
- Portugiesische Flagge - Lou Avers
Auf die desolate wirtschaftliche Situation, den Hilferuf nach dem EU-Rettungsschirm und das Eingreifen des Internationalen Währungsfonds (IWF) reagieren die Portugiesen verunsichert, verärgert, resigniert und mit Trotz. Auch schwingt die Angst mit, dass es zu sozialen Problemen wie in Griechenland kommen könnte. Die Demütigung, einmal mehr zu den Ärmsten Europas zu gehören, lastet schwer auf dem portugiesischen Gemüt und verstärkt gleichzeitig die Flucht in den Nationalstolz und die Realitätsverweigerung.
Politische Geschehnisse in Portugal im Kurzportrait
Nicht lange nach dem Rücktritt des portugiesischen Premierministers José Sócrates und der Ausschreibung der Neuwahlen für den 05.Juni 2011, musste die scheidende Regierung Finanzhilfen des Rettungsschirms der Europäischen Union beantragen. Aufgrund der unstabilen politischen Lage nach dem Boykott des Regierungs-Sparprogrammes (PEC 4) Anfang April 2011 durch die Opposition stuften diverse Rating-Agenturen Portugal bis auf die letzte Stufe „Trash“ herunter. Mit der Folge steigender Kreditzinsen und sinkender Kreditwürdigkeit auf den Finanzmärkten. Was Sócrates unbedingt verhindern wollte, war nun unvermeidbar geworden. Die „Troica“ der IWF-Spezialisten weilt derzeit in Portugal und analysiert die Einsparungsmöglichkeiten, welche bereits als rigoros angekündigt wurden. Der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble verlangt laut dpa harte Sparmaßnahmen als Gegenleistung für die Finanzhilfen. Die portugiesischen Politikanalysten sind empört über die mangelnde europäische Solidarität der Regierung Merkel. Zu allem Übel kam noch die Drohung der „Wahren Finnen“, einer nationalistischen Partei Finnlands, eine Finanzhilfe für Portugal zu boykottieren. Diese erreichten am 17.04.2011 bei den Regierungswahlen fast 20 Prozent der Wählerstimmen und stellen nun die drittstärkste Partei des Landes mit Ansprüchen auf eine Regierungsbeteiligung.
Portugal bringt Europa zum Wackeln
Die Finanzlage in Portugal kommt einem Staatsbankrott nahe. Doch noch schlimmer ist die unsichere politische Situation. Der Politzirkus der streitenden Parteien macht Verhandlungen mit der EU und dem IWF noch schwieriger. Zu viel Ego und zu wenig staatsmännisches Denken sei im Spiel, werfen in- und ausländische Analysten vor allem den oppositionellen Parteiführern vor. Diverse Mahnungen aus Brüssel und New York riefen die beteiligten Protagonisten zum Konsens auf. Jegliche Hilfe wird auf Basis des abgelehnten Sparpaketes (PEC4) verhandelt werden, dazu kommen weitere Eingriffe und Kürzungen von Sozialleistungen und Gehältern. Ein mögliches Veto Finnlands könnte die Länder der Eurozone in weitere Schwierigkeiten bringen und eine schnelle Hilfe für Portugal verhindern. Die abweichenden Meinungen über Sinn und Art der Finanzhilfen für die Länder in Schwierigkeiten teilen Europa.
Ehemalige Kolonien wollen Portugal helfen
Das arme Ost-Timor, Brasilien und Angola könnten potentielle Käufer der portugiesischen Staatsanleihen sein. Fast ironisch ist diese Situation, dass einstige vom portugiesischen Kolonialreich ausgebeutete Länder, nun dem kleinen EU-Mitglied Portugal aus der Patsche helfen könnten. Die brasilianische Staatspräsidentin Dilma Rousseff hat jedoch bei ihrem Portugalbesuch im April 2011 bereits angekündigt, dass der Kauf von portugiesischen Staatsanleihen nur erfolgen könne, wenn es sich nicht um „Risikopapiere“ handele. Ramos Horta, Friedensnobelpreisträger und Staatspräsident von Ost-Timor kritisierte in einem Interview mit dem portugiesischen Radiosender TSF die europäische Zentralbank stark für ihre passive Haltung. Er will Portugal mit einer Allianz ehemaliger Kolonien helfen, die faire Zinsen für eventuelle Ankäufe von Staatsanleihen verlangen würden. Konkret ist dazu allerdings noch nichts bekannt.
Portugiesisches Krisenmanagement: Realität einfach ignorieren
Während die Regierung am 18.04.2011 die externen Finanzhilfen für Portugal mit dem IWF und den Repräsentanten der Europäischen Zentralbank verhandelt, füllen die Portugiesen die Hotels und Apartments der Algarve. Die Osterferien 2011 fallen in eine kritische Zeit, das Land steht am Abgrund, doch die Menschen scheinen sich davon kaum beeindrucken zu lassen. Die Devise: Das Geld ausgeben, solange es noch geht. Es könnte ja vielleicht die letzte Urlaubsreise sein. Die Algarve-Hoteliers und Gastronomen jedenfalls freuen sich über eine fast ein hundertprozentige Belegung, wie sie schon lange nicht mehr gesehen wurde. Gleichzeitig senden die Radios Fußball bis zum Exzess, zelebrieren aufs Neue den Fado und alles was den Nationalstolz etwas aufpolieren könnte. Der portugiesische Filosof José Gil beschrieb bereits 2004 in seinem Buch „Portugal heute – die Angst zu existieren“ (Originaltitel: „Portugal, Hoje O Medo de Existir“, Relógio de Água, 2004, leider nur auf Portugiesisch erhältlich) die portugiesische Eigenart, die Realität einfach zu ignorieren. Er nennt dies „Sich-Nicht-Einschreiben“, eine Art Einhüllen in eine nebulöse Illusion, die die tatsächlichen Tragödien des Alltags schlicht ausklammert.
Quellen:
- Antena 1 Radioclube Portugues, TSF Radio
- Kulturschock Portugal, Reise-Know-How Verlag
