
- Keramikkünstlerin Sabine Severin in ihrem Atelier - Andrea Weber
Betritt man den Kuhstall des kleinen, urigen Bauernhofes durch die knarrende Scheunentüre, findet man dort keine Rindviecher vor, wie man vermuten würde, sondern eigentümliche Dinge. Urzeitliche Flugtiere scheinen am Deckengewölbe zu kreisen, Tierköpfe winden ihre Hälse aus Schalen und Vasen heraus und dazwischen drehen sich leise glasperlenbestückte Kerzenkarusselle, angetrieben vom lautlosen Hauch der warmen Teelichter-Flammen. Dieser Ort strahlt eine Faszination aus wie die eines Wunderlands und ist doch nur Sabine Severins Keramik-Werkstatt mit angeschlossenem Atelier.
Das Töpferhandwerk gelernt bei dem bekannten Kunsthandwerker Jörg von Manz im Bayerischen Wald
Nach dem Abitur 1981 trieb es die gebürtige Dortmunderin zuerst einige Jahre wie eine Nomadin herum, unschlüssig was sie beruflich machen sollte. Nur das eine wusste sie: „Ich wollte immer schon mit meinen Händen arbeiten.“ Zuerst schnupperte sie als Gärtnerpraktikantin in den Alltag verschiedener Biobauernhöfe, kam 1982 zum Gut Weidenkam nach Ambach und ging wieder fort, um das Töpferhandwerk bei dem bekannten Kunsthandwerker Jörg von Manz im Bayerischen Wald zu erlernen. Dessen figürliche Arbeitsweise inspirierte Sabine Severin. Nach ihrer Ausbildung zog sie wieder eine Weile von Ort zu Ort, lebte in der Oberpfalz, der Schweiz und München, ehe sie 2003 ins Oberland zurückkehrte, genauer nach Holzhausen bei Münsing. Bedingt durch ihre Wanderjahre und der Tatsache keine eigene Werkstatt zu besitzen, stellte Sabine Severin bis dahin filigranen Silberschmuck mit selbstgemachten Tonkugeln her und kreierte mystische „Flugwesen“ – Urtiere mit Eisenflügel, rostigen Köpfen und hölzernen Körpern.
Exotische Idee aus Ton: Tierköpfe aus den Wandungen von Schalen und Gefäßen geformt
Seitdem sie in dem alten Kuhstall ihre Werkstatt eingerichtet hat, arbeitet sie wieder verstärkt mit Ton. Diese Objekte haben etwas archaisch-animalisches an sich, sind sowas wie Zwitter aus Gebrauchskunst und Skulptur. Sie formt Tierköpfe aus den Wandungen von Schalen und Gefäßen heraus. Wie viele Köpfe es bei einem Objekt werden, weiß sie vorher nie, auch nicht welcher Gattung sie am Ende ähneln. Gut findet die Künstlerin ihre Arbeit erst dann, wenn die Figuren „beseelt sind“, wie sie sagt.
Und will man von ihr wissen, wie sie auf diese exotische Idee kam, hat sie keine passende Antwort parat. „Irgendwann waren die Köpfe einfach da, während ich den Ton formte“, und sie glaubt daran, dass alle Menschen einen unendlichen Schatz in sich tragen. Nur woher diese Kraft komme, das wisse auch die heute 49-jährige Künstlerin nicht. Sie verlässt sich einfach auf ihre unterbewusste Energie und arbeitet ohne Konzept oder vorgefertigte Konstruktion. Nur einmal hat sie diese Gewohnheit gebrochen, als sie ihre Lichtspiele aus Drahtgeflecht, Blechdosen-Flügeln und bunten Hängeschiffchen entwickelte. Sie tüftelte Wochen, bis sich die freischwebenden Lichtobjekte durch die Wärme vom Kerzenlicht zu drehen begannen und ließ ihre Idee patentieren. Seither hängen sie zwischen den urigen Flugwesen und den Tontieren in ihrem Atelier in Holzhausen. Und es bleibt weiter ungewiss woher diese Wesen kommen – aus einem Wunderland oder doch nur aus dem Inneren der Künstlerin?
