kindergärten, Luftballonverkäufer
Trondheim ist nach Oslo und Bergen die drittgrößte Stadt des Landes. Tausende von Kindern sind in ihren Klassenverbänden und Kindergartengruppen unterwegs. Herausgeputzte Mädchen und Jungen. Etwas größere Jungen tragen große schwere Fahnen, deren Stangen in Ledergurten gestützt werden und links und rechts von anderen Kindern an Bändern in Position gehalten werden. Die Abiturienten, russ genannt, ziehen in weißen Arbeitsanzügen umher, die sie wie Anstreicher aussehen lassen. Polizisten fahren langsam und mit geschwellter Brust auf ihren Motorrädern über den Asphalt. Lächelnde Verkäufer, oft mit dunklem Teint, verkaufen bunte Luftballons. Das Land zeigt sich offen für ausländische Mitbürger, viele - vor allem asiatische - Kinder werden adoptiert.
Wer im Publikum, das dicht gedrängt an den Straßen steht, einen Bekannten entdeckt, schert aus der Spur aus und verlässt den Umzug zu einem kurzen Hallosagen, Händeschütteln, Lächeln. Dann geht's weiter - im Gleichschritt, Marsch. Die Zuschauer halten Kaffeebecher in den Händen oder ein Eis. Alkohol sucht man hier vergeblich. Schräg laufende Festtagsmarschierer, wie man sie immer wieder bei deutschen Schützenumzügen antrifft, gibt es hier nicht. Und das ist nicht allein eine Frage der hohen Alkoholpreise.
Besucher singen die norwegische Nationalhymne im Trondheimer Nidarosdom
Die Norweger singen auch ohne Alkohol aus vollem Herzen: "Ja, jeg elsker dette landet ..." Mit den Worten "Ja, ich liebe dieses Land ..." beginnt die norwegische Nationalhymne. Sie ist auf der Straße zu hören, aber auch im Gottesdienst, der im Trondheimer Nidaros-Dom gefeiert wird.
Im Halbdunkel des prächtigen Sakralgebäudes (vor Stavanger das größte des Landes) stehen Chorfrauen und -männer in Tracht. Die Chorleiterin trägt eines der traditionellen Kopftücher. Durch bunte Glasfenster fällt das Licht in festlichem Glanz. Der Pfarrer und ein Teil des Chors schreiten durch den Gang zum Altar. Ab und zu singt von dort der Chor, wie von ferne, aus einer anderen Welt. Glaubensbekenntnis und Vaterunser klingen in norwegischer Sprache, die der deutschen so verwandt ist, ganz vertraut. Tief empfundene Heimatliebe ist allgegenwärtig.
Norwegen am Nationalfeiertag - ein glückliches Land
Wer nach dem Gottesdienst noch einmal zur wunderbaren Fassade des Domes empor blickt, könnte sich einbilden, dass auch die liebevoll gestalteten Statuen ein kleines Lächeln auf den Lippen haben. Festlich gekleidete Menschen schlendern über den Friedhof, über Wiesen und durch Parkanlagen. Überall blühen Frühlingsblumen. Die Menschen sehen glücklich aus.
Abends wird zu Hause weiter gefeiert. Viele laden sich gegenseitig zum Grillfest ein. Es ist Ehrensache, draußen zu sitzen. Wem es zu kühl wird, der wickelt sich in eine Wolldecke. Im privaten Raum wird nun auch das eine oder andere Glas erhoben. Man trinkt auf einen wunderbaren 17. Mai.
Norwegen ist immer eine Reise wert, nicht nur um so weltberühmte Plätze zu besuchen wie den Geiranger Fjord. Wer den Vorzug hat, das Land an seinem höchsten Feiertag besuchen zu können, sollte diese Chance unbedingt nutzen.
