Drive ist das stilistische neue Meisterwerk von Nicolas Winding Refn mit einem Ryan Gosling in Topform.
Hoffnungsträger unter sich
Ryan Gosling wird allgemein als der Topstar einer neuen Schauspielergeneration gehandelt. Wer seine einfühlsamen Auftritte in Half Nelson oder Lars und die Frauen gesehen hat, der weiß auch, wie dieser Umstand zustande kam. Goslings etablierte sich schnell als die neue Hoffnung für das ruhige, mimikbetonte Spiel und wird wohl schon bald einem breiten Publikum bekannt werden. Ähnlich große Hoffnungen werden auch in Regiewunderkind Nicolas Winding Refn gesetzt. Mit einer atemberaubenden Bildersprache und einem Stil fernab jeder Konvention machte sich Refn in seiner dänischen Heimat schon einen Namen. Mit Drive kommt nun Refn erster Hollywoodfilm in die Kinos, in der Ryan Gosling die Hauptrolle spielt. Wie erwartet ist Drive ein Film ohne Kompromisse, mit viel Stil aber mindestens ebensoviel Substanz.
Die Handlung von Drive
Der Fahrer (Ryan Gosling) ist zum fahren geboren. Tagsüber verdient er sein Geld als Stuntwagenfahrer oder werkelt in der Autowerkstatt seiner Freundes Shannon (Bryan Cranston). Nacht arbeitet er aber gern als Fluchtwagenfahrer für die örtlichen Kriminellen. Als er aber langsam Gefühle für seine Nachbarin Irene (Carey Mulligan) entwickelt, tritt er eine Kette von gefährlichen Ereignissen los. Und schon bald gerät er in Konflikt mit dem Gangsterboss Nino (Ron Perlman).
Drive – kein Kompromisse
Liest man die Inhaltsangabe von Drive, so werden schnell Assoziationen mit The Transporter von 2002 wach. Mit dem weitestgehend sinnfreien Actioner mit Jason Statham hat Drive aber so gut wie gar nichts gemein. Drive ist kein hochgezüchteter, testosterongeladener Actionfilm für Teenager. Drive ist eine düstere Unterwelterzählung mit meisterhafter, atmosphärischer Dichte. Refn pfeift dabei von Beginn an auf jegliche Sehgewohnheiten des Mainstream und macht gar keine Kompromisse. Mit langen Erklärungen hält sich der Däne schon mal gar nicht auf. Refn gibt dem Zuschauer nichts in die Hand um Drive zugänglicher zu machen. Keine Ort- oder Zeitangaben und noch nicht mal eine Lesart des Films. Was Drive ist, wie die Welt des Films funktioniert und was die Figuren fühlen wird nicht gegeben, sondern muss selbst beantwortet werden. Für Erklärungen ist in Refns Kosmos kein Platz.
Die Unzugänglichkeit des Films macht sich im Stil bemerkbar. Refn inszeniert Drive als stylischen und ungemein coolen Film, der zu jeder Zeit State of the Art ist. Dies schlägt sich aber nicht in überambitionierten, überchoreografieren Actionsequenzen wieder, sondern in der Bildersprache und der Erzählweise. Bezeichnet dafür ist die erste Verfolgungsjagd, die mehr durch ihre Optik und Anspannung überzeugt als mit ihrem Tempo. Ab diesem Moment entfaltet Drive eine düstere, melancholische Atmosphäre voller atemberaubender Bilder und Erzähltechniken. Selten zuvor konnte man eine dichtere Atmosphäre als in Drive bewundern. Auch die fast schon abartige Gewalt, die in ihrer Wucht an David Cronenberg erinnert, macht Drive nicht im Mindesten zugänglicher, ist aber ein elementares Erzählelement.
Drive – einfach aber kraftvoll
Refn besitzt zudem die Fähigkeit, mit nur wenigen Einstellungen viel zu begründen. Die anfängliche Zuneigung, die der Fahrer für Irene empfindet, oder die Motive des Fahrers beispielsweise werden mit nur ganz wenigen Szenen gezeichnet, sind aber sofort plausibel. Meisterlich beherrscht Refn auch die Kombination aus akustischen und optischen Reizen. Wie Bild und Ton ineinander übergehen und wie stark er die wenigen Songs in den Film einbaut hätte auch Tarantino kaum besser hinbekommen. Ebenfalls zu erwähnen sind einige sehr kunstvolle Sequenzen, in denen Refn mit Kurzrückblenden arbeitet. Zweifelsohne schöpft Refn mit Drive sein enormes Talent voll aus. Die Geschichte von Drive ist, im Gegensatz zu der Erzählweise, extrem einfach. Mit dieser Einfachheit begeht nicht nur eine existenzialistische Grundstimmung einher, sondern auch ein universelles Element. Die Geschichte ist ebenso klassisch wie allgemein, aber dennoch höchst interessant und vor allem erzählenswert. Refn reichert seine Geschichte außerdem immer wieder mit Denkanstößen, wie der Frage nach dem Bösen oder der Geschichte vom Frosch und dem Skorpion, an.
Drive – Ryan Goslings große Show
Minimalistisch ist das Stichwort, mit dem sich Ryan Goslings Figur am besten charakterisieren lässt. Der Fahrer ist äußerlich ruhig, stoisch und konzentriert. Keine Handlung ist zuviel, kein Wort ungewählt. Der Fahrer spricht nur wenn es sein muss. Für Gefühlsausbrüche hat er ebenso wenig Platz wie für unnötige Gesten. Auch wenn er einen Mann töten muss, dann mit tödlicher Präzision ohne nutzlose Possen. Ein Mann ohne erzählenswerte Vergangenheit, der nur in der Gegenwart lebt. Aus dieser simplen Figur holt Ryan Gosling extrem viel Tiefe heraus und dies obwohl er nur gefühlte zehn Sätze sagt. Gosling gibt dem Fahrer eine Aura der Bedrohlichkeit und betont gleichzeitig dessen herzensgutes Wesen. Wirklich beeindruckend ist seine ungemein facettenreiche Darstellung, wenn Refn minutenlang die Kamera auf Gosling draufhält. Dabei gilt es, ähnlich wie für den gesamten Film, dass jeder noch so kleine Gesichtsregung interpretiert werden muss und will.
An Goslings Seite finden sich nur talentierte Schauspieler, denen Refn alles abverlangt. Naturtalent Carey Mulligan zum Beispiel, spielt ähnlich ruhig wie Gosling. Auch sie macht die Tragik ihrer Figur greifbar und regt zum mitfühlen an. Im Zusammenspiel zwischen Gosling und Mulligan ist die knisternde Atmosphäre von Zuneigung und Ungewissheit jederzeit spürbar. Bemerkenswert sind auch Bryan Cranston, der mal wieder beweist, dass er absolut alles spielen kann, sowie Ron Perlman als fieser Gangsterboss, der in seinen wenigen Szenen überzeugen kann.
Drive – das Highlight zum Jahresauftakt
Mit Drive kommt direkt zu Beginn eines der Jahreshighlights in die Kinos. Nicolas Winding Refn macht seinem Ruf als neue Regiehoffnung erneut alle Ehre und serviert mit Drive einen der stilistisch außergewöhnlichsten Filme der letzten Jahre ab. Drive vereint visuelle Perfektion, einen packenden Erzählstil und eine dichte Atmosphäre zu einem meisterhaften Kunstwerk. Dazu kommen noch die großartigen Darsteller, die, von einem Ryan Gosling in Topform angeführt werden, Drive endgültig zu einem modernen Klassiker machen.
10/10 Punkten
