"Er sah, den Sirenen entronnen, verzehrende Feuerorkane, Dampf über dem Schwall der Wogen, zugleich mächtiges Getöse". Was hier Homer von seinem Odysseus erzählt, deutet hin auf eine Insel im Tyrhennischen Meer: auf die Vulkaninsel Stromboli. Das Eiland gehört zu den Liparischen oder Eolischen Inseln, zwischen Neapel und Sizilien gelegen. Ein lebendiger Vulkan.

Das Eiland ist nur 12,6 Quadratkilometer groß

Der Vulkan Stromboli ist einer der aufregendsten in Europa - und er ist über lange Zeit hinweg einer der gutmütigsten gewesen, bis er Anfang 2007 zweimal kräftig "ausrastete". Der Tourist, der mit dem Schiff von Neapel oder von Messina/Milazzo kommend, diese 12,6 Quadratkilometer große Insel betritt, spürt allerdings normalerweise von ihm zunächst nichts. Er wird umschmeichelt von dem marineblau dahin dümpelnden - meister sauberen - Mittelmeer, von den Grillen, die in der Morgendämmerung noch zaghaft zirpen, vom weißen oder roten Oleander, von der üppigen Bougainville vor den weißgetünchten Häusern und nicht zuletzt von dem im Frühjahr die Insel gelb überflutenden Ginster, der sich krass abhebt von dem vulkanisch-schwarzen Sand in den Badebuchten. Der Berg steht darüber - dampfumwölkt. Er tut scheinbar nichts.

Wie eine ferne Atombomben-Explosion

Aber es könnte sein, dass plötzlich ein dumpfes Grummeln in der Luft hängt, beschlossen von einem hellen, metallisch-scharfen Knall, der alles übertönt. Die Menschen am Strand oder in den Gassen sehen dann plötzlich oben am Gipfel statt der gewohnten hellen Dampfwolke einen schwarzen Pilz stehen, wie eine ferne Atombomben-Explosion. Dann hat sich "Iddu", wie die Einheimischen sagen, zu Wort gemeldet. Und dann entfaltet er seinen Magnetismus.

Nächtliche Bootsfahrt zur Aschenbahn

Dem Vulkan kann man sich aus mehreren Richtungen nähern: Die bequeme, romantische Tour wird von den Fischern angeboten. Sie laden zur mitternächtlichen Bootsfahrt zur Aschenbahn, zur "Sciara del fuoco". Vom Meer aus kann der Tourist dann zuschauen, wie die Krater oben ihre Feuerfontänen ausspeien, wie glühende Steinbrocken, "Bomben", die Aschenbahn hinab ins Meer purzeln. Die "kulinarische Tour" führt nach einer etwa 40minütigen Wanderung in Serpentinen den Hang hinauf zu einem ehemaligen Observatorium der italienischen Marine. Das ist heute ein Ristorante. Bei einer Pizza kann auch von hier aus das Toben oben beobachtet werden.

Atembeklemmend in Hephaistos Reich

Man kann allerdings auch - aber nur in Begleitung ausgewiesener Bergführer (beispielsweise der strombolianischen Gruppe "Magmatrek" mit dem deutschsprechenden Lorenzo Russo an der Spitze) soweit es erlaubt ist, in Richtung Krater hochkraxeln. Das ist ein mühevolles, schweißtreibendes, aber lohnendes Unterfangen, durch die sonnendurchflutete Macchia, das Canna-Gestrüpp, über schwarzes vulkanisches Geröll. Dann kann man auf halber Höhe einen märchenhaften Sonnenuntergang erleben und schließlich die Eruptionen. Es kann atembeklemmend sein, hier oben, im Reich von Hephaistos, dem Gott des Erdfeuers.

I

m August ein italienisches Familienbad

Wer das nach wie vor spannende Abenteuer Stromboli auf sich nimmt, sollte als Reisebegleiter Homer bei sich tragen oder den Odysseus zumindest im Hinterkopf haben. Und er sollte das Abenteuer Stromboli im August meiden, denn dann ist die kleine Insel ein italienisches Familienbad; dann kommen 3000 lärmende Touristen auf 600 "Ureinwohner". Allerdings kann man unter Umständen zu dieser Zeit völlig ungeniert die Bekanntschaft des italienischen Staatspräsidenten Giorgio Napolitano machen. Er kommt seit Jahrzehnten unter den Vulkan, den schon im Jahr 1949 Ingrid Bergmann mit dem Rossellini-Film "Stromboli - Terra di Dio" weltbekannt gemacht hat.