Fische im Aquarium züchten – Beitrag zum Naturschutz?

Guppies vermehren sich zu Millionen - Gerhard Ott
Guppies vermehren sich zu Millionen - Gerhard Ott
Vermehrung, Zucht, Nachzucht und Erhaltungszucht. Viele Begriffe werden durcheinander gebracht. Versuch einer Klärung.

Wenn sich Fische im Aquarium fortpflanzen, nennt der Aquarianer das leichthin Nachzucht. Sein Tun bezeichnet er als Zucht oder Züchten und sich selbst als Züchter. Manche Fische muss man eher daran hindern, sich fortzupflanzen. Andere wiederum gelten, als züchtbar. Andere sind noch nie im Aquarium vermehrt worden. Es fällt auf, dass hier eine Reihe von Begriffen nebeneinander verwendet werden. Vermehrung und Nachzucht, Zucht oder Züchtung ist das alles das Gleiche? Richtig definiert wird kaum einer dieser Begriffe.

Dem schweizerischen Biologen Adolf Portmann (1897–1982) schreibt man den Hinweis zu, die Biologie sei die Naturwissenschaft mit den am schlechtesten definierten Begriffen. Ein Vergleich zur Physik fällt sicherlich verheerend aus. Ein lebend gebärendes Guppy-Weibchen bekommt im Aquarium Junge. Ist das Zucht? Ein Pärchen Buntbarsche der Art Thorichthys meeki legt Eier, versorgt die Larven und pflegt die Jungfische im Aquarium. Dazu muss ein Aquarianer meist nichts oder nur wenig tun. Ist er deshalb ein Züchter?

Fortpflanzung und Vermehrung

Biologisch gesehen ist Fortpflanzung ein natürlicher Vorgang. Dabei reproduzieren sich genetisch weitgehend identische Individuen und sorgen dafür, dass Exemplare einer neuen Generation entstehen. Fische vermehren sich in der Regel getrenntgeschlechtlich. Ein Elternpaar erzeugt viele Nachkommen. In der Natur überleben längst nicht alle. Im Aquarium kann es schon eng werden. Pflanzen sich also Papa und Mama Platy im Aquarium ohne besonderes Zutun des pflegenden Aquarianers fort, so ist das Fortpflanzung oder Vermehrung.

Zucht und Züchtung

Zucht bezeichnet die vom Aquarianer kontrollierte Fortpflanzung von Fischen und anderen Tieren. Dabei bringt er geschlechtsreife Exemplare verschiedenen Geschlechts zusammen. Das kann – je nach Art – mittels gezielter Anpaarung von Männchen und Weibchen oder in einer Gruppe geschehen. Meist werden dazu durch Fütterung oder Wasserwechsel besondere reproduktionsbiologisch vorteilhafte Konditionierungen und Bedingungen geschaffen. Wolfgang Ostermöller hat in den 1970er Jahren ein Buch geschrieben, welches es nur noch antiquarisch zu kaufen und in Büchereien gibt: Fische züchten nach Rezept.

Das beschreibt die Praxis, was der pragmatische Aquarianer tut: Ein Koch stellt die Zutaten zusammen und entsprechenden Bedingungen her, um eine gelungene Speise zu servieren. Aquaristisch Fische züchten heißt, die Fische so konditionieren und deren Lebensnotwendigkeiten so zu optimieren, damit gesunder Nachwuchs heranwachsen kann.

Auslese und Zuchtformen

Das entspricht auch der Bedeutung des Wortes Zucht im Sinne der Wortbedeutungslehre. Zucht kommt von ziehen, aufziehen, erziehen. Zuchthaus beinhaltet einen wortsinnigen Bedeutungswandel von Zucht. So wie Züchtung als biologischer Begriff meint: Zucht mit dem Ziel bestimmte Merkmale und Eigenschaften durch die gezielte Fortpflanzung zu erzielen oder zu erhalten. Züchtung wird mit einem definierten Ziel durchgeführt. Gewünschte Farben, Formen oder Verhaltensweisen sollen erzielt werden. Das Ergebnis sind Zuchtformen, die in der Natur nicht gibt. Die Zuchtformen des Goldfisches sind solche Beispiele, bis hin zu den Extremen der Qualzucht. Heutzutage ist es möglich, gentechnisch veränderte Fische zu „züchten“.

Erhaltungszucht – nicht von von L-Welsen

Fischarten sterben ebenso wie andere Tier- oder Pflanzenarten auch aufgrund menschlicher Einflussnahme aus. In Südamerika beispielsweise werden nur regional verbreitete Harnischwelse (Loricariidae), auch L-Welse genannt, durch den Bau gigantischer Staudämme bedroht. Deshalb möchten viele Aquarianer solche Fische über Erhaltungszucht für die Aquaristik konservieren. Ob dadurch eine spätere Auswilderung ermöglicht wird, steht auf einem anderen Blatt. Die Zucht von Arten in der Obhut des Menschen erfordert ein kontrolliertes Vorgehen. Die genetische Vielfalt mit einer Zuchtgruppe zu erhalten ist nicht einfach. Stellt sich doch die Frage: Wohin sollten die Fische ausgewildert werden, wenn ihre Lebensräume vernichtet sind?

Gerhard Ott, Annegret Ott

Gerhard Ott - Ott, Gerhard Manchmal genutztes Pseudonym: Perdurus Eus *11. Febr. 1954 in Walsum am Niederrhein, Studium Erziehungswissenschaften ...

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