Feng Shui oder die Krise in der Architektur

Bauhaus Dessau - Autor
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Die Beliebigkeit in der gebauten Umwelt der letzten 50 Jahre treibt zu einer Suche nach vermeintlichen Alternativen, nach neuer Harmonie.

Fengshui ist als Teil der daoistischen Philosophie eine Lehre, die zu einer Harmonisierung des Menschen mit seiner Umgebung führen soll. Der Urbegriff Kan Yu bedeutet „den Himmel und die Erde beobachten“. Der Daoismus oder Taoismus ist die ganzheitliche „Lehre des Weges“ und wurde etwa im 4. Jahrhundert vor Christus durch Laotse begründet. Er hat in China neben Konfuzianismus und Buddhismus den Rang einer anerkannten Religion erlangt und beeinflusst alle Bereiche des Lebens, von der Gestaltung des Umfelds bis in die Medizin.

Der klassische europäische Architekt ist mit genau dieser Gestaltung befasst

Die originäre Aufgabe des Architekten besteht darin, durch die Gestaltung des Umfeldes der Menschen eine Harmonie mit der Umgebung herzustellen. Dies reicht von der Gestaltung von Gebrauchsgegenständen, Gedanken zu den Umständen des Lebens und der Gesundheit bis zum Konzept für ganze Städte, einschließlich der zugehörigen Landschaft. Dabei spielen die psychologische Analyse, Gedanken zur Art des Lebens und Arbeitens der potenziellen Bewohner, bis hin zu den Einflüssen des Gebauten auf die Umwelt eine oft unterschätzte Rolle. Derartige Grundsatzüberlegungen zum Leben in der Industriegesellschaft wurden zum Beispiel in der Charta von Athen, anlässlich der CIAM in 1933 niedergeschrieben. Im weiteren Verlauf des 20. Jahrhunderts hat es zwar sodann, wie in allen anderen Bereichen der westlichen Gesellschaften, eine immer weiter ausufernde Spezialisierung gegeben, jedoch nur als eine hierarchisch geordnete Arbeitsteilung der Aufgaben. An der Spitze der Hierarchie steht immer eigentlich noch der oft auch philosophisch denkende Architekt. Der Architekt ist ursprünglich der Erste, der Führer (aus altgriechisch arche, Anfang, Ursprung, Grundlage, das Erste) der Bauleute (Tektoi, aus altgriechisch techne, Kunst, Handwerk). Noch im Bauhaus waren in der Ausbildung Architekten, Künstler, Musiker und Tänzer in einer Schule zusammengefasst, mit Philosophen und Literaten damit befasst der neuen industriellen Welt eine menschliche Gestalt zu geben.

Erst Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Architektenausbildung zu einer akademischen Disziplin

Bis in das 19. Jahrhundert wurden Wohn- und Arbeitsgebäude nicht von Architekten geplant, solange es sich nicht um Repräsentationsgebäude oder Kirchen handelte. Die Art des Bauens richtete sich ganz einfach nach den technischen Möglichkeiten und den Bedürfnissen des Lebens. In jeder Region hatte sich ein „Stil“ entwickelt, der erst mit Entwicklung neuer Techniken langsam geändert wurde. Solche Perioden eines „einheitlichen Stils“ dauerten zuerst etwa 1.000 Jahre (griechische, römische Architektur), dann 700 Jahre (Romanik), 500 Jahre (Gotik) und schließlich nur noch 200 Jahre (Barock, Rokoko). Mit der Entwicklung des Gusseisens, später des veredelten Stahls und damit des bewehrten Betons (Stahlbeton) sowie der nun umfassenden technischen und gestalterischen Ausbildung der „Baumeister“ zu Architekten begann eine Zeit, in der nun eigentlich alles machbar ist. Die beginnende Industrialisierung zerstörte allerdings die über tausend Jahre gewachsene Struktur. Die oft mittelalterlichen Städte explodierten durch die einsetzende Landflucht, die wachsenden Industriezentren begannen die Landschaft zu zerstören. Diese Problematik versuchte die Konferenz in Athen 1933 aufzulösen und entwickelte internationale Vorgaben zur Stadtplanung und Gestaltung der Wohn- und Arbeitsbereiche. Bis zu seiner Auflösung Ende der 30er Jahre wurde an der Akademie in Dessau noch versucht, diese Vorgaben bis ins Detail, bis zu den Gebrauchsgegenständen, bis in die Bildende Kunst, Literatur und Musik umzusetzen. Schließlich unterbrach der Weltkrieg diesen ganzheitlichen Ansatz.

Der Wiederaufbau im zerstörten Europa beginnt in einer Zeit der Beliebigkeit

Die zum Teil erhebliche Zerstörung des Krieges, besonders in Deutschland hätte eine Chance geboten, besonders in den Industriezentren eine geordnete Neugestaltung nach den Gedanken der Charta vorzunehmen. Mit dem Menschen und seiner Umwelt als Mittelpunkt einer zukünftigen Planung sollte der Stadt- und Landschaftsraum sich behutsam, aber nach den neuen Bedürfnissen entwickeln. Lediglich die Generation der noch vor dem Krieg ausgebildeten Architekten fühlte sich derartigen Ansätzen verbunden. Das nach der letzten Wirtschaftskrise 1958 einsetzende Wirtschaftswunder fegte alle Pläne organisch wachsender und sorgfältig gestalteter Stadträume vom Tisch. Die Nachkriegsgeneration griff formale Überlegungen aus dem ganzheitlichen Kontext und überzog die Städte mit seelenlosen, angeblich modernen Großprojekten, wobei dadurch, dass nun mal technisch jede Form herstellbar ist, eine völlige Beliebigkeit um sich griff. Einige städtebauliche Grundgedanken der Charta, die Trennung in Wohn-, Erholungs- und Arbeitsbereiche wurde unreflektiert aufgegriffen und führte mit der ungezügelten Explosion des individuellen Verkehrs zu chaotischen Zuständen. Das formale Chaos bis in die Ebene der Gebrauchsgegenstände, der Kleidung, der bildenden Kunst, ja der Musik hinterlässt bis heute eine gähnende Leere bei den Menschen. Diese Leere wird verstärkt durch die Industrie, die von Bauelementen, bis zur Mode den Markt mit immer neuen Produkten überschwemmt und die Menschen in ihrer scheinbaren individuellen Freiheit überfordert.

Die Sehnsucht nach Identität und Harmonie

Der Mensch des 21. Jahrhunderts steht vor einem unübersehbaren Chaos von Möglichkeiten und gleichzeitig den sich daraus ergebenden Problemen. Weder in der – immer kleiner werdenden – Familie, noch in Schule und Studium gibt es einen Ansatz, eine Identität in einem greifbaren Kontext zu entwickeln. Kritiker wie Julius Posener oder Manfred Sack bemängeln das völlige Fehlen eines ausgebildeten Geschmacks. Ganzheitliche Planer wie Frank Lloyd Wright, Le Corbusier fehlen und heutige Antipoden wie Ricardo Bofill, Oscar Niemeyer oder Zaha Hadid versuchen zwar, sogar mit in ihren Büros beschäftigten Philosophen, Künstlern, ja Poeten einen neuen ganzheitlichen Ansatz zu finden, jedoch mit ziemlich konträren Zielen und Ergebnissen. Lediglich Christopher Alexander hat einen Versuch unternommen, den Menschen und die Umwelt wieder in ein Gleichgewicht, eine neue Harmonie zu bringen. Von den „großen Denkern der Moderne“ wird er daher gern verachtet. Die Masse der Planer, Architekten und Designer scheint hilflos und völlig dem Zwang des alltäglichen Erfüllens von Renditewünschen und schnellen Ergebnissen unterworfen. Für die Planung der Universität Tokio hatte sich Alexander in den 70er und 80er Jahren noch 10 Jahre Zeit genommen, war mit Studenten, Professoren und Anwohnern durch die Landschaft gegangen und ließ diese an der Gestaltung des Raumes, bis hin zu den einzelnen Wohn- und Arbeitsräumen mitarbeiten. Das Ergebnis ist ein Campus mit einem ganz besonderen Charakter, von den neuen Generationen der Nutzer genauso geschätzt, wie von der der „Mitarbeiter“ an der Planung.

Die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Auf einem Architektenforum in Dessau in 1994 trafen die Großen der heutigen Architektur und etwa 1000 Architekten aus dem nun vereinten Deutschland eine Woche lang zusammen, um über den Weg in die Zukunft zu diskutieren. In den Diskussionsforen, bei denen Granden wie Peter Eisenman (Mahnmal in Berlin), Christoph Ingenhoven (Bahnhof Stuttgart 21) oder Zaha Hadid (Feuerwache in Weil) und eben Christopher Alexander (Paternlanguage) Visionen ihrer Moderne vorstellten, standen immer wieder Kollegen im Plenum auf und beklagten, wie sehr sie der „Realität“ unterworfen sind, dem Zwang alles zu bauen, was überhaupt angeboten wird und dabei nicht daran denken könnten, sich mit menschlichen Bedürfnissen, harmonischer Gestaltung der Umwelt oder einer sinnvollen städtebaulichen Entwicklung zu befassen. Erschwerend kommt hinzu, dass der Bau von Einfamilienhäusern nur noch zu etwa 5% Architekten überlassen wird, der Markt von der Industrie der „Standardschachteln für nicht artgerecht Menschenhaltung“ überschwemmt ist. Es ist eben nicht mehr, wie noch vor 200 Jahren, dass das Bauen im Kleinen von Handwerkern und Bewohnern, ohne Architekt aber in einem allgemeingültigen Kontext, dem gewachsenen Stil erfolgt. Mit Einführung der feuerpolizeilichen Bauvorschriften im 19. Jahrhundert ist zwar inzwischen jeder Anbau eines Vordaches oder einer Markise reglementiert, aber eine Gestaltvorschrift, ein Zwang, sich an eine gewachsene Struktur anzupassen existiert nur in wenigen Orten. Die Menschen, die in diesen Städten und wie mit Krebs befallenen Dörfern leben müssen, suchen dann ganz logisch nach der fehlenden Harmonie, greifen dann auch zu exotischen Quellen wie Feng Shui. Diese Harmonie, die nun auch der ewige englische Thronfolger Prinz Charles in einem neuen Buch zurückfordert, sollte eigentlich am Ort selbstverständlich vorhanden sein. Kaum einem Menschen hierzulande ist noch bewusst, dass die Architekten eigentlich in der Pflicht sind, diese Harmonie, dieses Gleichgewicht zwischen Lebens- und Arbeitsraum der Menschen und der Umwelt herzustellen. Dieser Zusammenhang zwischen der gestalteten Umwelt und der Befindlichkeit der Bewohner und Nutzer ist kaum einem Bürger und eben auch nicht mehr den Planern bewusst.

Quelle: Vorlesungen zur Baugeschichte 2009, Dipl.-Ing. Volker Marx

Volker Marx, Volker Marx

Volker Marx - Nach dem Abitur (1973) Studium der Germanistik, Philosophie und Musik in Göttingen (1974 bis 1976). Dann gehörte ich bis 1981 ...

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