„Ich kann gar nicht glauben, dass man hier abends einfach so durch die Straßen laufen kann, ohne ständig nach dem „Wohin“ und dem „Woher“ gefragt zu werden“, sagte ein junger Mann im September des vergangenen Jahres bei seiner Buchpräsentation. Hier, das ist Berlin, der Mann ist Brasilianer, die Fragen kennt er von den Polizisten: Wohin gehst du? Und woher kommst du? Denn die Sicherheit, so ihre Strategie, ist wohl am besten durch Überwachung gewährleistet, in den Randgebieten einer 19,5 Millionen Stadt wie São Paulo.
Der junge, beleibte Brasilianer in den nagelneuen, weißen Turnschuhen, der mit erstaunlich unaufgeregter, leiser Stimme spricht, nennt sich Ferréz. Aufgewachsen ist er in der Favela Valo Velho, einem Armenviertel im Süden der Stadt São Paulo. Sicheres Flanieren durch eine Großstadt nach Sonnenuntergang, das ist und war für ihn fremd: die Favela Capão Redondo, in der er jetzt lebt, ist mit 166 Ermordeten auf 100.000 Einwohner eine der gefährlichsten von São Paulo.
Geboren wurde Ferréz am 29. Dezember 1975 als Reginaldo Ferreira da Silva. Irgendwann, als seine sozialen und politischen Ambitionen zu seinem Lebensmittelpunkt werden sollten, legte er sich den Künstlernamen Ferréz zu. Klingt besser, denn er ist eine Hommage an die Volkshelden Virgulino Ferreira da Silva und Zumbi dos Palmares: Erster ist eine Art brasilianischer Robin Hood, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts für Angst und Schrecken sorgte, zweiter ist die Ikone der brasilianischen Sklavenaufstände, Held von Palmares, der größten autonomen Siedlung, die von entflohenen Sklaven im 17. Jahrhundert gegründet wurde.
Mit Selbstmarketing zum Durchbruch
Dass es ein Kind der Peripherie nach Berlin schaffte, das verdankt er seiner Schreibe. 1997 erschien sein erstes Buch, der Gedichtband „Kraft der Enttäuschung“ (Fortaleza da Desilusão), seinen Lebensunterhalt verdiente Ferréz allerdings noch ein paar Jahre unter anderem als Besenverkäufer und Hilfsarbeiter. Der Durchbruch kam 2000 mit dem Roman „Capão Pecado": Es ist eine nüchterne Schilderung des Lebens in der Favela Capão Redondo, geprägt von Drogen, Gewalt, schnellen Liebschaften und dem täglichen Überlebenskampf. Um sein Buch unter die Leute zu bringen kopierte er es fünfzig Mal. Er gab es seinen Freunden und Bekannten, einige von ihnen brachten es zu ihren Arbeitgebern – so landete es schließlich in der Mittelschicht.
Heute erscheint „Capão Pecado" bei einem namhaften Verlag in mehrfacher Auflage, es wurde ins Itanlienische und ins Spanische übesetzt. Der Name Ferréz wird in einem Atemzug gennant mit Paulo Lins, Autor von "Cidade de Deus" (City of God). Sie bilden jene Generation von Schriftstellern, die aus der Peripherie stammen und über die Peripherie schreiben: Sie präsentieren eine schonungslose Innenansicht, die nicht der Gefahr unterläuft, den Menschen der Peripherie die Würde zu entziehen.
Enttäuschung über die Regierung Lula
Weitere Bücher folgten, unter ihnen ein Kinderbuch, das „Handbuch des Hasses“ (Manual Prático do Ódio, 2003) und ein Buch mit Comics. Im September in Berlin las er die Kurzgeschichte „Brief an den Vater“. Auch sie schildert den Alltag in einer Favela, sie stellt dabei vor allem das brasilianische Gesellschaftssystem an den Pranger. Ja, sagte Ferrez, auch er habe Lula im Wahlkampf unterstützt, doch die brasilianische Politik sei einfach durch und durch korrupt. „Aber“, so Ferréz, „Lula ist immer noch besser als sein Vorgänger.“ Den „Brief an den Vater“ habe sein Vater übrigens nie gelesen, denn: „Nach nur drei Jahren Grundschule kann er das gar nicht.“
Kulturmanager, Musikmanager, Rapper
Ferréz hat sich als äußerst kreativ und aktiv erwiesen wenn es darum ging, Menschen wie seinen Vater oder junge Leute aus den Favelas anzusprechen, ihr politisches Interesse zu wecken. 1999 gründete er die Kulturinitiative 1DASUL (Einer aus dem Süden). Seit damals lud und lädt er vor allem zu Lesungen und Konzerten, manchmal rappt er selbst seinen gesellschaftspolitischen Groll unter die Menschen, manchmal machen es andere. Seine Botschaften sind auf CDs verewigt, er hat eine eigene Zeitschrift und eine Modelinie. In der Garage seiner Mutter verkauft Ferréz vor allem T-Shirts, die inzwischen einen gewissen Kult-Status erreicht haben. Auf den T-Shirts sind in großen Buchstaben Schlüsselsätze aus seinen Büchern gedruckt: „Hippe Mode muss ja nicht immer mit den großen Markennamen versehen sein.“
