Wenn man ein Instrument lernt, trifft man auf Etüden. Hinter diesem hübschen, blaugrauen (ja, oder etwa nicht?) Wort verbergen sich bekanntlich kurze Stücke, die so beschaffen sind, dass man an ihnen etwas ganz bestimmtes üben kann, und doch klingen sie wie ein eigenes Lied (jedenfalls für den begeisterten Anfänger). Das ungelenkere Wort Fingerübung hat dieselbe Bedeutung für das Schreiben. Es entstehen ganz kurze Texte, mit denen man etwas ausprobieren oder etwas üben möchte. Einige dieser Texte besitzen genug Faszination, um dringend weiterentwickelt werden zu müssen, aber das ist lediglich ein nicht intendierter Zusatzgewinn.
Druck und Unterdruck
Gewinnen kann man durch Fingerübungen vielerlei. Zum einen: Inspiration. Das merkt man schon bei jedem Spiel, jeder Übung in einer Schreibwerkstatt. Klimageographisch betrachtet treffen in dem Moment Über- und Unterdruck aufeinander. Man steht unter großem Zeitdruck, in zehn Minuten soll man etwas vorlesen, parallel dazu gibt es jedoch nicht den Druck etwas Tolles, womöglich „Literatur" verfassen zu müssen, denn befreienderweise geht das unter diesen Bedingungen ja gar nicht. Was dabei herauskommt, ist oft erstaunlich, die Ideen sind anders als alles, was man daheim am Schreibtisch fabriziert, fremder, freier entworfen. Durch so eine kurze Übung hat man etwas Kleines, auf das man stolz sein kann und mit dem man womöglich weiterarbeiten kann.
Wer nicht an einer Schreibwerkstatt teilnimmt und trotzdem ausprobieren möchte, unter Druck zu schreiben, kann sich mit Bekannten zum Schreiben verabreden oder jemanden informieren, dass man nun ein paar Texte fabrizieren wird, die man ihm in genau einer Stunde mailen wird. Selbstverständlich ist das nur ein Zusatzanreiz, ohne den man ebenfalls Übungen absolvieren kann.
Übungen aus dem Alltag
Jeder Tag bietet eine Menge Möglichkeiten, Fingerübungen einzubauen: Orte und Räume, Stimmungen und Atmosphäre wollen prägnant beschrieben, Menschen porträtiert sein. Dazu kann man die Augen offen halten, auf welche Weisen solche Beschreibungen und Porträts in der Literatur vorkommen und nimmt sich das als Vorlage, um es nachzuahmen oder zu parodieren.
Das Tagebuch ist ein einziger großer Übungsplatz. In dieser Woche verwendet man nur Verben, nächste Woche niemals das Wort „sein", und übernächste Woche schreibt man es aus der Perspektive der fiesen Nachbarin.
Oder noch etwas anderes: Man zieht zwei Romane aus dem Regal (die man beide schon gelesen hat!). Aus dem ersten leiht man sich eine Figur, gern eine gut konturierte Nebenfigur. Nun greift man sich aus dem zweiten Roman möglichst zufällig eine Szene heraus und lässt die Figur dort auftreten. Vorhang auf!
Übungen am bestehenden Text
Die anderen Vorteile von Fingerübungen liegen in der Verfertigung des handwerklichen Könnens. Eventuell weiß man bereits, wo die eigenen Schwächen liegen und möchte gezielt daran arbeiten. Oder man bleibt in einem Text stecken und wird doppelt frustriert, weil erstens der Text nicht gelingt und zweitens man durch das Steckenbleiben überhaupt nicht mehr zum Schreiben kommt. Dann kann man mit ein paar gezielten Fingerübungen für Fortschritte sorgen.
Ein beliebtes Problem, das jede Geschichte zum Stocken bringt, besteht darin, die Figuren nicht gut genug zu kennen. Dazu eine Übung:
Man nimmt sich eine der Figuren und lässt sie Tagebuch führen. Aber nicht irgendwie, sondern so, als ob sie den Autorenalltag miterlebt hätte. Wie hat die Figur den Zwischenfall im Bus erlebt? Wie kommentiert sie das politische Tagesgeschehen? Was hält sie von so einem wie meinem Freund? Wie drückt sie sich aus und was nimmt sie wahr?
Ein anderes großes Problem ist die Plotentwicklung. Wie soll es bloß weitergehen? Um sich auf diesem Gebiet lockerzumachen, nimmt man einen Text, egal ob fertig oder nicht, und hält nach den erzählerischen Weggabelungen Ausschau. An jeder Stelle, an der sich die Handlung in der Erzählung in eine Richtung entwickelt, für jede Entscheidung, die getroffen wurde, überlegt man sich nun fünf neue Varianten. Beim Schreiben begibt man sich oft auf eine Einbahnstraße und möchte unbedingt die erste Idee, die man hatte, genauso zu Papier bringen. Dadurch wird man blind für den Ideenreichtum, der um den Text herumschwirrt.
Geklaut von Alexander Nitzberg ist folgende Idee, um die unterschiedlichen Sprachregister zu trainieren. Man nehme eine Ballade, etwa Goethes Erlkönig, und fasse den Inhalt in exakt 12 Wörtern zusammen. Zuerst stichwortartig. Dann als korrekter Satz. Immer mit genau 12 Wörtern. Nun formuliert man diesen Satz in Jugendslang, dann in Beamtendeutsch.
Richtig kreativ ist man, wenn man zu den eigenen Bedürfnissen und Vorlieben die passenden Fingerübungen entwickelt. Dabei viel Spaß!
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