Filmkritik: Sophie Scholl - Die letzten Tage

Die Geschwister Scholl im Film - DIF
Die Geschwister Scholl im Film - DIF
Berührender Film der letzten Tage der Widerstandskämpferin und ihren Freunden der „Weißen Rose" zeigt Zivilcourage und Widerstand gegen die Hitler-Diktatur.

Am 9. Mai 1921 wurde Sophia Magdalena Scholl als viertes Kind von Magdalene und Robert Scholl in Forchtenberg geboren und wuchs ab 1932 in Ulm auf. Gestern hätte sie neunzig werden können, doch sie wurde nur einundzwanzig Jahre alt. Gemeinsam mit ihrem drei Jahre älteren Bruder starb sie am 22. Februar 1943 in München unter der Guillotine. Beide waren Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus und Gründer der „Weißen Rose“. Sophie Scholl, wie sie genannt wurde, zu Ehren, widmete das Bayrische Fernsehen am vergangenen Samstag einen Themenabend. Neben dem Dokumentarfilm „Die Widerständigen“ von 2008, in dem Zeitzeugen zu Wort kamen, wurde auch „Die weiße Rose“, der Kinofilm aus dem Jahr 1982 und „Sophie Scholl – Die letzten Tage“ (2005) gezeigt.

„Sophie Scholl – Die letzten Tage“: Ein Film der unter die Haut geht

Der Film beginnt friedlich und ausgelassen. Zwei junge Mädchen, Sophie Scholl (Julia Jentsch) und ihre Freundin Gisela (Lilli Jung), sitzen vor dem Radio, hören leise Swing-Musik und singen dazu. Ganz normale lebenslustige Frauen, die mal heimlich etwas Verbotenes tun, aber ansonsten eher angepasst wirken. Dann ändert sich das Milieu. Sophie verabschiedet sich herzlich von ihrer Freundin und geht – zuerst allein durch düstere Straßen – und dann in einen Keller. Die lebenslustige Sophie stürmt lachend in den mit Druckmaschinen ausgestatteten Raum, in dem junge Männer Flugblätter drucken. Es ist das sechste Flugblatt der „Weißen Rose“, in dem sie sich speziell an die Kommilitoninnen und Kommilitonen der Münchner Universität wenden. Sophies Bruder Hans (Fabian Hinrichs) will die Flugblätter an der Uni auslegen und übernimmt dafür die volle Verantwortung. Obwohl die anderen Anwesenden das ganze Unterfangen für zu risikoreich halten, will Sophie ihren Bruder dabei unterstützen.

Sophie und ihr Bruder Hans Scholl werden in der Universität München verhaftet

Am nächsten Tag legen die beiden während den Vorlesungen die Flugblätter auf den Gängen der Universität aus. Spontan wirft Sophie einen Stapel übrig gebliebener Flugblätter in den Lichthof der Aula. Dann mischen sich die Geschwister unter die in die Gänge strömenden Studenten und werden doch vom Hausmeister erkannt und festgehalten. Schnell wandelt sich der Film ab diesem Zeitpunkt in einen Kriminalthriller und gewinnt an Spannung. Sophie und ihr Bruder werden immer wieder verhört und Sophie gibt sich äußerlich kühl und gefasst, während ihre unter dem Verhörtisch versteckten Hände eine andere Sprache sprechen. Als ehemaliges BDM-Mitglied hat sie den Vorteil, die Ideologie zu kennen und sie ist gut vorbereitet auf alle eventuellen Fragen von Robert Mohr (Alexander Held). Ihre scheinbar ehrliche Natur und die deckungsgleichen Aussagen ihres Bruders überzeugen den Ermittler und es werden schon die Entlassungspapiere vorbereitet, als in der Wohnung von ihrem Bruder neue Beweise gegen sie und Hans gefunden werden. Die Beweislast spricht gegen beide und als ihr Bruder ein Schuldgeständnis unterschreibt, bekennt auch Sophie sich schuldig.

Wahrheit und Standfestigkeit sind eine Beruhigung für Sophie

Trotzdem gehen die Verhöre mit dem ideologisch verbohrten Mohr weiter, der die ganze Bewegung hinter der „Weißen Rose“ fassen will. Sophie beeindruckt Mohr durch ihre Selbstkontrolle, aber auch ihre Ansichten über Freiheit, Ehre und nicht zuletzt ihr Glauben und ihr Gewissen. Letzteres steht für sie über dem Gesetz und daher geht sie auch nicht auf seinen Vorschlag ein, Fehler zuzugestehen, um eine Strafmilderung zu bekommen. Da sie sich nicht mehr verstellen muss, entwickelt sie eine ungeheure Stärke, die nur durch die Angst um die Mittäter und ihre Familie, die eventuell in Sippenhaft kommt, ins Wanken kommt und sie zum heimlichen Weinen bringt. Sophie und Hans bleiben sich selbst und ihrem Gewissen bis zum Schluss treu und verraten auch keine Mitwisser. Selbst in der von vornherein als Farce angelegten Gerichtsverhandlung mit dem eigens aus Berlin herbei geholten Präsident des Volksgerichtshofs Roland Freisler (André Hennicke) bleiben beide stark. „Bald werden Sie hier stehen, wo wir stehen“, sagt Sophie. Sie, ihr Bruder und Christoph Probst werden zum Tode verurteilt. Als das Urteil noch am selben Tag ausgeführt werden soll und keine Hoffnung mehr da ist, wird den Geschwistern noch eine letzte Begegnung mit den Eltern ermöglicht. Robert Scholl sagt: „Ihr habt alles richtig gemacht.“

Das poetische Element „Fenster“ taucht immer wieder auf

Der Film ist trotz des brisanten Themas und dem dramatischen Schluss ruhig und sehr berührend erzählt. Immer wieder tauchen Fenster-Bildsequenzen als Symbol für Freiheit auf. So sieht Sophie in der Zelle oft nach draußen, beobachtet den Himmel und das einfallende Licht. Sophie, die sich nur wenig Gefühle erlaubt, wirkt in diesen Momenten sehr eins mit sich. Auch mit der Mitgefangenen Else Gebel (Johanna Gastorf) steht sie gemeinsam sinnierend am Fenster und empfängt von ihr Solidarität und auch Bewunderung für ihre Stärke, obwohl Sophie ihr bis zum Schluss nicht eindeutig vertraut, da Else Gebel eventuell als Spionin in ihre Zelle geschleust wurde. Das Misstrauen bleibt trotz der menschlichen Nähe zwischen beiden. Sophies letzte Filmworte vor der Hinrichtung, sind nach einem Blick aus dem Fenster „Die Sonne scheint noch“. Sie zeigen auch ihren unerschütterlichen Glauben an ihr Tun und vielleicht auch an die Hoffnung an eine höhere Gerechtigkeit, die ihr im Leben versagt war. Aber auch die anderen Schauspieler, die im Film nicht nur frappierende Ähnlichkeiten mit den realen Personen haben, sondern auch durchweg überzeugend spielen, machen den Film zu einem beeindruckenden Zeitdokument.

„Sophie Scholl – Die letzten Tage“ ausgezeichnet mit zwei „Silbernen Bären“ auf der Berlinale 2005

Möglich war dieser Film erst durch die deutsche Wiedervereinigung. Der Zugang zu Dokumenten aus den Beständen des Ministeriums für Staatssicherheit der früheren DDR und des Zentralen Parteiarchivs der SED waren dadurch möglich. Die langen Verhöre und auch die Gerichtsverhandlung konnten dadurch für den Film rekonstruiert werden und wahrscheinlich wirkt der Film deshalb auch sehr authentisch. Julia Jentsch als Sophie Scholl wurde 2005 für ihre glaubhafte Darstellung der Widerstandkämpferin mit dem silbernen Bären als beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet. Auch Regisseur Marc Rothemund durfte sich über einen Bären freuen. Außerdem wurde der Film für einen Oscar als „bester nichtenglischsprachiger Film“ nominiert, ging aber leider bei der Preisvergabe leer aus.

Quelle: Offizielle Homepage zum Film „Sophie Scholl – Die letzten Tage“

Elvira Lauscher, Elvira Lauscher

Elvira Lauscher - Schreiben ist meine Leidenschaft, mein Beruf und meine Berufung. Ich war 28 Ausgaben für ein Ulmer Magazin Chefredakteurin und habe ...

rss