Filmkritik "Shrink – Nur nicht die Nerven verlieren"

Kevin Spacey: Therapeut in Nöten ( - Roadside Attractions
Kevin Spacey: Therapeut in Nöten ( - Roadside Attractions
Kevin Spacey spielt einen Promi-Psychiater mit eigenen Suchtproblemen in mäßiger Hollywood-Satire.

Hollywood gilt landläufig als die Traumfabrik der Vereinigten Staaten. Hinter der Fassade aus Glitzer und Glamour verbergen sich jedoch nur allzu oft stereotype Modelfiguren, alkoholabhängige und drogensüchtige Möchtegernstars und andere Eintagsfliegen, die der ganz großen Karriere hinterherjagen. Zum Glück steht diesen gebeutelten Figuren der launige Psychotherapeut Dr. Henry Carter (Kevin Spacey) zur Seite, bis er nach und nach selbst vom Kurs abdriftet ...

Kevin Spacey als Dr. Henry Carter in Hollywoods ironischer Therapiesitzung

Dr. Henry Carter (Spacey) zählt in den Hollywood Hills zu einem der beliebtesten Psychotherapeuten. Reihenweise suchen die gebeutelten, dem Jugendwahn, der Drogen- und Sexsucht verfallenen Schauspieler und Rocksänger seinen Rat. Nebenbei hat Carter auch noch einen Bestseller veröffentlicht – wie könnte es auch anders sein – ein Selbsthilfebuch. Doch auf dem Gipfel des Erfolges verlässt ihn plötzlich seine Frau – sie begeht Selbstmord. Dies erfährt der Zuschauer allerdings erst viel später. Seit diesem Erlebnis stimmt die Welt Carters nicht mehr. Zusehends teilnahmsloser stolpert er durch sein Leben, vergnügt sich auf wilden Partys der jungen Stars und besorgt sich von seinem Dealer regelmäßig Marihuana. Meist schläft er auf der Pritsche vor dem Pool und frühstückt Joints statt Toastbrot und Kaffee. Trotz allem hält er seine professionelle Fassade gegenüber den Patienten aufrecht und ist ehrlich bemüht ihnen zu helfen. Zu seinen regulären Patienten zählen der sexsüchtige Altstar Jack, gekonnt verkörpert von Robin Williams, der von Zwangsneurosen zerfressene Studioagent Patrick (Dallas Roberts) und die gescheiterte Schauspielerin Kate (Saffron Burrows). Interessant wird die Geschichte aber erst, als die sorgenschwere Highschool-Schülerin Jemma (Keke Palmer) plötzlich bei ihm auftaucht. Carter übernimmt ihren Fall pro-bono, denn Jemmas Mutter beging Selbstmord – wie auch Carters Frau.

„Shrink“: Drehbuchsorgen und falsche Selbsthilferatgeber

Zur gleichen Zeit entwickelt Carters Bekannter Jeremy (Mark Webber), ein junger Drehbuchautor, der sich mit Gelegenheitsjobs durchschlägt, ein platonisches Interesse an Jemma und sieht in ihr eine kreative Inspiration. Er verfasst ein Drehbuch über ihr Leben, mit dem er bei Agent Patrick einen Hit landet. Jemma findet jedoch das Drehbuch und fühlt sich von Jeremy betrogen, woraufhin Carter ihn verärgert attackiert. Schließlich kann er die junge Frau nicht weiter therapieren und erleidet einen Nervenzusammenbruch in einer Live-Sendung, in der er sein Selbsthilfebuch verurteilt und sich selbst als Lügner abstempelt, da er trotz langjähriger Berufserfahrung nicht einmal seiner eigenen Frau helfen konnte.

Hollywoods Patienten: apathisch, depressiv, morbid-komisch

Kevin Spaceys apathische Darstellung eines depressiven Promi-Psychiaters ist bisweilen herrlich komisch, allerdings ist man diese Rollen von ihm mittlerweile gewöhnt. Erinnert sei an seine grandiose Darstellung in „American Beauty“ oder seine Rolle als skurriler Patient in einem Irrenhaus („K-Pax“).

Als Zuschauer begleitet man Carters Leben und das seiner Patienten, aber man wird das Gefühl nicht los, dass der Geschichte ein roter Faden fehlt. Die Arzt-Patienten-Beziehung zwischen Carter und Jemma hätte im Fokus stehen können, in deren Prozess sich beide gegenseitig heilen. Doch unter den vielen Handlungssträngen kann sich gerade dieser kaum behaupten. Stattdessen meandert der Film quer durch Los Angeles á la „Short Cuts“ oder „Magnolia“, folgt er den Leben diverser Figuren, die mit Depressionen, Selbstmord, moralischem Ausverkauf und den Anstrengungen der Liebe zu kämpfen haben. Die Charaktere begegnen sich zwar im Laufe des Films und interagieren streckenweise miteinander, doch nie geht Regisseur Jonas Pate in die Tiefe, ins Detail dieser leeren und gebrochenen Seelen Hollywoods.

Andererseits zeichnet vielleicht genau diese Oberflächlichkeit Hollywood erst aus. Neurotische Agenten, betrunkene Schauspieler, ausgenutzte Assistenten, gekünstelte Höflichkeiten der Konkurrenten untereinander und arbeitslose Drehbuchautoren, die auf den ganz großen Durchbruch warten, begegnen und betrinken sich an irgendwelchen Pools in den Beverly Hills. Eine halbe Stunde lang macht es Spaß dem morbid-komischen Treiben zuzuschauen, aber spätestens dann setzt Langeweile ein.

Die Message des Films „Shrink“: Resignation statt Hingabe

Die grundlegende philosophische Frage des Films ist an sich ganz nett und ließe sich in etwa so zusammenfassen: „Wenn wir denken, dass wir vor dem Nichts stehen, was bleibt uns dann noch?“ Das Problem liegt in der Beantwortung der Frage. Die Message, dass man nicht auf sich allein gestellt ist, sondern einander vertrauen kann und dass die Liebe aus Fremden Freunde werden lässt, scheint hier nur mit Resignation aufgenommen zu werden. Die Entdeckung dieser Botschaft hat nichts Freudiges oder Lebendiges an sich. Zudem fehlt ein befriedigendes Ende, das alle Handlungsstränge spannend auflöst. Carter scheint jedoch zu begreifen, dass er sein Leben ändern muss. Nach der Erfahrung mit Jemma ist er endlich bereit, seinen Schmerz zuzulassen und nicht weiter mit Alkohol und Drogen zu betäuben. Letztlich wechselt er von der Liege am Pool zurück ins Ehebett – zum ersten Mal seit dem Tod seiner Frau.

„Shrink“: Alles nur Fassade

Regisseur Jonas Pate hat sich sichtlich Mühe gegeben, ein komplexes Bild des vielschichtigen Beziehungsgeflechts in Hollywood zu kreieren. Allerdings strecken sich die diversen Episoden recht zäh. Ob seine Darstellung Hollywoods mit den realen Verhältnissen der Traumfabrik viel gemein hat, sei dahingestellt. Ungeachtet dessen ist es zeitweise eine wahre Freude Kevin Spacey und seinen neurotischen Patienten bei ihrem Zeitvertreib zuzuschauen, auch wenn man sich wünscht, dass manche Figur tiefgründiger beleuchtet und sogar noch einen Tick bissiger hätte sein können. Dann wäre „Shrink“ eine gelungene Satire geworden. So bleibt der Film nicht anders in Erinnerung als die Party vom letzten Wochenende: nette Gäste, ein paar Lacher, aber letztlich blasse Fassade.

„Shrink – Nur nicht die Nerven verlieren“ erschien am 12.03.2010 auf DVD.

Originaltitel: „Shrink“

Regie: Jonas Pate

Produktion: USA, 2009

Verleih: Universum Film

Darsteller: Kevin Spacey, Keke Palmer, Mark Webber, Saffron Burrows, Dalls Roberts, Robin Williams

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