
- Baby's erste Literatur: Bücher zum Ertasten - Baby-Walz
Dass Kinder möglichst früh mit Büchern in Berührung gebracht werden sollen, um die Lese- und Medienkompetenz zu fördern, ist bekannt. Dass die Beschäftigung mit „Literatur“ ruhig schon unter sechs Monaten beginnen darf, ist etwas neuer. Nicht das herkömmliche Bilderbuch bestimmt heute mehr den literarischen Einstieg, nein: Es ist das Fühlbuch.
In vieler Hinsicht lässt das Fühlbuch den noch jungen „Leser" erahnen, was das Abenteuer Lesen ausmacht: Es ist die Empathie, das Hineinfühlen in sekundäre, da literarisch geschilderte Erfahrungen. Man könnte auch sagen: Lesen ist Fühlen. Entsprechend eignen sich Fühlbücher hervorragend zum Kuscheln, Knautschen, Beißen, Baden, Draufsetzen und Spielen. Und damit dürfte eine lebenslange Bücherfreundschaft schnell besiegelt sein.
Das Buggy-Buch
Das früheste Fühlbuch, das dem Leser bereits ab dem Alter von zwei bis drei Monaten zugemutet werden kann, ist das Buggy-Buch aus weichem Stoff. Mit seinen sechs bis acht Seiten bietet es erste Einblicke in die Welt der Alltagsgegenstände oder Tiere. Anstelle in diesem Fall eher störender Buchstaben nimmt das Fühlbild den gesamten Platz der Seite ein: Versehen mit knisternden Ohren oder abwechslungsreichem Stoffmaterial bieten Hase, Maus, Kuh oder Teddy genügend Material für kleine Babyfinger, erste taktile „Lese“-Erfahrungen zu machen. Eine robustere Variante des Buggy-Buches ist das Badebuch aus abwaschbarem Material – so ist selbst in der Wanne für Leseerziehung gesorgt.
Das erste Fühlbuch aus Pappe
Ab etwa acht Monaten beginnt der potentielle Leser, sich die Bücher der Großen genauer zur Brust zu nehmen. Leidenschaftlich werden die Pappgebilde mit den bunten Umschlägen aus den Regalen gezerrt, verknickt, gebissen, zerissen und dabei genauer inspiziert. Schnell hat man heraus, wie sich die Exemplare demolieren lassen – um den Respekt vor Büchern zu fördern, wird es Zeit, das Buggy-Buch zu ersetzen und neue literarische Erkenntnisse zu ermöglichen. Es empfiehlt sich ein Papp-Fühlbuch. In Form und Format gleicht dieses bereits den herkömmlichen Büchern. Ebenfalls sind hier bereits Texte enthalten, und diese sind mit taktilen Erfahrungsangeboten gespickt. So lässt sich im „Tierkinder-Fühlbuch“ von Regina Hufen zum Text „Blitzschnell fängt die kleine Katze den roten Faden mit der Tatze“ sowohl ein Wollknäuel als auch Katzenhaar erfühlen. Die folgenden Seiten bieten Tastmöglichkeiten am Geflecht eines Hundekorbs, an Bärenfell und Bienenflügeln, Pinguinbäuchen und Elefantenohren. Bereits in diesem Stadium lassen sich mit dem Buch demnach nicht-alltägliche Erfahrungen machen, wie sie der spätere Leser in der Begleitung des Buchhelden erlebt.
Für Fortgeschrittene bietet sich das Farben-Fühlbuch von Ravensburger an: Bei etwas mehr Text sind hier neben Fühlerfahrungen auch erste Spielmöglichkeiten geboten: So lässt sich eine glitzernde Pappscheibe in der Seite drehen und wird zum „Blaulicht“. Die Jacke vom Teddy ist mit einer Kordel versehen, die eingefädelt werden will und die Tür vom Mäusehaus kann geöffnet werden, um das Haus einzusehen. Die liebevoll gestaltete Ravensburger-Reihe, die mehrere „erste Fühlbücher“ zu verschiedenen Themen umfasst, darf somit als anspruchsvoller und fordernder „Lesestoff“ gelten; nach oben hin sind hier keine Altersgrenzen gesetzt.
Das Plastik-Liederbuch als multimediale Geduldsprobe
An eine gleichaltrige Zielgruppe richtet sich das Plastik-„Lernspaß-Liederbuch“ der Firma Fisher-Price. Als zusammenhaltender „Buchrücken“ lässt sich ein grüner Kunststoff-Wurm mit blinkender Nase erfühlen, der mehrere Tasten hat. Werden diese gedrückt, spricht eine Frauenstimme Wörter und lacht: „Drei Clowns. Hahaha.“ Auf jeder Buchseite steht der Text eines bekannten Kinderliedes, doch Vorsicht: Wer nach eingesetztem AA-Mignon-Akku unbedarft eine Seite aufschlägt, wird ohne Rücksicht auf Verluste von einer trällernden Stimme bedroht. Wer nur versehentlich mit kleiner Berührung an das Buch gerät, das vom kindlichen Leser meist auf dem Boden deponiert wird, eröffnet zu jeder Tages- und Nachtzeit die Parade und je nach eingestellter Lautstärke (es gibt mittel und richtig laut) dröhnt „Bienchen, summ herum! Ei, wir tun dir nichts zuleide!“.
Aus diesem Grund ist das Buch weniger für die geneigten Großeltern zu empfehlen, denn es wird in ihrer Altersgruppe erfahrungsgemäß als erschreckend empfunden. Für den Leser zwischen 30 und 40 Jahren stellt es bei mehrmaligem Abspielen eine Gedulds- und Nervenprobe dar. Dennoch gibt es einen Grund, warum das „Lernspaß-Liederbuch“ in vielen Kinderzimmern zu finden ist: Es kommt bei den Kleinen ziemlich gut an. Es beschäftigt sie stundenlang. Eine solche „Flow-Erfahrung“ dürfte sich sehr förderlich auf die weitere literarische Sozialisation auswirken.
Der Klassiker nun im Riesenformat: Ali Mitgutsch
Die Bilder von Ali Mitgutsch sind für ältere Generationen ein nostalgisches Relikt der eigenen Kindheit. Für den kleinen Bücherfreund ab etwa einem Jahr ermöglicht nun das „Riesenbilderbuch" des Illustrators eine Begegnung mit dem Buch auf „gleicher Augenhöhe“. In seiner überdimensionalen Größe qualifiziert sich das Bilderbuch zum Fühlbuch. Aufgestellt misst es mit einer Länge von 61 cm fast die Größe der Hauptzielgruppe, und liegend kann es buchstäblich „besetzt“ werden. Durch seine plakative Größe und das dicke Pappmaterial hat man tatsächlich etwas „in der Hand". Jedes einzelne der detailreichen Riesenbilder ist wie eine kleine Weltkarte, durch die sich kleine Händchen suchend arbeiten können, um dann auf entdeckte Figuren oder Besonderheiten zu zeigen: Diese Seiten, wenn auch ohne spezielles Fühl-Relief, sind zum Anfassen gemacht.
Auch das Seiten-Umblättern kann gut erlernt werden, da die Seiten so groß, leicht auseinander zu halten und gut zu greifen sind. Es wird gemunkelt, dass sich in diesem Stadium bereits die spätere Leidenschaft des Buchliebhabers erkennen lässt: Unermüdlich und unter Einsatz seiner ganzen Körperkraft verbringt er mitunter Viertelstunden, um eine einzige Seite zu betrachten, umzublättern und wieder zurückzukippen.
Literaturtipps:
Baby Walz Buggy-Buch. Euro 8,50.
Bieco Badebuch. Euro 4,95.
Sabine Cuno/Monika Neubacher-Fesser: Mein erstes Fühlbuch: Viele, viele Farben. Ravensburger 2007, 12 Seiten. Euro 7,95 .
Lernspaß Liederbuch (Kunststoff). Fisher-Price, H8167. Euro 19,95.
Ali Mitgutsch: Das Riesenbilderbuch. Ravensburger Buchverlag 2007, 14 Seiten. Euro 25,00.
Peikert, Marlit: Mein erstes Bilder-Wörterbuch. arsEdition 2006, 12 Seiten. Euro 9,95 (mit kleinen Fühl-Fenstern für verschiedene Gegenstände; empfohlen von der Zeitschrift Familie&Co.).
