Barcelona am 26. Mai 1999, Stadion Camp Nou. Die reguläre Spielzeit ist gerade abgelaufen. Es steht 1:0 für den FC Bayern München, die Ersatzleute haben die Bank schon verlassen und tragen T-Shirts mit der Aufschrift: „Champions League Gewinner 1999“. Der Trainer von Manchester United, Alex Ferguson, verfolgt das Geschehen mit stoischer Miene.
Markus Babbel führt den Ball an der rechten Außenlinie in Höhe der Trainerbanken. Der Verteidiger hat jetzt viele Möglichkeiten. Er kann den Ball nach vorne dreschen, einen Kurzpass zu einem Stürmer spielen oder selber ein Dribbling starten. Alles würde helfen, die wenigen verbleibenden Sekunden runter laufen zu lassen. Babbel entscheidet sich für die dümmste aller Möglichkeiten: Er schlägt den Ball im hohen Bogen in Richtung eigenes Tor. Das Unheil für den FC Bayern nimmt seinen Lauf.
Ausgleich durch Joker Sheringham
Die Münchener Abwehr kann Babbels Vorlage gerade noch zum Eckball entschärfen. Den schießt David Beckham. Einwechselspieler Teddy Sheringham verwandelt in der Mitte zum Ausgleich. Die Bayern sind niedergeschlagen, die Engländer euphorisiert. Gleich zum Anstoß attackieren sie wieder, holen so schließlich die nächste Ecke.
Wieder schießt Beckham. Die Bayern-Abwehr kriegt den Ball nicht weg und Ole Gunnar Solskjaer setzt den Nachschuss zum 2:1 für Manu ins Tor. Direkt danach pfeift der italienische Schiedsrichter Pierluigi Collina ab. Manchester United hat die Champions League 1999 gewonnen. Münchener Spieler wie Sammy Kuffour liegen und knien auf dem Rasen – heulend wie Kinder.
Basler bringt Bayern in Führung
Über 84 Minuten sahen die Bayern wie die sicheren Sieger aus. In der 6. Minute hatte Mario Basler einen Freistoss zum 1:0 verwandelt, mit einem strammen Schuss rechts an der Mauer vorbei. Der deutsche Rekordmeister war überlegen. Carsten Jancker und Mehmet Scholl vergaben in der zweiten Hälfte beste Chancen, alles klar zu machen.
Manu-Trainer Alex Ferguson hatte sich für das Spiel etwas Besonderes ausgedacht. Statt wie gewohnt auf rechts stellte er seinen Starspieler Beckham auf die linke Seite. Ein Riesenflop, kaum etwas ging bei den Engländern. Zehn Minuten vor Schluss änderte der Sir seine Taktik, berief Beckham auf die Stammseite und brachte Sheringham und Solskjaer. Die Wende war eingeleitet.
Die Mittelfinger des Thomas Helmer
Im Gefühl des sicheren Sieges hatten die Bayern sich nicht nur die T-Shirts angezogen. In der 80. Minute verließ Rekordnationalspieler Lothar Matthäus das Feld, Thorsten Fink kam. Thomas Helmer war bitter enttäuscht. Seine Ausmusterung zum Saisonende stand schon fest, er hoffte auf eine Geste zum Abschied. Als Trainer Ottmar Hitzfeld ihm diese mit der Einwechslung von Fink verweigerte, quittierte der heutige DSF-Reporter dies mit zwei nach oben gereckten Mittelfingern. Kurz nach dem Drama in der Champions League ging auch noch das Pokalfinale gegen Werder Bremen verloren.
Es kam zu manchem Streit. Effenberg warf etwa Matthäus vor, keine Verantwortung im Finale übernommen zu haben. Doch der FC Bayern zerbrach nicht an der Nacht von Barcelona. Einige Spieler gingen zwar: Helmer nach der Saison und Babbel ein Jahr später nach Liverpool. Sein Mitspieler Jens Jeremies erklärte sich bereit, „ihn mit der Schubkarre nach England“ zu fahren. Auch Matthäus blieb nicht bis 2001.
Kern der Mannschaft holt Titel zwei Jahre später
Im Wesentlichen hielt Hitzfeld aber die Mannschaft von Barcelona zusammen, Stützpfeiler bleiben Effenberg und Torwart Oliver Kahn. Verstärkt um die Verteidiger Willy Sagnol und den grundsoliden Abwehrchef Patrik Andersson holten die Bayern die Champions League zwei Jahre nach dem Drama gegen Manu – im Elfmeterschießen gegen den FC Valencia. Ein guter Weg, um diese traumatischen Last-Minute-Tore zu verarbeiten.
