
- Ulrich Tukur und Jeanette Hain in Gier - ARD Degeto / B. Guderjahn
Wenn die Worte "Ein Film von Dieter Wedel“ im Vorspann eines Mehrteilers aufgetaucht sind, konnten sich die Fernsehzuschauer darauf verlassen, allerbestens unterhalten zu werden. Aufsehenerregende Produktionen wie der Fünfteiler "Der Schattenmann“ aus 1996 oder der Vierteiler "Der große Bellheim“ aus 1993 waren wie "Die Affaire Semmeling“ (2002) nicht nur detailverliebt und vor allem sorgfältig erzählt, sondern auch hochklassig besetzt.
Wedel-Zweiteiler "Gier" lief auf Arte und in der ARD
Auch der erstmals auf Arte und am 20. Januar 2010 auf der ARD ausgestrahlte Zweiteiler "Gier“ bietet eine Vielzahl hochkarätiger deutscher Schauspielerinnen und Schauspieler auf: In der Rolle des Finanzmoguls Dieter Glanz ist Ulrich Tukur zu sehen. Dessen Bewunderer, Opfer und späterer Gegner Andy Schroth wird von Devid Striesow verkörpert. Doch anders als bei den vorgenannten Produktionen aus den Jahren 1993, 1996 und 2002 arbeitete Wedel nicht mit dem ZDF, sondern mit der ARD zusammen. Was dabei herausgekommen ist, ist eher ein Zeichen für einen übermäßig angesetzten Rotstift, ein Heruntergehechel der Handlung, aber keine liebevoll erzählte Geschichte.
Die Story von "Gier“ in der Kurzzusammenfassung
Der verheiratete Immobilienkaufmann Andy Schroth (Devid Striesow) erlangt mit Hilfe seiner schwerreichen Kundin Eva Wendler (Sabine Orléans) Zugang zu den Kreisen des sagenumwobenen wundersamen Geldvermehrers Dieter Glanz (Ulrich Tukur). Glanz führt einen aufwändigen Lebensstil und sonnt sich in der Bewunderung, die ihm seine Kunden entgegenbringen. Schroth möchte dazugehören, doch obwohl Glanz Gefallen an dem kleinen Immobilienhändler findet, will er keine Geschäfte mit diesem machen: 200.000 Euro sind auch einfach zu wenig.
Doch als Glanz in Zahlungsschwierigkeiten gerät, ändert sich dies. Schroth leiht sich bei seinem Vater (Heinz Hoenig), den Arbeitskollegen und sogar seinem Zahnarzt Geld, um dazuzugehören. Fünfhundert Prozent, das Dreizehnfache – die Gewinnaussichten sind ja sensationell. Aber als seine Kunden unruhig werden, fälscht Dieter Glanz schlicht die Belege dafür, dass das Geld der Klienten gut angelegt ist. Die Auszahlung, so der nervlich zunehmend angeschlagene Finanzmann, stehe kurz bevor.
Und die Zeit drängt. Nicht nur der rauhbeinige Leon Grünlich (Uwe Ochsenknecht), sondern auch Schroth, dessen Kollegen und sein Vater werden unruhig. Die Eltern Schroths verlieren ihre Wohnung; der Vater in Folge von Pfändungen seinen Job. Schroth reist daraufhin nach Südafrika, wohin sich Glanz kurz zuvor abgesetzt hatte. Doch zu dessen Überraschung ist auch der Rest der Party-Entourage vor Ort. Die versprochene Auszahlung bleibt aus.
Zurück in Deutschland geht es für Schroth steil bergab
Schroth verliert seinen Job, seine Frau Sabine (Katharina Wackernagel) und schließlich auch sein Haus. Staatsanwalt Sasse (Alexander Held) ermittelt gegen den mutmaßlichen Betrüger Glanz und bittet Schroth um Mithilfe. Doch dieser will Glanz nicht verraten, der ihn mit neuen Versprechungen nach Südafrika lockt. Unter dem strahlend blauen Himmel der paradiesischen Kaplandschaft lässt sich Glanz als großzügiger Gastgeber feiern. Das Geld stammt stets von seinen gläubigen Jüngern, darunter der rechthaberische Heiner Kuntze (Gerd Wameling), der steinreiche Hajo Novak (Harald Krassnitzer), der Juwelier Alfi Baumer (Kai Wiesinger) und der immer mehr in die Enge getriebene Unternehmer Grünlich. Ihre Gefühle schwanken zwischen Liebe und Hass, Zweifel und blinder Zuversicht.
Als Schroth die Machenschaften von Glanz durchschaut, wird er zum gefährlichen Gegner. Glanz wird nach einer Schießerei mit einer Amok laufenden Anlegerin (Anouschka Renzi) nach Deutschland ausgeliefert. In dem darauf folgenden Prozess lässt Glanz sich als Robin Hood feiern, der die Armen beschenkte und die gierigen Reichen um ihr Schwarzgeld brachte.
Dieter Wedel schrieb das Buch und führte Regie
Der aufwändige Zweiteiler "Gier" von Dieter Wedel entstand in Bremen, Hannover, Köln und Bonn, sowie in Südafrika unter der Kamera von Wedigo von Schultzendorff zur Musik von Harold Faltermeyer und Eberhard Schoener. Zu Beginn des Zweiteilers gibt es für den Zuschauer die gleichen Bilder, wie bei jeder anderen Wedel-Produktion auch: Glanzvolle Parties reicher Leute, große Auftritte und eine schier unglaubliche Masse an Figuren, zu denen der Zuschauer aufgrund der Menge der Charaktere und des unglaublichen Tempos, mit denen diese eingeführt werden, kaum Zugang findet. Selbst die Entwicklung der Hauptfigur Andy Schroth verläuft so bruchstückhaft und rasant, dass der Fernsehzuschauer kaum mitbekommt, wie dieser sich verschuldet, um zum Kreis der Reichen um Dieter Glanz dazugehören zu können.
Erzählerisch viel zu früh wurde Dieter Glanz entzaubert
Schon nach der ersten Hälfte des ersten Teiles aber erlebt der Zuschauer mit, wie es mit Dieter Glanz abwärts geht. Im Grunde sind dessen Geheimnisse zu diesem Zeitpunkt schon gelüftet. Dass Glanz es versteht, sich mit weiteren Taschenspielertricks Zeit zu verschaffen, ist dann so unterhaltsam nicht, weil sich infolgedessen jeder Dialog nur noch um die erwartete, große Gewinnausschüttung dreht. Dies zwar vor guten Bildern aus London und Südafrika, aber letztlich ebenso spannungsarm wie nervend.
Die Glaubwürdigkeit der Nebenrollen ist nicht sehr hoch ausgeprägt
Darüber hinaus kommen beim Zuschauer Zweifel darüber auf, wie glaubwürdig eigentlich die Idioten um Glanz herum sind, die sich immer wieder in Hoffnung auf das große Geld blenden lassen. Zwar stirbt auch im wirklichen Leben die Hoffnung stets zuletzt. Aber dass die Figuren so frei von Zweifeln sind, wie die Charaktere von Dieter Wedel, ist dann doch fragwürdig.
Das Erzähltempo ist viel zu rasant
Auch das Erzähltempo ist zu hoch. Erst fährt Schroth einen alten Golf, dann – obwohl bereits unter Druck – einen teuren Audi A5, dann wieder einen alten Japaner. Wieso, weshalb? Niemand sieht es. Die Leidensgeschichte des von Heinz Hoenig meisterhaft verkörperten Vaters Schroth ist zwar sehr gut auf den Punkt gebracht, erschließt sich aber nur demjenigen Zuschauer, der die szenischen Schnipsel dieser Figur mitbekommt. Denn diese sind so schnell vorbei, dass man sie vor dem Bildschirm kaum realisiert. Ein Manko, das auch andere Figuren der Geschichte betrifft. Und daher kommt weder richtig Spannung auf, noch erhält der Zuschauer Zugang zu den Menschen hinter den Charakteren. Was beim auch inhaltlich interessanteren und stimmiger erzählten "Der große Bellheim" anders gewesen ist.
"Gier": Zu viel Stoff für nur zwei Teile?
So packend ist der Zweiteiler über Geldgier, Gutgläubigkeit und schmutzige Tricks, über betrügerische Anlageberater und Vermögensverwalter also nicht, den der mehrfache Adolf-Grimme-Preisträger Dieter Wedel mit "Gier“ vorstellt. Ein brisantes Thema zwar, das versucht, im Zuge der gegenwärtigen Finanzkrise aktuell zu sein, aber auch Geschichten über Habgier, der Sucht nach Liebe, Anerkennung und Freundschaft zu erzählen. Vielleicht zu ambitioniert und zu viel Stoff für nur zwei Teile. Musste Dieter Wedel deswegen vom ZDF zur ARD umziehen? Und hat auch die ARD dem Regisseur einen zu gierigen Rotstift zur Seite gestellt?
Doch immerhin wollten insgesamt 5,75 Millionen Zuschauer ab drei Jahren den ersten Teil sehen (16,7 Prozent Marktanteil); der zweite Teil aber zeigte, dass auch andere Zuschauer skeptisch waren, denn mit nur 4,92 Millionen Menschen gingen "Gier" Fans verloren. Jeder "Tatort" und jeder Sonntagsfilm im ZDF hat die doppelte Zahl an Zuschauern und ist in der Produktion weniger teuer.
