Faultiere, Folivora, die Meister des Chillens

Faultier mit Jungem - N.Potensky
Faultier mit Jungem - N.Potensky
Faultiere, die nicht faul, aber bestens angepasst an ihre hängende Lebensweise im tropischen Regenwald sind, stellen sich hier vor. Jungtier 2012 in Wien.

Faultiere, Bewohner Mittel- und Südamerikas, die als dritte Gruppe neben den Ameisenbären und den Gürteltieren zu den Nebengelenktieren zählen, sind eine äußerst interessante Spezies. Nicht wegen ihrer angeblichen Faulheit, sondern weil sie ihrer Lebensweise so blendend angepasst sind.

Systematik

  • Klasse: Säugetiere (Mammalia)
  • Überordnung: Nebengelenktiere (Xenarthra)
  • Ordnung: ungepanzere Nebengelenker oder Zahnarme (Pilosa)
  • Unterordnung: Faultiere (Folivora)
  • Familie: Dreifinger-Faultier (Bradypodidae)
  • Familie: Zweifinger-Faultier (Megalonychidae)

Woher stammt der Name Faultier?

Sie bewegen sich äußerst langsam. Anfänglich hielt man sie deshalb durch ihr affenähnliches Aussehen für faule Primaten (Carl von Linné). Den Zusatz "faul" haben die Faultiere unserer allzu vermenschlichenden Sicht zu verdanken. Der Begriff „Abhängen“ dürfte aber sicher auf das Faultier zurück zu führen sein, denn den Großteil des Tages verbringen sie mit dem Rücken nach unten regungslos hängend in den Bäumen. So sind sie gut getarnt, aber auch energiesparend unterwegs. Mit langsamen Bewegungen ziehen sie sich zum Fressen die Zweige heran, das Futter wächst ihnen also fast in den Mund. Da der Kopf, wie bei den Eulen um 180° drehbar ist, brauchen sie sich auch zum Umsehen nicht umzudrehen. Allerdings nicht, weil sie zusätzliche Halswirbel haben, wie lange vermutet wurde. "Faultiere sind entwicklungsgeschichtlich gesehen nichts Besonderes. Sie haben, wie andere Säugetiere auch, sieben Halswirbel, aber keine Rippen an den obersten beiden Brustwirbeln.", fand die Biologin Dr. Vera Weisbecker von der Universität Jena heraus.

Faultiere (Folivora) und ihre persönlichen Algen

Oben ist für sie unten, daran sind sie perfekt angepasst. Ihre langen muskulösen Arme enden in zwei oder drei kräftigen gebogenen Krallen, die bis zu zehn cm lang werden. Die verwenden sie zum Einhängen, aber auch zum Heranziehen der Nahrung. Die Unterarme sind dabei länger als die Oberarme und so schwenkbar, dass sich der Körper kaum mitbewegen muss um Blätter zu ernten. Die Hinterbeine sind kurz. Zum Schlafen legen sie ihren Kopf zwischen die Vorderarme auf die Brust oder sie kauern zur Kugel zusammen gerollt in Astgabeln. Sogar die Leber ist der hängenden Lebensweise angepasst beim Faultier um 180° gedreht und vom Magen bedeckt.

Ihr Fell ist am Bauch gescheitelt, der normalen Wuchsrichtung entgegen gesetzt, damit das Wasser bestens seitlich abperln kann. Das Haarkleid ist dick und graubraun. Jedes Haar hat kleine Kerben, in denen zur Regenzeit winzige Grünalgen wachsen, dadurch werden sie fast unsichtbar in den Baumkronen. Als »Gegenleistung« finden die Algen in dem Fell ein feuchtwarmes Klima und damit äußerst günstige Lebensbedingungen vor. Es handelt sich hier also um eine echte Symbiose, eine Lebensgemeinschaft zum beiderseitigen Nutzen. In diesen Algenteppich legt der Schmetterling, der kleine Zünzler, seine Eier ab. Die Larven weiden diesen Algenteppich wiederum ab. Ein optimaler Kreislauf.

Lebensweise und Ernährung der Faultiere

Faultiere sind Herbivoren, ihre Nahrung sind Blätter, Zweige, Früchte. Auch das bietet keine Veranlassung sich schneller zu bewegen, denn diese Nahrung läuft einem nicht fort. In der Dämmerung schieben sie sich gemütlich von Zweig zu Zweig, um sich von jungen Trieben und Früchten zu ernähren. Augen und Ohren sind schwach entwickelt, aber Geruchs- und Tastsinn ausgezeichnet. Sie haben zum Zerkauen kräftige, allerdings wurzellose (Pilosa = Zahnarme) Backenzähne, die den Blätterbrei zermahlen. Der Magen ist wie bei Rindern oder Schafen zur besseren Verdauung in mehrere Kammern geteilt. Die zellulosereiche Nahrung kann bis zu einem Monat zur vollkommenen Verdauung brauchen. Wasser nehmen sie zu sich, indem sie den Tau von den Blättern lecken.

Sie verlassen ihre schützenden Baumwipfel nur einmal pro Woche zum Koten oder um einen anderen Baum zu erreichen. Am Boden sind sie relativ hilflos, sie können sich durch ihre Klauen nur am Bauch liegend ziehend fortbewegen. Dabei brauchen sie für eine kurze Strecke von 200 – 300 m eine Stunde. Allerdings sind sie im Wasser gute Schwimmer. Faultiere sind zehn Stunden pro Tag aktiv und verbringen die restliche Zeit regungslos mit Verdauen. Dabei fällt ihre Körpertemperatur auf 24° um Energie zu sparen. Neue Studien bei den Faultieren liefern wieder neue Erkenntnisse.

Paarung und Nachwuchs der Faultiere

Faultiere haben keine festen Paarungszeiten. Die Paarungsstellung ist Bauch an Bauch, hängend auf den Bäumen. Die Tragzeit variiert bei Dreifinger- und Zweifingerfaultier. Gemeinsam ist, dass es nur ein Junges gibt, das von der hängenden Mutter mit dem Kopf voran ohne Embryonalhaut heraus gepresst wird. Sobald es den Kopf frei hat, hilft es bereits kräftig mit. Sofort kriecht es am Bauch der Mutter weiter bis zu den Zitzen. Das Junge ist kurzwollig behaart und hat Augen und Ohren bereits geöffnet. Sein Fell ist zuerst oberseits dunkel, damit es sich vom Bauch der Mutter nicht abhebt. Die Mutter trägt es bauchseits immer mit sich herum. Mit vier Monaten wechselt es die Färbung, mit einem ¾ Jahr verlässt es eigenständig den Körper der Mutter. Mit 2 1/2 bis 3 Jahren ist es geschlechtsreif. Faultiere erreichen ein Alter von 30 bis 40 Jahren.

Jüngster Nachwuchs 2012 in Schönbrunn

Strubbelige Haare, schwarze Knopfaugen und eine Nase wie eine Steckdose: So lässt sich das kleine Faultier beschreiben. Es ist geschätzte 20 Zentimeter groß und wiegt rund 400 Gramm. Das Geschlecht kann derzeit noch nicht bestimmt werden. Für die beiden Zweifingerfaultiere Alberta und Einstein, die seit 2006 im Tiergarten Schönbrunn leben, ist es das dritte Jungtier.

Dreifinger-Faultiere

Die Hinterbeine aller Faultiere tragen drei Zehen, die Dreifinger-Faultiere haben an den Vorderarmen drei Zehen (Finger). Dreifinger-Faultiere sind Nahrungsspezialisten; sie sind auf die Blätter und Früchte des Ameisenbaumes (Cecropia) angewiesen. Durch ihre Langsamkeit stellen sie für die Ameisen aber keinen Feind dar, werden deshalb von Ameisenbissen verschont. Das Weißkehl-Faultier erhielt den volkstümlichen Namen „Ai“, weil es vor allem während der Paarungszeit einen derartig klingenden lang gezogenen Ruf von sich gibt. Es ist silbergrau gefärbt und wird etwa 50 cm lang, Vorkommen in Mittel- und Südamerika.

Dreifinger-Faultiere (Bradypus)

  • Kragenfaultier (Bradypus torquatus)
  • Braunkehl-Faultier (Bradypus variegatus)
  • Weißkehl-Faultier oder Ai (Bradypus tridactylus)
  • Bradypus pygmaeus

Zweifinger-Faultiere

Zweifinger-Faultiere haben an den Vorderfüßen nur zwei Zehen (Finger). Sie sind weniger auf spezielle Nahrung festgelegt und wechseln daher häufiger von einem Baum zum anderen. Daher sind sie auch besser in Zoos zu halten (siehe Schönbrunn). Das eigentliche Zweifinger-Faultier mit dem Namen "Unau" ist olivbraun bis olivgrau gefärbt, wird bis 70 cm lang und kommt in Guyana und Nordbrasilien vor.

Zweifinger-Faultiere (Choloepus)

  • Eigentliches Zweifingerfaultier oder Unau Choloepus didactylus)
  • Hoffmann-Zweifingerfaultier (Choloepus hoffmanni)

Für weiter Interessierte: ein Video über eine Waisenstation der Faultiere in Costa-Rica oder ein Artikel über eine Auffangstation in Brasilien.

Quellen: Bertelsmann Tierlexikon; Contmedia, international knowledge; Faultiere haben doch sieben Halswirbel, Universität Jena, www.idw.online.de

Fotonachweis: N.Potensky,Tiergarten Schönbrunn; Dieter Schütz, pixelio.de

Adele Sansone, Adele Sansone

Adele Sansone - Als Autorin für suite101.de interessieren mich vor allem die Bereiche Pflanzen und Tiere: Wie leben sie heute? Wie sind die einzelnen ...

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