Das gallische Wort für Nessel war ne-nadi. Es bezieht sich auf die Nessel als Faserpflanze. Außer Hanf und Leinen diente auch die Brennessel damals zum Weben und Spinnen. Die Kelten stellen aus Nesselfasern Stricke, Säcke und Hemdenstoffe her. Schon in der Altsteinzeit wurden aus der Pflanze Netze, Reusen, Tragtaschen und Fallstricke produziert.

Tatsächlich ist die Brennessel auch eine bewusstseinsverändernde Pflanze - aber entgegen jenen, die als Drogen missbraucht werden, um in andere Dimensionen zu schwinden, versetzt die Brennessel uns durch ihr Stechen jäh und unmittelbar ins Hier und Jetzt.

Die Wirkung der Faserpflanze

Vielleicht findet sich darin auch der Grund, warum in der Bevölkerung heutzutage zunächst mit Skepsis auf die Verwendung der Brennessel als Faserpflanze reagiert wird: Allein die Vorstellung lässt rote Pusteln auf der Haut wachsen. Ein überflüssiger Gedanke, entstammen die verwendeten Bastfasern doch dem Stengel der Pflanze und nicht den Blättern, wo jene Brennhaare sitzen, die uns oftmals zurückschrecken lassen.

Die Fasern der Brennessel sind hohl und isolieren damit je nach Verarbeitung sowohl vor Kälte und Wärme. So schwören inzwischen auch Textilforscher auf ihren Gebrauch: Hemd, Pulli oder Hose aus Brennessel trügen sich angenehm, leicht und weich wie Seide, so weiss beispielsweise der Textilforscher Kai Nebel.

Brennesselfasern als Rohstoff

Am Institut für angewandte Forschung der Fachhochschule Reutlingen untersucht Nebel die Eigenschaften der Brennessel-Fasern als RohstoffSie seien anspruchslos, kämen im Gegensatz zur Baumwolle meist ohne chemischen Pflanzenschutz aus und seien ob ihrer abschreckenden Wirkung reichlich vorhanden.

Nachdem man im 12. Jahrhundert Brennesselfasern dazu nutzte, Segel und Fischernetze zu produzieren, versuchte man ab dem 15. Jahrhundert, die Pflanze zu kultivieren, bis schließlich die Baumwolle aufkam. Dennoch gewann der Nesselstoff immer dann an Bedeutung, wenn Baumwolle knapp wurde - zuletzt nach den beiden Weltkriegen.

Vor allem die Stengel der Großen Brennnessel eignen sich zur Herstellung von Fasern und Stoffen. Die Einzelfasern der Brennnessel können dabei maximal 250 Millimeter betragen, bei Zuchtformen konnte man eine durchschnittliche Faserlänge von 52 Millimetern erreichen.

Ernte und Anbau

Am ergiebigsten bei der Ernte ist eine bis zu drei Meter hohe Sonderform der Brennnessel, die Fasernessel. Während wilde Brennnesseln nur wenige Prozent der Bastfasern im Stängel haben, kam man bei der Fasernessel im Jahr 1945 schon auf eine Ausbeute von rund 15, heute auf bis zu 20 Prozent. Ein weiterer Vorteil: Die Faserbrennnessel ist die einzige Faserpflanze, die als nachwachsender Rohstoff auf stillgelegter Fläche angebaut werden darf, wie in Brüssel 1999 beschlossen wurde.

Der einzige Nachteil der Brennessel als Textilienlieferant ist der Anbau selbst. Die faserreichen Pflanzen können nur aufwändig über Stecklinge vermehrt werden. Dafür werden sie in den Monaten April bis Juni und September bis Oktober mit Kohl-Pflanzmaschinen in den Boden gebracht, in Reihen mit dem Abstand von etwa 0,75 Meter gepflanzt.

Verarbeitung der Nesseln

Nach der Ernte soll das Nesselstroh auf dem Feld trocknen, bevor die Fasern vom holzigen Teil der Pflanze getrennt werden. Das klebrige Stroh wird in einem Alkalibad aufgeweicht und anschließend mit einem "Dampfdruckverfahren" behandelt. Dabei reißt der Dampf die Fasern des Strohs auf und löst die klebrigen Kittsubstanzen aus den Faserzwischenräumen.

Was am Ende bleibt, sind die einzelnen Nesselfasern. "Nach einem weiteren Waschvorgang sind sie baumwollähnlich und können mit Baumwollmaschinen weiterverarbeitet werden", erklärt Textilfachmann Nebel.

Aus den Fasern lässt sich nicht nur Stoff herstellen - durch Wässern und Pressen entsteht zum Beispiel ein Vlies, das sich als Innenverkleidung von Autotüren oder als Verpackungsmaterial eignet. Einen richtigen Markt für die Fasernessel gebe es trotz Interesses aus der Textilindustrie nicht, so Nebel. Probleme bereiten die relativ niedrige Faserausbeute und die stark variierenden Faserlängen. Ob und wann es sich für Bauern einmal lohnen könnte, Brennnessel statt Mais anzubauen, ist also fraglich, bislang stagniert die Entwicklung.

Die Brennessel als Färberpflanze

Lange Zeit gehörte die Brennnessel zu den Färbekräutern. Wolle, die mit Alaunbeize vorbehandelt worden ist, kann man mit ihr wachsgelb färben, eine Zinnvorbeize, Kupfer-Nachbeize und ein Ammoniak-Entwicklungsbad erzielt ein kräftiges Graugrün. Die Materialien für die Beizen sind in den meisten Apotheken erhältlich. Man mischt diese Bestandteile mit Wasser und legt die Wolle ein. Anschließend benötigt etwa 600 Gramm Brennnessel pro 100 Gramm Wolle; der Farbton variiert ein wenig, je nach Zeitpunkt des Pflückens und Färbens.