Die Resonanz auf das diesjährige Diskussionsforum für Filmstoffe und deren Entwicklungsweg war eindrucksvoll. In den Räumen des Berliner Tagesspiegel fanden sich 380 Besucher der FilmStoffEntwicklung 2011 ein, um in abwechslungsreichen Diskussionsrunden und intensiven Gesprächen neue Perspektiven für die alltägliche dramaturgische Arbeit zu finden. Dabei ging es in 15 Einzelveranstaltungen um Themen wie „Nur noch Silberlocken im Kinosaal?“, „Die Dramödie – Ein Erfolgsrezept fürs Kino?“, „Stromberg – Von der ersten Ideenskizze bis zur fertigen Folge“ oder „Zauber des Anfangs – Der Debütfilm im öffentlich-rechtlichen Fernsehen“.

Erzählen für ältere Zuschauer

Neueste Statistiken belegen die zunehmenden Besucherzahlen älterer Zuschauer im Kino. Dabei ist interessant, welche Filme beim älteren Publikum Anklang finden. In der Diskussionsrunde „Nur noch Silberlocken im Kinosaal?“ wurde anhand des Dramas „Satte Farben vor Schwarz“ die Frage vertieft, ob solche Filme extra für das ältere Publikum geschrieben werden und was bei ihnen besonders ankommt. Für Sophie Heldman, Regisseurin und Autorin des Films, stand von Anfang an das Thema und nicht die Zielgruppe im Mittelpunkt. Sie wollte über das Sterben schreiben. Erst bei einer Vorpremierentournee bemerkte sie das starke Interesse der älteren Kinobesucher: „Ich habe wohl einen Film für die Älteren gemacht!“, zeigte sie sich damals gegenüber ihrem Verleiher, dem Geschäftsführer der Farbfilm-Verleih GmbH, Alexandre Dupont-Geisselmann berührt. In dem Forum wurde weiter festgestellt, dass das ältere Publikum stark Schauspielerorientiert die für sie interessanten Filme auswählt. Mit Bruno Ganz und Senta Berger war in „Satte Farben vor Schwarz“ quasi das derzeitige Traumpaar der Senioren auf der Leinwand.

Dramedy heißt Dramödie

Roland Zag nutzte diese deutsche Wortableitung als Leitthema in seiner von ihm geleiteten Diskussionsrunde mit Schauspielerin Anna Brüggemann, deren Bruder und Autor Dietrich Brüggemann und dem Regisseur Jakob Ziemnicki. Dramödie, die Verbindung von ernsten Dramen und leichtgewichtigen Komödien als Erfolgsmodell für das Kino, soll dem Zuschauer schwere Themen leicht verpackt näher bringen. „Kirschblütenhanami“, „Die Friseuse“ oder auch „Vincent will meer“ sind wunderbare Beispiele für diese erzählerische Vorgehensweise. In dem im Forum vorgestellten Kinofilm „Renn wenn Du kannst“ schlägt Autor Dietrich Brüggemann den harten Bogen zwischen einer tragischen Querschnittslähmung seines Protagonisten und einer ausgelassenen Liebeskomödie, die Alltagssituationen humorvoll überzeichnet. Überhaupt ist das ein Credo des erfolgreichen Autoren, dass komische Situation überall im Alltag zu finden sind, wenn unterschiedliche Vorstellungen, Ambitionen oder Religionen aufeinander treffen. Regisseur Jakob Ziemnicki erzählt in seinem Kinodebüt „Polnische Ostern“ die Geschichte eines Polen-Hassers, wunderbar gespielt von Henry Hübchen, der sein Enkelkind aus den Händen des polnischen Vaters befreien will. Ziemnicki war es wichtig, die nationalen Empfindlichkeiten ernsthaft zu beschreiben und doch mit urkomischen Situationen aufzulockern. Eine witzige Randnotiz lieferte er, als er die Arbeitsweise von Henry Hübchen beschrieb: „Er spielt sowieso keine Szene zweimal gleich!“ Man kann es sich gut vorstellen!

Zauber des Anfangs

Unter den zahlreichen Besuchern des Tages der Dramaturgie waren auch die jungen, hoffnungsvollen Autoren, die mit guten Filmideen ihren Weg in die Öffentlichkeit suchen. Für diese ist der Sehnsuchtsort zumeist „Das kleine Fernsehspiel“ oder das „Debüt im Ersten“. Stefanie Groß aus der SWR-Redaktion des „Debüt im Ersten“ und Katharina Dufner vom ZDF „Kleines Fernsehspiel“ erläuterten in dem Werkstattgespräch mit Moderatorin Dr. Eva-Maria Fahmüller ihren hohen Anspruch, der bei der Auswahl der zu fördernden Stoffe ausschlaggebend ist. In jedem Debüt steckt viel harte Arbeit für alle Beteiligten, so ihre Einschätzung vom Entstehen eines Debüt-Fernsehfilms. Viel Erfolg all denen, die diesen Weg beschreiten wollen und werden!

Dramaturgie im Test

Vier Dramaturgen stellten anhand des Films „Drei“ von Tom Tykwer vier dramaturgische Ansätze vor. Mittels konkreter Anwendung wurde deren sowohl kreative als auch analytische Bandbreite gezeigt. Zugleich machte das dramaturgische Quartett Maren Elbrechtz, Rüdiger Hillmer, Barbara Oslejsek und Roland Zag deutlich, wie Dramaturgen den Prozess der Stoffentwicklung produktiv bereichern und effizient unterstützen können.

Die dritte „FilmStoffEntwicklung“ bescherte für alle Besucher wieder die Qual der besonderen Wahl. Die fünfzehn Themenbereiche waren inhaltlich und personell ausgezeichnet besetzt. Wie wunderbar, dass man die leider zwangsläufig entgangenen Diskussionen und Gesprächsrunden als Podcast nachgereicht bekommt. Vielen Dank den VeDRA-Organisatoren und allen Beteiligten – es war ein gelungener Tag der Dramaturgie!