Filmkritik zu "Solas" von Benito Zambrano

Bewegendes Sozialdrama über Generation und Degeneration

Solas auf DVD (im Handel seit 2008) - Arthaus
Solas auf DVD (im Handel seit 2008) - Arthaus
Der einfühlsame spanische Festivalerfolg von Benito Zambrano konnte über 35 Auszeichnungen gewinnen, darunter 5 Goyas und den Publikumspreis auf der Berlinale 1999.

Maria ist 35 und am Ende: Ihre Beziehung ist ohne Liebe, ihr Job erniedrigend, ihr Konto immerzu leer. Um ihrem hoffnungslosen Stadtleben zu entfliehen, steht sie oft an der Bar und zieht an der Kippe. Nur wenige Menschen wecken noch ihre Neugier: der alte Hundefreund Vecino, ihr Nachbar, mit dem sie gelegentlich Kartenspiele zockt und der Gastwirt Juan, bei dem sie unendlichen Kredit hat, weil seine Frau "gerade nicht kann" und er Maria attraktiv findet.

Mangel an Kommunikation als zentrales Thema in Solas

Als ihr Vater für einige Zeit im städtischen Krankenhaus behandelt wird, zieht ihre Mutter bei ihr ein. Maria, die ihren Vater für seine patriarchische Haltung verachtet, geht der Sache lieber aus dem Weg und verschwindet tagsüber in ihr kaputtes Leben. Mutter Madre, die oft von ihrem Mann beleidigt und geschlagen wurde, war ihr nie ein Vorbild. Doch Maria findet selbst keinen Weg zur Zuversicht. Im Gegenteil: als sie plötzlich Schwanger wird, verlangt ihr Freund ungeniert die Abtreibung. Ihr Traum von einer liebevollen und sicheren Beziehung entpuppt sich als Illusion und zerschellt an der Realität.

Der Mangel an Kommunikation, die urbane Einsamkeit und der Generationskonflikt sind die Themen von Solas, einem Film, der in unsentimentalen Bildern die oft schwierigen Dispositionen und Grenzen von Menschen aufzeigt: Menschen die zwar ihre unveränderliche Geschichte haben – Grenzen die aber nicht unüberwindbar sind.

In einer alternden Gesellschaft

"Du stinkst nach Mann" – seit Jahren überhört Mutter Madre die Beleidigungen ihres Mannes und nichts anderes geschieht am Krankenbett. Immerzu rieche sie schlecht und immerzu habe sie etwas mit anderen Männern. Ihr Mann wendet sich schließlich angeekelt von ihr ab. Doch in der Würdelosigkeit sieht die Mutter auch eine Gelegenheit: ihre Tochter noch einmal zu sehen und den rüstigen Nachbar Vecino bekochen zu können. Vecino, der so anders ist wie ihr Mann. Das ist Lohn genug für alle Demütigungen. Tochter Maria hat für dieses archaische Rollenverständnis allerdings wenig übrig und in der beklemmenden Enge der dunklen Stadtwohnung kommt es bald zur unvermeidlichen Auseinandersetzung. Da kommt der alte Vecino gerade recht, als liebevoller Beobachter, als Berater und hilfreicher Freund. Mit dem Tag der Entlassung schlägt die Stunde der außergewöhnlichen Hausgemeinschaft, eine folgenschwere Entscheidung steht bevor.

Solas zeigt nicht nur die ewig gleichen sozialen Konflikte, sondern diskutiert das überkommene Rollenverständnis einer gealterten spanischen Gesellschaft auf konstruktive und erhellende Weise. Mit einem mutigen Ausblick zeigt Regisseur Benito Zambrano die Wandelbarkeit und Offenheit seiner Charaktere und schiebt scheinbar existente Grenzen weit über gesellschaftliche Konventionen hinaus. Am Ende duftet es nach Zuversicht.

Marco Breddin, Freier Autor & Journalist, Marco Breddin

Marco Breddin - Sein Studium nutzte der Dipl.-Designer für die Produktion eigener Dokumentarfilme. Nach einem Abstecher in die Film/TV Postproduction ...

rss