Eine Sängerin mit pink-blondem Haar röhrt ins Mikrofon. Schauspieler in schriller, bunter Kleidung und blinkenden, roten Teufelshörnchen verteilen ebensolche an das Publikum und fordern zum Mitklatschen auf. Man könnte meinen, es handele sich um ein leichtes Musical, stattdessen geht es um die Walpurgisnacht in Goethes Faust I. Markus Kopf hat den Klassiker für die Städtischen Bühnen Münster neu inszeniert und aus dem vielschichtigen Theaterstück ein Pop-Drama gezaubert. Leichte Unterhaltung statt intellektueller Kost, peppige Musik anstelle düsterer Kirchenklänge. Dazu ein Gretchen (dargestellt von Tina Amon Amonsen) deren schüchtern-linkisches Verhalten nebst Outfit perfekt ins 21. Jahrhundert passt und ein Faust, der ihr Vater, oder besser, Lehrer sein könnte.
Kurzweilig und überraschend
Oberspielleiter Markus Kopf scheint sich nicht ganz sicher gewesen zu sein, wie modern er seinen Faust denn nun eigentlich gestalten wollte. Einerseits katapultiert er das Drama mit Hochgeschwindigkeit in die Moderne, auf eine Bühne, die von meterhohen Videoleinwänden eingerahmt ist. Das Lippe-Saiten-Orchester unter der Leitung von Tankred Schleinschock ist hoch oben auf einem Podest platziert; das Publikum blickt von allen vier Seiten auf das Geschehen. Trotz der Länge von mehr als drei Stunden bleibt das Stück, das man stellenweise kaum noch als „Faust“ erkennt, kurzweilig und immer wieder überraschend, was man der Inszenierung zu Gute halten muss.
Andererseits wählt Markus Kopf eine reichlich reife Besetzung für den Faust in Gestalt von Wolf-Dieter Kabler, der an Gretchens Seite bisweilen eher lüstern, denn wahrhaft verliebt wirkt, so dass man dem ungleichen Paar die Zuneigung nur schwerlich abnehmen kann. Dazu kommen die unverändert tragischen und ernsten Szenen, die sich nicht recht in die verspielt-fröhliche Atmosphäre fügen wollen und ein dandyhafter Mephisto in schwarzer Lederkluft, der, dargestellt von Johann Schibli, geradezu menschlich wirkt und wohl eher das Teuflische im Menschen als den Beelzebub verkörpern soll.
Halbherzige Modernisierung
So gelingt es zwar, das klassische Drama vor allem auch für junges Publikum unterhaltsam zu machen, in letzter Konsequenz ist die Modernisierung jedoch nur halbherzig durchgeführt. Das Brave, Religiöse will Gretchen beim besten Willen nicht stehen, dafür nimmt man ihr die pubertäre Unsicherheit voll ab, wenn sie Faust mit Lipgloss und gestylter Frisur gesenkten Kopfes entgegentritt. Ein jüngerer Forschergeist stünde ihr da als Verführer weitaus besser. Dasselbe gilt für die Schlussszenen, in denen Gretchen von der Gesellschaft verstoßen und gebrandmarkt wird. Dass ausgerechnet junge Schauspieler, die eben noch als Schüler auf der Bühne standen, Ankläger sind, will nicht so recht ins Bild passen. So wirkt auch die von Tina Amon Amonsen durchaus überzeugend dargestellte Kerkerszene am Ende wie ein Fremdkörper in einer Inszenierung, die es auf Leichtigkeit abgesehen hat, wo es ernster kaum werden kann.
