Ein englischer Ökonom stellte vor Kurzem fest, dass „financial engineering“ zu den gefürchtesten Ausdrucken in der englischen Sprache gehören sollte. Er sprach von der Kunstfertigkeit der Banker, aber nicht im positiven Sinne. Er umschrieb vielmehr ihr Talent mit Geld zu jonglieren, etwa Schuldenberge in sichere Anlagen zu verwandeln und somit die Finanzbehörden auszutricksen.
Strenge Vorschriften in Amerika sollten nach der letzten Wirtschaftskrise eine neue verhindern. Diese komplexen Regeln bestimmen, vereinfacht dargestellt, dass eine Bank nicht mehr als zehn Dollar pro Dollar Eigenkapital verleihen darf. Aber als die Hauspreise boomten, fanden die Banker immer neuere und geschicktere Wege diese Regel zu umgehen. Zerstückelt und neu verpackt wurden die Schulden als Investmentfonds geschickt weiter verkauft, so dass es manchen Geldinstituten gelang pro Dollar Eigenkapital viel mehr als zehn Dollar zu verleihen. So kam es, dass plötzlich eine Menge Geld im Umlauf war, Darlehen wurden immer billiger, Kredite wurden den Kunden fast nachgeworfen.Geschicktes Financial Engineering?
Schulden neu verpackt und an ausländische Banken verkauft
Dass die Hauspreise in den Keller sinken würden, gehörte nicht in die Rechnung der Finanzjongleure. Als der US-Immobilienmarkt nachgab, fanden sich auch europäische Banken plötzlich in dem Strudel mitgerissen. Sie hatten sich täuschen lassen von den geschickt verpackten Kreditrisiken der US-Banken, in die sie Geld investiert hatten.
Pandoras Büchse öffnet sich seitdem weiter und weiter: Börsenkurse fallen ins Bodenlose; Ein einzelner Händler, Jérome Kerviel, soll die französische Bank Société Générale um fast fünf Milliarden Euro erleichtert haben. Trotz der Beteuerungen des französischen Präsidenten, dass der interne Betrug die Verlässlichkeit des französischen Finanzsystems nicht grundsätzlich ins Wanken gebracht habe, sind nicht nur die Kunden verunsichert. Die Banken trauen sich nun gegenseitig nicht mehr, verleihen einander als Konsequenz immer weniger Geld.
Die US-Notenbank hat hektisch ihre Zinsen gesenkt, um ja eine Wirtschaftskrise zu vermeiden, die fast unausweichlich scheint. Die Europäer und vor allem die deutschen Exportmeister trifft der schwache Dollar sehr. Airbus, der größten europäischen Exporteur, verliert mit jeden weiteren 10 Cent, um die der Dollar fällt, etwa eine Milliarde Euro, gesteht Airbus-Chef Tom Enders, der sich zurecht Sorgen macht, denn der globale Flugzeug-Markt handelt in Dollar.
Wie mächtig sind die Politiker gegenüber einem liberalisierten Finanzmarkt?
Dass die Lage ernst ist, das hat sich mittlerweile auch unter den Politikern herumgesprochen. Der englische Premier Gordon Brown lud Ende Januar zu einem symbolträchtigen kleinen Gipfel in London ein. Es hatte ganz den Anschein als wollten die Politiker wirklich einschreiten, um den Finanzmarkt besser zu kontrollieren, um einen Damm gegen die Turbulenzen auf den globalen Finanzmärkten zu errichten. Angela Merkel, Nicolas Sarkozy, Romano Prodi und José Manuel Barroso fanden sich zu Tee und einem späten Diner in der Downing Street bei Gastgeber Gordon Brown ein. Brown kämpft immer noch darum, die englische Bank Northern Rock zu retten, doch der britische Premier zeigte sich deswegen nicht kompromissfreudig.
Den italienischen Vorschlag zur Gründung einer EU-weiten Aufsichtsbehörde lehnte Großbritannien ab. Sarkozy unterstützte den Vorschlag, Bundeskanzlerin Merkel hingegen stellte sich ins Team Brown. Uneins waren sich die Staatschefs auch über die Zinspolitik der Europäischen Zentralbank, die sich bisher wehrt, die Zinsen zu senken. Dass die Finanzmärkte transparenter werden müssen, um Risiken besser vorherzusagen, einzig darüber waren sich die europäischen Politiker einig.
Einhellig betonten sie, dass die europäische Wirtschaft stabil ist. Experten aber befürchten, dass die US-Hypothekenmarktkrise inzwischen die Gesamtwirtschaft in Europa erfasst hat. Die Frage ist auch, ob die Politiker überhaupt noch die Macht haben, den Finanzjongleuren das Handwerk zu legen. Die Liberalisierung der Finanzmärkte, auf die vor allem die Engländer so stolz sind und die auch die Europäer nicht angreifen wollen, hat eine Dynamik in Gang gebracht, die von den Staatschefs schon lange nicht mehr aufgehalten werden kann.
