Am 09. Oktober 2010 veranstaltete VeDRA, der Verband deutscher Film- und Fernsehdramaturgen, zum zweiten Mal eine öffentliche Fachtagung zum Thema Drehbuchschreiben, Storytelling und Dramaturgie.

Von „Neuen Dramaturgien“ bis Web-TV“ – Ein stattlicher Programmplan

Und der Tag in der Berliner Urania sollte in der Tat dramatisch beginnen. Denn der stattliche Programmplan wies den gesamten Tag über jeweils drei interessante Veranstaltungen gleichzeitig aus. Wie sich da entscheiden, zwischen einer Diskussionsrunde über „Neue Dramaturgien“, einen Workshop über „Intuitive Techniken der Charakterfindung“ und einer Case Study mit dem Titel „Vom Sachbuch zum Film“?

Interessante Ein- und Ausblicke auf die Film- und Fernsehlandschaft von heute und morgen

Namhafte Drehbuchautoren, Dramaturgen, Regisseure, Produzenten und Redakteure gaben interessante Ein- und Ausblicke auf die gegenwärtige und zukünftige Fernseh- und Filmlandschaft. In den Gesprächsrunden, Panels und Workshops wurde über aktuelle Formate, Trends und Besonderheiten des Erzählens für Leinwand und Bildschirm berichtet und diskutiert. So stellten sich der renommierte Autor Andre’ Georgi („Tatort“, „Bella Block“ u.a.) und die Dramaturgin und Dozentin Dr. Eva-Maria Fahrmüller in der ersten Diskussionsrunde des Tages die Frage, wie ein Film auf die Zuschauer wirkt und warum. Welche neuen dramaturgischen Entwicklungen lassen die etablierte Drei-Akt-Struktur und die Heldenreise in den Hintergrund treten bzw. bauen auf diesen Anordnungen auf? Moderne Dramaturgen sehen das Geheimnis bewegender Geschichten vor allem in den Figuren, die die Zuschauer in ihren Bann ziehen. Daneben sind es die spezifischen Besonderheiten der einzelnen Genres, die dem Publikum Orientierung und Anreiz geben, der Geschichte ihre Aufmerksamkeit zu schenken. Aber auch alternative Varianten mit unterschiedlichen Handlungs- und Zeitebenen oder pluralen Figurenkonstellationen sind Teil der Überlegungen zur „Neuen Dramaturgie“.

In weiteren Veranstaltungen ging es um die Fragen: Wie erzählt man Liebe in Romantic Comedies? Welche Chancen und Herausforderungen beinhaltet das Web-TV? Welche Vorteile hat horizontales und vertikales Erzählen in der Fernsehserie?

Von „MadMen“ über „Lost“ bis „Sopranos“ – Die Dramaturgie amerikanischer Edelserien

Mit letzterer Fragestellung wurde versucht, den inzwischen unzähligen und aufwändig produzierten amerikanischen Edelserien von „MadMen“ über „Lost", „24“ bis hin zu „The Sopranos“ und anderen auf die Erfolgs-Spur zu kommen. In vielen dieser Serien ist zu beobachten, dass die vertikalen Erzählstränge, die innerhalb einer Folge abgehandelt werden, gegenüber den horizontalen Erzählsträngen, die sich über die gesamte Staffel erstrecken, vernachlässigt werden. Horizontale Erzählstränge geben dem Autor die Möglichkeit, komplexer zu erzählen. Die Charakterisierung der Figuren bekommt hier erheblich mehr Tiefe. Damit intensiviert sich die Bindung des Zuschauers an die betreffende Serie. Nachteil dieser Erzählweise ist, je geringer der jeweilige episodische Erzählanteil ist, desto schwieriger ist der Einstieg für neu hinzukommende Zuschauer.

Die Dramaturgie als unverzichtbares Element der modernen Filmproduktion

Der Verband der deutschen Film- und Fernsehdramaturgen arbeitet seit seiner Gründung im Jahre 2002 daran, die dramaturgische Arbeit als ein unverzichtbares Element der modernen Filmproduktion ins Blickfeld der öffentlichen Aufmerksamkeit zu rücken. Mit der Ausrichtung der jährlichen Tagung FilmStoffEntwicklung will der Verband der inhaltlichen Diskussion um aktuelle Fragen der Film- und Fernsehdramaturgie ein Forum geben. Es soll die große Bedeutung einer sorgfältigen und professionellen Stoffentwicklung unterstreichen.

Persönliche Erfahrungen der Filmemacher von „Keinohrhasen“ und „Goethe!“

Neben den vielen inhaltlichen Themen rund um die Film- und Fernsehdramaturgie wurden auch persönliche Erfahrungen ausgetauscht. Autorin Anika Decker berichtete von ihrer gelungenen Debütarbeit zum Film „Keinohrhasen“ mit Til Schweiger. Jener hatte ein Essay von Anika Decker gelesen und bat sie, doch mal eine Filmszene daraus zu machen. Es wurde ein Kinofilm und ein Riesenerfolg. Produzent Christoph Müller erläuterte, wie der aktuelle Kinofilm „Goethe!“ in fast zehnjähriger Planungs- und Produktionsphase zu Stande kam. Die filmische Beschäftigung mit Deutschlands größtem Dichterfürst brachte eine Menge Probleme mit sich. Goethes Leben ist erforscht wie kaum ein anderes. Im Laufe der Jahre wurde seitens der Filmproduktion so manch erzählerischer Ansatz probiert und verworfen. In Goethes Leben dramaturgisch einzugreifen, zu verändern und zu dramatisieren, erforderte von Produzent, Regisseur (Phillip Stölzl) und Autor erheblich viel Mut. Eine Reihe von biografischen Fakten wurden daher neu interpretiert, bekannte Geschichten fantasievoll umgedichtet, ohne jedoch die biografische „Wahrheit“ aus dem Auge zu verlieren.

Persönlich kam die lange Planungs- und Produktionsphase des Films dem jungen „Goethe!“-Autor Alexander Dydyna sehr gelegen. Er schilderte eindrucksvoll, wie er sich dereinst dem Produzenten Christoph Müller forsch als Autor darbot und ihm damit der Sprung vom Praktikanten zum erfolgreichen Drehbuchautor gelang.

Fazit der FilmStoffEntwicklung 2010

Die über dreihundert Teilnehmer der Fachtagung konnten sich gezielt und umfassend über neue Entwicklungen der Film- und Fernsehdramaturgie informieren, konnten Kontakte pflegen und ausbauen. Die große und positive Resonanz lässt auf eine Weiterführung im nächsten Jahr hoffen, wenn es dann heißt: FilmStoffEntwicklung – Tag der Dramaturgie 2011!