Filmkritik "Brothers": Bewegendes Kriegsheimkehrer-Drama

Brothers Filmplakat - filmkinotrailer.com
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In Jim Sheridans Anti-Kriegsfilm kämpfen Tobey Maguire, Jake Gyllenhaal und Natalie Portman um einen emotionalen Neuanfang nach einem Afghanistan-Einsatz.

Politik und Film scheinen immer wieder interessante Symbiosen einzugehen. Kaum sind US-Truppen auf Auslandseinsätzen unterwegs, suchen Drehbuchautoren nach passendem Filmstoff, um ihr Statement zur Realpolitik abzugeben. Wurden die kriegerischen Einsätze früher allerdings oft glorifiziert, so zeichnet das moderne Hollywood ein anderes Bild. Kritische Stimmen zu den US-amerikanischen Einsätzen in Irak und Afghanistan sind derzeit in Hollywood äußerst gefragt. Bisheriger Höhepunkt ist Kathryn Bigelows im Doku-Stil gedrehter Anti-Kriegsfilm „The Hurt Locker - Tödliches Kommando“, der bei den diesjährigen Oscars mächtig abräumte. „Brothers“ fügt sich in die Reihe dieser Filme jedoch nur teilweise ein, wird hier die eher selten diskutierte Problematik der Kriegsheimkehrer-Schicksale thematisiert. Jim Sheridans Melodram basiert auf Susanne Briers 2004 erschienenem Film „Brødre“, der in Afghanistan und Dänemark spielt. Die thematische Brisanz ist aktueller denn je und rechtfertigt ein Remake, das allerdings für den amerikanischen Kontext zurechtgeschnitten wurde.

„Brothers“: Zwei Brüder kämpfen mit dem Leben

Die Brüder Sam (Tobey Maguire) und Tommy Cahill (Jake Gyllenhaal) könnten unterschiedlicher nicht sein. Sam, Anfang dreißig, ist mit seiner Highschool-Freundin Grace (Natalie Portman) glücklich verheiratet, hat zwei kleine Töchter und ist Soldat. Sein Einsatzgebiet: Afghanistan. Kurz vor seinem vierten Einsatz wird sein jüngerer Bruder Tommy aus dem Gefängnis entlassen, der wegen bewaffneten Raubüberfalls gesessen hatte. Bald ereilt die Familie die furchtbare Nachricht, dass Sam während eines Einsatzes ums Leben gekommen ist.

Nach Sams Tod vollzieht Tommy eine drastische Wandlung: er wird erwachsen. Er räumt nicht nur die Streitereien mit seinem Vater aus dem Weg, sondern kümmert sich liebevoll um Grace und ihre Kinder Maggie und Isabelle, bis er sich schließlich in die Frau seines Bruders verliebt. Währenddessen kämpft der vermeintlich getötete Sam in einem Taliban-Bunker um sein Leben, wird gefoltert und erpresst, obskure Videobotschaften aufzunehmen, die klarstellen sollen, dass die Vereinigten Staaten ihre Truppen aus Afghanistan sofort abziehen sollen. Schließlich wird er gezwungen, seinen mitgefangenen Kameraden mit einer Eisenstange zu erschlagen.

Die eigentliche Wendung des Films tritt ein, als Sam nach monatelanger Gefangenschaft in die Heimat zurückkehrt. Mental tief gezeichnet trifft der gequälte junge Mann auf seine Familienangehörigen, die nicht wissen, wie sie mit ihm umgehen sollen. Aufgefressen von der eigenen Schuld am Tod eines seiner Soldaten und den Strapazen der Gefangenschaft, reagiert Sam im Alltag mal apathisch und dann wieder mit heftiger Strenge. Irrational scharf verurteilt er kleine Streitereien der Töchter, sichert bewaffnet das Haus vor potenziellen Einbrechern, obwohl draußen nur ein Hund bellt, und verdächtigt immer wieder seinen Bruder Tommy, dieser hätte mit Grace geschlafen. Sam gelingt es nicht mit seiner Familie über die Gefangenschaft und seine Schuldgefühle zu sprechen. Seine Verzweiflung kulminiert in einer lebensbedrohlichen Auseinandersetzung mit seinem Bruder Tommy.

„Brothers“ steht exemplarisch für die Tragik seelisch gebrochener Soldaten

Die tiefe Tragik von „Brothers“ liegt in der Verzweiflung eines aus Gefangenschaft heimgekehrten Soldaten, der in seiner alten Welt keinen Halt mehr findet. Obwohl es ihr unglaublich schwer fiel, hat sich Grace neu im Leben orientiert und Sams Töchter haben sich an ihren Onkel Tommy und Großvater Hank (Sam Shepard) als neue männliche Bezugspersonen gewöhnt. Aber nicht nur hat sich Sams Familie während seiner Abwesenheit weiterentwickelt, sondern Sam hat sich innerlich mehr verändert, als ihm zunächst selbst bewusst ist.

Tobey Maguire (bekannt aus der „Spiderman“-Trilogie) spielt den Part des seelisch gebrochenen Soldaten beachtlich glaubwürdig. Seine Figur steht exemplarisch für all die jungen Soldaten, die seit über acht Jahren im Nahen Osten ihr Leben riskieren und gezeichnet vom Krieg in die Heimat zurückkehren. Maguire erhielt für seine Darstellung eine Golden Globe Nominierung. Sein Schauspielkollege Jake Gyllenhaal ist ein Routinier im Kriegsfilmgenre. Erfahrungen sammelte der „Prince of Persia: The Sands of Time“-Star als gelangweilter Heckenschütze im Irakkrieg-Drama „Jarhead – Willkommen im Dreck“ (2006) und zuletzt als CIA-Agent im Afghanistan-Thriller „Machtlos“ (2008).

Schade nur, dass Regisseur Jim Sheridan Jake Gyllenhaal nicht mehr Spielzeit einräumt, um die Wandlung seiner Figur noch präziser wirken zu lassen. Seine vorsichtige Annäherung an Grace (Portman) und die Kinder seines Bruders macht ihn für die Zuschauer sympathisch. Sehr feinfühlig zeigt sich der Wandlungsprozess eines rauen Mannes, der durch den vermeintlichen Tod seines Bruders in die richtige Bahn gelenkt wird. Mit der Rückkehr Sams aus Afghanistan wird die sich anbahnende Beziehung zwischen Tommy und Grace leider an den Rand der Geschichte gedrängt.

„Brothers“ ist ein stiller Anti-Kriegsfilm

„Brothers“ ist kein gewöhnlicher Anti-Kriegsfilm. Jim Sheridan entwickelt seine Afghanistan-Heimkehrerfabel eher als Familiendrama denn als Kriegsfilm. Dabei bleibt der Film fast immer melancholisch still. Selbst die Szenen der Folter und Gefangenschaft sind fragmentarisch kurz zusammengeschnitten, vermutlich um dem Zuschauer nicht allzu viele Grausamkeiten zuzumuten. Die tägliche Gefahr der Soldaten im Talibangebiet ihr Leben zu verlieren schneidet Sheridan zwar knapp an, allerdings bezieht er keine Stellung für die zivilen Opfer, die US-Soldaten verursachen.

Die Message des Films ist deshalb simpel: Krieg und Folter sind falsch, da sie uns kaputtmachen. Sie verändern jeden, auch die besten unter uns – vielleicht jene ganz besonders. Das wird oft vergessen und muss gesagt werden. Und mehr kann man von einem Drama, das die Folgen von Krieg auf das Familienleben in Amerika zum Gegenstand hat, auch nicht erwarten. Ein Statement zur politischen Dimension von Krieg bleibt anderen Filmen vorbehalten. Neben der Dreiecksgeschichte und Bruderrivalitäten ist der Umgang mit dem Kriegstrauma der zentrale Twist des Films. Während Tommy die Kurve kriegt, bleibt der beliebte Sohn und Familienvater Sam nach seiner heftigen Afghanistanerfahrung traumatisiert zurück. Sam steht letztlich vor den Scherben seines Lebens, die er nur neu zusammensetzen kann, wenn er seine Untat gesteht. Und so endet Sheridans Film konsequenterweise mit einem Voice-Over von Sam, der aus der Nervenheilanstalt einen Brief an seine Frau formuliert: „Ich weiß nicht, wer gesagt hat: Nur die Toten hätten das Ende des Krieges gesehen. Ich habe das Ende des Krieges gesehen. Die Frage ist: Kann ich wieder leben?“ Eine Antwort auf diese Frage muss jeder Zuschauer in sich selbst finden.

Die englische Fassung von „Brothers“ erschien am 7. Juni 2010 auf DVD (Region 2). In Deutschland wurde der Film bislang nicht verliehen.

Originaltitel: „Brothers“

Regie: Jim Sheridan

Produktion: Relativity Media, USA, 2009

Verleih: Lionsgate

Darsteller: Tobey Maguire, Jake Gyllenhaal, Natalie Portman, Sam Shepard

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