Seit 1994 ist von Schirach Anwalt und Strafverteidiger. Seine Mandanten kommen aus den unterschiedlichsten Schichten; von Industriellen über Angehörige aus der Unterwelt bis hin zur politischen Prominenz. Die Storys, die er in seinem Band „Verbrechen“ vorlegt, fassen einige seiner Fälle zusammen.
Ferdinand von Schirach erzählt mit knappen Worten von Menschen und ihrem Schicksal. Die Lebensgeschichten, die sie zu Verbrechern gemacht haben, sind manchmal kaum zu glauben. Einige Berichte fangen harmlos an, doch man ahnt schon früh, dass es unter der Oberfläche gärt und irgendwann zur Explosion – zum Verbrechen – kommen muss, denn darum geht es in diesem Band.
Schuld und Strafe
Nicht alle Täter werden im Laufe des Gerichtsverfahrens enttarnt; von Schirach geht nicht jeder Unklarheit auf den Grund. Doch bei einem Großteil kann der Leser die Tat des Angeklagten nachvollziehen. Nichts anderes ist es wohl, was der Autor zeigen will. Der Täter kann vorher Opfer gewesen sein; zum Beispiel sah er keine andere Möglichkeit mehr, mit seinen Lebensumständen fertig zu werden. Manchmal ist das Verbrechen eine Art Hilferuf, manchmal eine Lösung. Gegenüber dem Angeklagten behält von Schirach sich die persönliche Verurteilung vor: Er erzählt nur, recherchiert und erklärt, warum der Täter zum Täter wurde. In einigen Fällen werden die Nebenfiguren zu den „Bösen“, bei ihnen ist er weniger vorsichtig mit seinem Urteil. Wer die Schuld trägt, ist schwer zu sagen – einigen kommt er gar nicht auf die Spur. Bestraft werden sie alle auf die eine oder andere Art; manche allerdings haben ihre Strafe schon im Vorhinein verbüßt.
Täter und Opfer
Ein angesehener Arzt tötet nach Jahrzehnte langer Ehe seine Frau – und man kann ihn verstehen, nachdem man von seiner Geschichte erfahren hat. Ein Mann begeht einen Bankraub und lässt sich anschließend widerstandslos festnehmen. Ein Mann, der von zwei Neonazis angegriffen wird, tötet beide auf besonders schnelle und geübte Art, und der Anwalt plädiert auf Notwehr. Ein junger Mann schneidet seiner Freundin in den Rücken ... Die Fälle schwanken zwischen nachvollziehbaren Gewalttaten und unverständlichen Motiven psychisch kranker Menschen. Einigen wünscht man, davonzukommen; bei anderen jedoch erkennt man, dass der Täter eben kein Opfer ist. In dieser Frage erlaubt sich Ferdinand von Schirach kein Urteil. Er behauptet niemals, dass der Täter in irgendeiner Form unschuldig sei; er steht fest auf seinem Standpunkt als reiner Berichterstatter.
Der Anwalt
Ein Anwalt darf parteiisch sein, sagt Ferdinand von Schirach. Er ist immer auf der Seite seines Mandanten. Er sollte alles wissen, was mit dem Fall zusammenhängt, um dem Angeklagten helfen zu können. Aus dieser Perspektive hat von Schirach die Storys aufgeschrieben. Ob er damit einen Tabubruch begeht, ist schwer zu sagen. Sicherlich werden viele seiner Leser behaupten, dass man die Täter nicht als Opfer hinstellen darf. Dennoch hat dieser Band von Kurzgeschichten, oder besser: von Kriminalfällen, seinen ganz speziellen Reiz. Er erzählt von der Wahrheit, knapp und brutal. Er beschönigt nichts, und auch wenn von Schirach als Anwalt für seine Mandanten Partei ergreift, bleibt er dabei doch nüchtern. Pathos ist bei uns nicht mehr gefragt – das schreibt er selbst.
Ferdinand von Schirach: Verbrechen. Piper Verlag GmbH: 2009. Gebunden, 208 Seiten. 16,95 Euro. ISBN 9783492053624
