Filmkritik "Die Bucht": Ein enorm wichtiger Film

Die spannende Hommage an Delfine ist Doku und Thriller zugleich

Filmkritik
Filmkritik "Die Bucht" - drei-freunde Filmverleih
Der aufrüttelnde wie berührende Öko-Thriller "The Cove - Die Bucht" deckt brutale Machenschaften der japanischen Fischereiindustrie auf.

Ric O’Barry kennt Delfine wie kein zweiter. Jahrelang trainierte er in den 60er Jahren die fünf Delfinweibchen, die Flipper spielten. Während die TV-Serie große Erfolge feierte, nahm eine gigantische Industrie um Delfin-Shows, Delfinarien und Delfintauchgängen ihren Anfang. Rückblickend bereut O’Barry seine frühere Arbeit, denn das Multimilliardengeschäft um die lächelnden Meeressäuger hat eine tiefdunkle und blutrote Seite.

Delfine für Shows oder den Kochtopf – die Entscheidung in Taiji

Hauptschauplatz des Filmes ist der japanische Küstenort Taiji. Das scheinbar beschauliche und meeressäuger-freundliche Fischerdorf birgt eines der best gehüteten Geheimnisse der japanischen Fischereiindustrie. Insgesamt 23.000 Delfine werden jedes Jahr von September bis Mai in der Hafenbucht zusammengetrieben. Beauftragte von Delfinarien kommen aus aller Welt, um sich Tiere für ihre Shows herauszusuchen. Alle anderen Delfine werden in einer nicht einsichtbaren, streng bewachten und gut abgesicherten Bucht brutal abgeschlachtet. Ihr Fleisch landet in Kühltheken japanischer Supermärkte, oft getarnt als Fleisch großer Bartenwale.

Die blutige Praxis in der Bucht von Taiji war noch nie gefilmt worden. Ric O’Barry, der sich für das brutale Treiben mit verantwortlich fühlt und seit mehr als 35 Jahren gegen das Geschäft mit den Delfinen ankämpft, hat sich zum Ziel gesetzt, dem Schlachten in Taiji ein Ende zu setzen.

Von Flipper zu "The Cove" – Eine Story wie bei James Bond

Der Film erzählt, wie sich O’Barry gemeinsam mit Regisseur Louie Psihoyos auf eine gefährliche und bis ins Detail geplante Mission begibt, um die Geschehnisse in der Bucht aufzudecken. Fast wie im Film "Ocean’s Eleven" rekrutieren sie eine Crew von Spezialisten bestehend aus Apnoe-Tauchern, Surfern, Kameramännern und selbst Special Effects-Könnern von Kerner Optical/Industrial Light & Magic. Ihre High-Tech-Ausrüstung besteht unter anderem aus Wärmekameras und Nachtsichtgeräten. Polizei und Behörden sind dem Team beständig auf den Fersen, während die engagierten Aktivisten in nervenstrapazierenden Nacht-und-Nebel-Aktionen zur Taiji-Bucht vordringen, um die unfassbaren Geschehnisse zu filmen und auf Tonband zu bannen.

Daneben berichtet der Film in faszinierenden Bildern von erstaunlichen Verhaltensweisen der Delfine, von ihrem Leben im freien Ozean und dem unsinnigen wie korrupten Gebaren japanischer Behörden gegenüber dem Walfang und Meeresschutz.

Packend, verstörend, berührend – "Die Bucht" ist zu Recht schon jetzt Oscar-Anwärter

Laut Paul Watson, Gründer der Meeresschutzorganisation Sea Shepard, liegt es immer in den Händen einiger weniger wirklich engagierter Menschen, in der Welt etwas zu ändern. "Die Bucht" ist ein Beispiel für ein solches Engagement. Der hohe Einsatz des Teams um Rick O’Barry allein ist schon beeindruckend und verdient enorme Anerkennung.

Doch verpackt in eine eng verwobene filmische Materie aus Aufnahmen der Wärme- und Nachtsichtkameras, versteckten Kameras, qualifizierten Interviews und dokumentarischen Elementen wird aus dem Stoff ein hoch spannender Ökothriller, der niemals langweilig wird.

Der Zuschauer schwankt zwischen Anspannung und Betroffenheit, wird informiert wie berührt.

Sehenswerter und wichtiger Ökothriller, der zu Diskussionen anregt

Gekonnt werden die filmischen Bausteine in den Hauptstrang des Filmes – der Mission zur Aufdeckung der Geschehnisse in der Bucht – eingebaut und untermauern immer weiter die Motive für das heikle Unternehmen. Provokant werden japanische Behörden und die IWC (Internationale Walfangkommission) angeklagt. Auch die gesamte Diskussion um Delfinarien und Delfinshows wird neu entfacht, das milliardenschwere Geschäft angeprangert.

"Die Bucht" ist mehr als ein überaus packender Ökothriller, es ist ein ungemein wertvoller Film. Wahrscheinlich der wichtigste des Jahres. Ähnlich wie in Rob Stewarts engagierter Hai-Doku "Sharkwater" wird der Zuschauer nicht nur mit Informationen über die eleganten Meeressäuger versorgt, sondern es wird ihm knallhart und schonungslos vor Augen geführt, was hinter der Fassade jener Industrie, die um das "Lächeln" der Delfine aufgebaut wurde, steckt. Ein Film der wütend macht, betroffen, traurig. Absolut sehenswert.

Lesen Sie hier auch zu Hannes Jaenicke's Einsatz für Haie und andere bedrohte Tiere in seiner neuen Doku-Reihe im ZDF.

Constanze Liess, Constanze Liess

Constanze Ließ - Constanze Ließ studierte Journalismus an der Freien Journalistenschule Berlin. Sie bringt ihre Erfahrungen aus anderen Ländern ...

rss