Fasten schärft Sinn, Schlankheit und Schweigen

Minimalistische Kontemplation im Kloster statt Burn-out-Syndrom

Buntes Leben, bunte Früchte - Frank Seeger
Buntes Leben, bunte Früchte - Frank Seeger
Raum für Neues, Zeit zum Durchatmen und Kraftschöpfen für den Alltag. Ob auf der Nordseeinsel Sylt eine Fastenkur, oder Stillsitzen im Kloster. Was man isst, das ist man.

Am Abend gibt es Gemüsebrühe bis zum Abwinken. Zitrusschnitze, Orangen- und Ingwerwasser ergänzen die Verpflegung. Zudem bieten Fastenhotels Yoga, Massagen und meditative Tänze an. Von der traditionellen Thaimassage über Lymphdrainage bis zur Kolon-Hydro-Therapie bleiben keine Wünsche offen. Migräne begleitete Gudrun viele Jahre. Seit ihrer Fastenkur ist sie den pochenden Kopfschmerz los – auf natürlichem Weg. Selbst Patienten mit chronischen Leiden haben hier positive Schmerzlinderung erfahren.

Frischer Saft und Buchinger gegen chronische Krankheiten

Kursleiterin Ulla Werner hat auf Sylt ein „Fastenhaus“. Eine Oase hinter den Dünen jenseits des Delikatessenherstellers Gosch. Die Ex-Übergewichtige fastete hier eine Woche lang ohne einen Happen fester Nahrung. Ausgedehnte Wanderungen und Radtouren an Strand und Meer waren täglich Programm. Im „Fastenhaus“ wird nach der Methode des Ernährungsforschers Otto Buchinger gefastet: Ein Gläschen frisch gepressten Saft am Morgen – gelöffelt, nicht getrunken, sowie eine Auswahl leckerer Tees mit Kräutern aus dem Garten. „Ob Allergien, Darmprobleme oder Multiple Sklerose – nach dem Fasten gehe es auch Gästen mit solchen Erkrankungen besser“, berichtet Werner.

Eigene Essgewohnheiten finden statt Diktat der Diät

Der prominente Benediktinerpater Anselm Grün aus der Abtei Münsterschwarzach fastet jedes Jahr: „Mir ist das Fasten wichtig, damit ich mich innerlich wieder in Ordnung bringe.“ Der Pater nutzt die Zeit, seine Essgewohnheiten neu zu regulieren, um damit den Körper von giftigen Schlacken zu reinigen. Die wichtigste Bedeutung für den Schriftsteller ist aber, dass er „innerlich wieder wach wird, eine neue Offenheit für den Augenblick bekommt und Gottes heilende Gegenwart findet“. Fasten ist für Anselm Grün ein Weg zur inneren Freiheit: „Es erzeugt Lust, selber zu leben, statt gelebt zu werden.“

Geistige Ausgeglichenheit suchen statt Sand im Getriebe

Fasten schärft die Sinne. „Beim Fasten merke ich, worauf es mir im Leben ankommt“, sagt ein Saarbrücker Betriebswirt, nennen wir ihn Gerhard. Er sehnt sich nach innerer Ruhe im hektischen Alltagstrott: „In der Stille sitzen und schweigen klappt nicht sofort, denke ich doch gleich an den nächsten Kunden“, berichtet der 40-jährige Saarländer. Trotz großer Reizüberflutung bemüht er sich dennoch, innezuhalten. Gerhard nimmt den Stress gelassen: „Alles muss beim Fasten stimmig sein, sich gut anfühlen.“ Am Ende müsse dabei für ihn etwas Gutes herauskommen, was er so schnell nicht mehr missen möchte.

Schokalden-Sünden normal wie überflüssig

Die Lust auf Gummibärchen ist Gerhard bekannt. Das erlebt er gerade dann, wenn er gestresst von der Arbeit nach Hause kommt. Seinen Kopf kann er nicht abschalten, der Körper ist erschöpft und die Seele ausgebrannt. Da ist der Griff zur Packung Haribo schnell getan. Statt frustriert über manchen Rückfall zu sein, sagt der Betriebswirt offen: „Wenn ich schwach werde, ärgere ich mich. Aber allein, dass ich mir meiner Schwäche bewusst bin, ist doch schon ein Gewinn.“

Spiritualität im Kloster und Suche nach Erlösung

Statt in der Schublade nach Süßem zu schnappen geht Gerhard lieber vorbeugend ins Kloster. Ein Fastenwochenende hat er bereits gemacht. In den Mauern des Benediktinerstifts Neuburg konnte er sich besser konzentrieren, Gott näher kommen und sein Gebet ohne Lärm und Hektik sprechen. Nun besucht er dort regelmäßig die Abendmesse. Manchmal redet er im Anschluss mit den Mönchen über Gott und die Welt. Zuhause lernt Gerhard beim Klavierspiel die leisen Tönen des Lebens spielen, die er im Alltagslärm nicht mehr hören kann.

Körper und Seele in Balance

Einfache Aktivitäten helfen ihm, Körper und Seele wieder zusammenzubringen. Mit dem Hund mehr Gassi gehen, Wandern in der Natur und Freunde treffen. „Einfach der sein, der ich bin“, freut sich Gerhard über seinen Fastenweg zu mehr Gelassenheit. Priester Oliver van Meeren aus Saarbrücken versteht Fasten so: „Es geht um Aufbruch und Erneuerung, einen umfassenden geistlichen Frühjahrsputz vor Ostern“. Fasten müsse mit innerer Spannung geschehen: „Das hat mit der Griesgrämigkeit von verordneten Diäten nichts zu tun“.

Hintergründe zu Fasching und Fasten

Im Mittelalter wurde ein üppiges Festmahl gehalten, um vor dem großen Fasten die verderblichen Lebensmittel aufzubrauchen. Fastnacht ist bis heute ein gesellschaftliches Ereignis mit Spiel und Tanz geblieben. Die katholische Kirche befürwortet den Karneval als Vorbereitung auf die Fastenzeit. In Saarbrücken leiht Priester van Meeren seinen Mitgliedern Kostüme aus – aus dem Fundus der Kirche: Farbenfrohe Klamotten, Masken und Teufelskostüme.

Nach Schlemmen das Fasten nicht vergessen

Mieser Stimmung, körperlicher Schwäche und sonstigen Schwierigkeiten zum Trotz: Fasten fördert das Wohlbefinden nachweisbar – wenn man es richtig macht. Sollte man doch mal schwach werden, raten Experten, die eigenen Knackpunkte ans Licht zu bringen. Beim Verzichten ist es wichtig, Körper und Seele wieder in Einklang zu bringen. Um nicht wieder den eigenen Macken und Marotten zu unterliegen, empfehlen Gudrun und Gerhard beide, sich lieber mit einem Stück Schokolade zu begnügen – statt gleich einen ganzen Osterhasen aufzufuttern. Lesen Sie mehr zum Thema Fasten.

Jan Thomas Otte, Studio Attimo, Heidelberg

Jan Thomas Otte - Nichts ist so schwer wie über sich selbst zu schreiben. Mit Reportagen über Gott und die Welt hinterfragt er Glaubenssätze ...

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