
- Grausame Häppchen - Piper Verlag
Nach dem großen Erfolg seines Erstlings "Verbrechen", legt der Berliner Strafverteidiger Ferdinand von Schirach nun einen weiteren Band mit Kriminalgeschichten vor. "Schuld" enthält 15 wahre Fälle, die sich flott in einem Stück durchlesen lassen. Man sollte das Buch jedoch am Abend vermeiden, weil es ein Garant für Albträume ist. Warum? Zu nah an der Wahrheit. Doch die Sprache des Autors ist präzise und klar. In wenigen Umrissen lässt er seine Figuren lebendig werden und agieren. Ein bisschen Sarkasmus, ein Fünkchen Slapstick, kein Satz, der länger als anderthalb Zeilen währt. Damit fesselt von Schirach schließlich seine Leser, um sie selbst vor dem Abgrund zu bewahren.
Was ist der Mensch ohne Normen?
Was ist der Mensch, wenn er sich nicht mehr an gesellschaftliche Normen hält? Was passiert, wenn der Kopf aussetzt und jemand seine Moral über Bord wirft? Der Rechtsanwalt von Schirach hat tagtäglich mit Fällen zu tun, die das Animalische im Menschen bezeugen. Seine Geschichten erzählen, wie Leute schuldig geworden sind.
Eiskalte Schauer den Rücken runter jagt es einem schon in der ersten Episode "Volksfest", die auch von Schirachs erster Verteidigungsfall war. Da feiert eine Kleinstadt 600-jähriges Bestehen. Es ist viel zu heiß, deshalb wird viel getrunken. Ordentliche Menschen vergnügen sich in weißen Leinenanzügen. Die Kapelle spielt schelmisch maskiert und mit Perücken zu Ehren der Stadt. In der Pause legt jeweils ein DJ auf. Ein junges Mädchen kurz vorm Medizinstudium bringt neues Bier hinter die Bühne, gleitet aus, ihr T-Shirt wird nass. Und plötzlich fallen acht betrunkene, erhitzte Männer bestialisch über sie her, während laute Popmusik dröhnt. Danach lassen sie sie im Dreck liegen. Einer aus der Kapelle ruft die Polizei. Alles läuft schief in der Spurensicherung. Niemand stellt sich. Die Männer kommen davon und führen ihr normales Kleinstadtleben mit Frau, Kindern und Job weiter. Das Leben des Mädchens ist zerstört, von Schirachs Unschuld für immer dahin.
Grausame Häppchen schnörkellos präsentiert
"Schuld. Stories" besteht aus grausamen erzählerischen Häppchen, die in ihrer Präzision und Konkretheit durch Mark und Bein gehen. Souverän und schnörkellos schreibt der 1964 in München geborene Jurist von Mördern und Vergewaltigern. Doch dass man kein Verbrechen begangen haben muss, um schuldig zu sein, zeigt er ebenso auf. Zum Beispiel in einer Geschichte, in der ein Mann zum Justiz-Opfer wird nur auf Grund einer schändlichen Namensverwechslung.
Ferdinand von Schirach: einer der wenigen erfolgreichen Erzähler von Kurzgeschichten
Von Ferdinand von Schirachs Debüt "Verbrechen" wurden in Deutschland bisher 150.000 Exemplare gedruckt und die Rechte in 30 Länder verkauft. Sein zweiter Erzählband baut auf dem Erfolgsrezept auf und übertrifft sich noch im Stil. Ferdinand von Schirach gehört zu den ganz wenigen Autoren, die mit Kurzgeschichten erfolgreich sind. Wenn nicht des Themas wegen, so sollte man seine "Stories" zumindest wegen seiner Sprache lesen.
Ferdinand von Schirach: Schuld. Stories. Piper Verlag, 2010. Gebundene Ausgabe, 208 Seiten. Euro 17,95.
