Filmkritik "Vergebung" zum Ende der Trilogie um Lisbeth Salander

Filmplakat von Vergebung - Copyright Yellow Bird Pictures, Foto Knut Koivisto
Filmplakat von Vergebung - Copyright Yellow Bird Pictures, Foto Knut Koivisto
Seit dem 3. Juni 2010 liegt „Vergebung" vor, die Verfilmung des Abschlusses der „Millennium-Trilogie". Noomi Rapace geht an die Grenze des Darstellbaren.

„Unbedingt“, ist das letzte Wort im Film „Vergebung“. Der Schauspieler Michael Nyqvist sagt es in seiner Rolle als Journalist Mikael Blomkvist zur endlich von allen Anschuldigungen losgesprochenen Lisbeth Salander, gespielt von Noomi Rapace.

Blomkvist sagt es, während Salander die Tür schließt zu ihrer mit Bett und Küche nur aufs Notwendigste eingerichteten Altbauresidenz in Stockholm. Die Kamera schaut ihr dabei über die Schulter; draußen, im Flur, ist Blomkvist gerade im Begriff zu gehen. Aber die Antwort, die Lisbeth Salander auf sein Abschiedswort hin sagt, lässt ihn zurückkommen. „Bis dann!“, hatte Blomkvist unmittelbar zuvor gesagt und sich Richtung Treppe begeben. Dann erst kam Salanders Antwort: »Bis dann.“

Und als ob Salander gesagt hätte: „Ich dich auch!“, wendet sich dieser idealistisch und unbeugsam, doch immer auch wie ein naiver, blauäugiger Idealist wirkende Top-Journalist zu Salander hin und ruft in die sich schließende Tür dieses „Unbedingt!“

Wieder also verschließt sich Lisbeth Salander, wieder zieht sie sich zurück. Zieht sich sogar zurück vor dem Mann, dem sie, wenn nicht alles, so doch mindestens ihre Freiheit verdankt. Und es ist großartig, wie Kameramann Peter Mokrosinski und Regisseur Daniel Alfredson dafür ein Bild finden!

Kurzinhalt zu „Vergebung“, dem dritten Film aus der Millennium-Trilogie

Lisbeth Salander hat den Kampf gegen ihren Vater und zugleich Widersacher Alexander Zalatschenko nur knapp überlebt. Schwer verletzt wird sie in die Notaufnahme eingeliefert, doch sie schwebt weiterhin in Lebensgefahr: Auch Zalatschenko lebt noch, und der Geheimdienst möchte Lisbeth mit allen Mitteln mundtot machen. Auf keinen Fall darf sie die Verbindung zwischen Zalatschenko und der Regierung aufdecken. Währenddessen setzt Mikael Blomkvist alles daran zu beweisen, dass Lisbeth unschuldig ist der Morde an ihrem Vormund Niels Bjurmann und zwei Journalisten.

Mikael weiß genau, dass es nur noch eine letzte Chance gibt, Lisbeth zu retten. Während seiner Ermittlungen beginnt sich Lisbeths Vergangenheit vor seinen Augen Stück für Stück zusammenzusetzen. Eine Vergangenheit, die düster ist, deren Offenbarung aber der Schlüssel zu Lisbeths Unschuld sein könnte.

Extrem spannend: Die Verfilmung des dritten Teils von Sieg Larssons Romane

Der dritte Teil der Millennium-Trilogie nach den Romanen von Stieg Larsson wirkt in seiner Dramaturgie konventioneller als seine beiden Vorläufer „Verblendung“ und „Verdammnis“. Vielleicht, weil man die beiden Protagonisten bereits kennt, weil man um die Biografie Salanders weiß, um die Verbrechen, die an ihr begangen wurden. Und vielleicht liegt es daran, dass es auf ein Ende zugeht und keine Zeit bleibt für Ausschweifungen und Schlenker.

Fast schon ökonomisch wird die Dauerbedrohung durch den hünenhaften Ronald Niedermann eingeflochten: immer präsent und immer überwältigend. Niedermann ist ebenfalls ein Kind Zalatschenkos und somit Salanders Halbbruder. Nicht umsonst spricht Anstaltsarzt Peter Teleborian von einer Tragödie griechischen Ausmaßes. Er selbst, Teleborian, strickt aber fleißig daran mit, Salander zu einer Tragödiengestalt zu machen: Er will sie mit Hilfe seines fingierten Gutachtens für immer in der Psychiatrie verschwinden lassen.

Als dritter „Feind“ Salanders fungiert die Staatsmacht, vertreten durch Staatsanwalt Richard Ekström, der von oberster Stelle genötigt wird, Salander hinter Schloss und Riegel zu bringen. Viel Feind, so will man meinen, viel Ehr. Fakt aber ist, dass all dies Handlungsstränge gebündelt und erzählt werden müssen. Und das gelingt den Filmemachern hervoragend – wenn auch, wie gesagt, dieses Mal auf eher konventionelle Weise.

Noomi Rapace alias Lisbeth Salander übt eine einzigartige Präsenz aus

Mit einzigartiger Präsenz transportiert die 1979 geborene Noomi Rapace zugleich Verletzlichkeit und Härte auf die Leinwand. Man wird erneut an die Vergewaltigung durch Vormund Bjurmann erinnert, jene grotesk-scheußliche Tat, die in ihrer Darstellung alles Erträgliche überschreitet und doch so notwendig ist: Der Unterschied zwischen Hölle und Freiheit für Salander wird dadurch noch eindrucksvoller.

Eindrucksvoll wirken dann auch die nur angedeuteten Gefühle, die Rapace ihrer Figur verleiht: Dem Arzt, der sie schützt, ihr hilft und der sie unterhaltend findet, schenkt sie ein Lächeln; Anwalt Ekström lehrt sie zunächst Staunen („Ich hätte nicht gedacht, dass sie so klein ist"), später dann das Fürchten: In voller Gothic-Kampfmontur demonstriert sie vor Gericht mit rhetorischer Brillanz ihre Überlegenheit.

Vergebung – ein für Lisbeth Salander undenkbarer Akt

Ihrer Anwältin, Mikaels hochschwangerer Schwester Annika Giannini (auch das ein latent bedrohliches Detail und zugleich denkbar schärfster Kontrast zu Salanders martialischer Gestalt), scheint sie sich am Ende zu nähern. Doch Lisbeth bleibt Lisbeth, und so steigt sie aus dem Wagen und lässt eine aufseufzende Annika zurück.

Rapace hat sich mit ihrer Leistung als Lisbeth Salander in den Olymp gespielt. Verletzlich wie Clarice Starling (Jodie Foster) in „Das Schweigen der Lämmer“, gnadenlos hart sich selbst gegenüber wie Rocky Balboa (Sylvester Stallone) in „Rocky“; unsicher wie Mark (Andrew Lincoln) in „Tatsächlich … Liebe“ bringt die Schauspielerin Facetten ins Spiel, die sich allesamt aus einer einzigen Haltung heraus zu entwickeln scheinen: der Haltung, durch nichts und von niemandem berührt zu sein. Im Interview erzählt Rapace von ihrer Arbeit am Set und über ihre Einschätzung der Figur Lisbeth Salander.

„Vergebung“ ist grandios: großartige Besetzung, kluges Drehbuch, spannende Inszenierung, die selbst in den allerletzten Momenten noch hinters Licht führt: Wer glaubt, Salander sei zum Besseren bekehrt und werde die Polizei rufen, als sie in der Ziegelei zum Handy greift, wird Sekunden später aufgeklärt; und wer glaubt, zwischen Blomkvist und ihr könne sich doch noch etwas anbahnen, sollte sich in Erinnerung rufen, dass Lisbeth die Tür abschließt, als Blomkvist noch einmal ruft: „Unbedingt!"

Nachtrag: Am 12. Januar kommt ein amerikanisches Remake des ersten Teils der Trilogie in die deutschen Kinos. Die Rolle der Lisbeth übernimmt die hierzulande unbekannte Rooney Mara, den Journalisten spielt James-Bond-Darsteller Daniel Craig

Johannes Flörsch, Johannes Flörsch

Johannes Flörsch - Johannes Flörsch (Jahrgang 1956): Nach einer Bankkaufmannslehre, nach dem Studium der klassischen Gitarre am Konservatorium ...

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