
- Szene aus dem Film - First Steps
Der First Steps Award ist zweifellos einer der schönsten Pflichttermine des Jahres. Erlaubt er doch wie durch einen Kristallkugel einen Blick in die nahe Zukunft des deutschen Kinos. Die Erfahrung der vergangenen Jahre zeigt: Wer sich hier dem illustren Publikum präsentieren darf, der kann was – und der wird was.
Von Newcomern und alten Hasen
Die beste Nachricht vorneweg: Endlich gibt es auch eine Kategorie "Schauspiel" bei diesem in Privatinitiative gegründeten Nachwuchspreis. Das ist nicht deswegen so großartig, weil es noch nicht genügend Nachwuchspreise gäbe, sondern weil einem hier schon des öfteren junge Talente auffallen konnten, denen man etwas mehr Bühne gegönnt hätte. Leider erschließt es sich einem nicht spontan, warum der zweifellos talentierte Mehdi Nebbou hier als "Nachwuchs" gehandelt wird, der in einem Alter seine schauspielerische Ausbildung beendete, in dem seine Mitbewerber zumeist noch den Kindergarten besuchten und dessen Lebenslauf zahlreiche (Haupt)rollen in den Filmen namenhafter Regisseure schmücken (unter anderem Benjamin Heisenberg, Steven Spielberg, demnächst auch Ridley Scott). Extrem der Kontrast zu der absoluten Newcomerin Luise Berndt, die in diesem Jahr erst ihr Schauspielstudium beendete. Die zarte, jünger wirkende 24-jährige nahm den mit 5.000 Euro dotierten Preis für ihre absolut überzeugende Darstellung der taubstummen Marie in Ann-Kristin Reyels Spielfilm "Jagdhunde" entgegen – die erste Filmarbeit ihres Lebens außerhalb der Hochschule.
Erstmals zwei Sieger
Ein wenig das Nachsehen hatten in diesem Jahr die kurzen und mittellangen Filme. Da im Segment "abendfüllender Spielfilm" so viele herausragende Filme eingereicht wurden, dass die Jury sich partout nicht auf einen einzigen Preisträger einigen wollte, wurden die beiden "kurzen" Kategorien kurzerhand zusammengelegt. Für seinen 23-Minüter "Die unsichtbare Hand", in der ein Testverkäufer eine schwerwiegende moralische Entscheidung treffen muss, trug der Kameramann und Regisseur Dirk Lütter schließlich den Preis nachhause. In der Kategorie "Dokumentarfilm" überzeugte die in der Ukraine geborene Regisseurin Eva Neymann mit ihrer leisen Sozialstudie "Wege Gottes", indem sie zwei Straßenkindern aus Odessa ihre bedingungslose Aufmerksamkeit widmete und ihnen dadurch, so die Begründung der Jury, "die Würde zurückgibt die ihnen das Leben zu nehmen versucht."
Kreativnachwuchs für die Werbeindustrie
Bevor der Abend auf seinen Höhepunkt zusteuerte, zeigte sich einmal mehr, dass deutsche Werbung noch ungleich kreativer und lustiger sein könnte, ließe man den Nachwuchs mal machen: Tim Günthers Werbespot "Schumanns Flucht", eine Persiflage auf den berühmten Sprung über den Stacheldraht, stach unter den vier auch visuell exzellent umgesetzten Nominierungen vor allem dadurch heraus, dass er sich auf das Wesentliche besann: eine Story, Bilder in schwarz-weiß, Blicke, die alles sagen.
Den größten Erwartungsdruck aber dürften die Preisträger und Nominierten der Kategorie "abendfüllend" verspürt haben: Erhofft man sich von ihnen doch, dass sie sich demnächst in die Riege mittlerweile prominenter Preisträger – Hans Weingartner, Valeska Grisebach, Vanessa Jopp – einreihen. Gut möglich, dass die zielstrebig wirkende Sonja Heiss, deren Backpacker-Tragikkomödie "Hotel Very Welcome" einen der beiden Preise abräumte, das deutsche Kino genau mit der Form präziser Beobachtung und selbstironischem Humor bereichern wird, die vielen Filmen dieses thematisch – wieder mal – eher düsteren Jahrgangs (noch) abgeht.
